Temptation Island

Eine andere Welt ist möglich: Joey Gosiengfiao macht den Camp im Sozialrealismus sichtbar.

Temptation Island 01

Dina (Dina Bonnevie) wird von ihrem Bruder von der Schule abgeholt; schon vorher haben ihre Freundinnen sie dazu aufgefordert, sich gegen die Bevormundung durch ihre Familie zur Wehr zu setzen. Da hatte sie zwar lächelnd abgewunken; bevor sie jetzt aber ins Auto steigt, schweift ihr Blick über die Straße, und sie zögert für einen Moment; oder genauer: für zwei Momente. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich zwei Attraktionen: Zuerst sieht sie nur einen Werbebanner für den Schönheitswettbewerb „Miss Malina Sunshine“, einen Wettbewerb, für den sie sich angemeldet hat, der ihr ein wenig Unabhängigkeit ermöglichen könnte – aber: Unabhängigkeit wozu? Ein zweiter Blick gibt eine mögliche Antwort: Direkt unter dem Banner stehen zwei Jungs, die sie bereits die ganze Zeit neugierig angeblickt haben, die sie tatsächlich, unmittelbar vorher, regelrecht fetischisiert hatten, vermittels einer weichgezeichneten Großaufnahme.

Vom urbanen Alltag auf die einsame Insel

Temptation Island 05

Zu Beginn ist Temptation Island ein Großstadtfilm: Hektik auf Manilas Straßen, schöne Seventies-Instrumentals (der leichte, unaufdringliche Rotstich des DVD-Transfers passt wunderbar zur Stimmung), junge Leute aus eher gutem, aber dann auch wieder nicht zu gutem, also nicht auf alle Zeiten saturiertem Hause; junge, ehrgeizige Leute, die ihre privilegierte soziale Stellung halten müssen, irgendwie, die begehrliche Blicke (filmisch übersetzt als Zooms) auf unbekannte Passanten oder entfernte Bekanntschaften werfen. Kleine Armuts- und größere Wohlstandspsychosen, hier und da ein Flirt, jeder hat einen Plan; die meisten Pläne, ahnt man, werden nicht verwirklicht, werden zerrieben zwischen all den Dingen, die man zwischendurch auch noch zu erledigen hat, zwischen all den Attraktionen, die sich vor einem ausbreiten, ob man das nun will oder nicht. Ein Film über den urbanen Alltag.

Temptation Island 04

Dann aber schaltet dieser Film um: Es geht um einen Wettbewerb. Dessen Regelsystem reduziert die Komplexität der Welt radikal: 20, 30 Mädchen nebeneinander aufgereiht, vier kommen ins Finale, nur eine kann gewinnen. Neben der leise zurückhaltenden Dina bleiben: Suzanne (Jennifer Cortez, voluptuous und über-bitchy), ein reiches Luder, das sich auf Schritt und Tritt von ihrer Haushälterin bedienen lässt; die eher nervöse Bambi (Bambi Arambulo), die früh im Film in eine Torte stolpert und das Wettbewerbsgeld braucht, um sich eine ordentliche Geburtstagsfeier leisten zu können; und Azenith (Azenith Brione), ein halbseidenes con girl, das gemeinsam mit einem noch halbseideneren boyfriend die Jury erotisch zu bestechen gedenkt. Diese vier jungen Frauen landen, gemeinsam mit ihrem jeweiligen Anhang, erst auf einem Kreuzfahrtschiff, und dann, nachdem dieses wegen zuviel Party abgesoffen ist, auf einer einsamen Insel: Die „Temptation Island“ besteht aus Sand, so weit das Auge reicht, und aus nicht viel mehr. Ein härterer Kontrast zur Reizüberflutung der Großstadt ist kaum vorstellbar.

Utopische/Dystopische Insel

Temptation Island 03

Joey Gosiengfiaos Temptation Island, einer der großen Kultfilme der philippinischen Kinogeschichte, ist, vom europäischen Außen her betrachtet, ein gleich noch einmal seltsameres Ding. Offensichtlich geht es um camp, um ausgestellte Hysterie, um sexy Trash – und gleichzeitig spielt der Film zunächst in einer durch und durch realistischen Welt, und selbst die zentrale Inselepisode ändert das nicht in jeder Hinsicht: Zwar wird man da sehr direkt aufgefordert, die Prämisse nicht auf Handlungswahrscheinlichkeit zu überprüfen und einfach einmal hinzunehmen, dass ausgerechnet die vier Hauptfiguren und ihre Liebschaften, ansonsten aber fast niemand das Unglück überleben; aber die Probleme, denen sich die vom Kinoschicksal aneinandergeschmiedete Truppe in der Einsamkeit stellen muss, bleiben alltagsnah. Wenn irgendwann riesige Eistüten auftauchen, auf denen die Frauen posieren, dann hat eben tatsächlich jemand begonnen zu halluzinieren.

Temptation Island 02

Gosiengfiao gelingt es, Sozialrealismus ansatzlos in camp übergehen zu lassen, vielleicht gelingt es ihm sogar sogar, das Campige sichtbar zu machen, das dem sozialrealistischen Kino inhärent ist (zum Beispiel der Fetisch der “leidenden Frau”; auch Lino Brockas Filme haben eine Ahnung von dieser Verbindung). Und gleichzeitig ist Temptation Island ein von schwuler Sensibilität angetriebener Film, der aber ohne eine einzige männliche Hauptfigur auskommt; der einzige (exponierte) Homosexuelle nimmt sogar ein schlimmes Ende auf der Insel. Was die Frage aufwirft, wie man das überhaupt zu verstehen hat mit dieser Insel. Mit diesem halb utopischen, halb dystopischen Raum, in dem die mitgebrachten Hierarchien und Begehrlichkeiten nicht einfach über Bord geworfen werden können. Manchmal sogar ganz im Gegenteil: Erst hier zeigt sich in aller Deutlichkeit die Brutalität, mit der Suzanne über ihre Dienerin herrscht. Azenith dagegen scheint einen Neuanfang versuchen zu wollen, mit einem Mann, den sie in Manila keines Blickes gewürdigt hätte.

Kino des Tabula Rasa

Temptation Island 06

Die Insel verführt, könnte man vielleicht sagen, gleichzeitig individuell und kollektiv. Die individuellen Verführungen verlaufen größtenteils im Sand – eine davon ganz buchstäblich. Die kollektive Verführung ist die interessantere: Hier ist erst einmal nichts, nur Gelb und Blau und Hitze und ein paar vertrocknete Bäume. Damit dürft ihr jetzt machen, was ihr wollt. (Diese Aufforderung ist nicht nur an die Figuren gerichtet ist, sondern auch an den Film selbst: Auch das Kino macht erst einmal tabula rasa, kann völlig neue Bilder finden, in die Wüste hineinhalluzinieren). Die alten Regeln gelten nicht mehr, es ist nicht von vornherein festgelegt, wer Feuerholz holen muss und wer sich ausruhen darf; und auch nicht, wer sich abends zu wem in den behelfsmäßigen Unterschlupf legt. Immer wieder (aber, weil Temptation Island ein kluger Film ist, immer nur momenthaft) triumphiert die Freude der kollektiven Verführung über die Enttäuschungen, die die individuellen Verführungen unweigerlich nach sich ziehen; dann planschen die Frauen und ihre Männer gemeinsam im warmen Wasser, oder sie tanzen lasziv auf dem ebenso warmen Strand. Gemeinsam scheint ihnen in diesen Momenten das Wissen: Eine andere Welt ist möglich.

Trailer zu „Temptation Island“


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