Tehilim (Psalmen)

In seinem neuen Film erzählt der Regisseur Raphaël Nadjari von einer israelischen Familie, die mit dem plötzlichen Verschwinden eines geliebten Menschen konfrontiert wird.

Tehilim

„Tehilim“ ist die hebräische Bezeichnung für „Psalmen“ aus dem Alten Testament, die auf den Priester-König David zurückgehen. Es kann sich dabei um Gedichte und Lieder, aber auch um Lehrstücke handeln, die Juden im täglichen Leben begleiten sollen. So gibt es für beinahe jede Lebenssituation einen Psalm: für kultische Vorgänge, Heirat und Geburt, aber auch für Trauer und Verzweiflung. In jedem Fall sollen sie eine Form exemplarischer Erlösung darstellen.

Tehilim (Psalmen) heißt auch der letztes Jahr im Wettbewerb von Cannes uraufgeführte Film des französischen Regisseurs Raphaël Nadjari. Nachdem er Ende der neunziger Jahre in die Vereinigten Staaten zog, wo er unter anderem die Filme The Shade (1999) und I am Josh Polonski’s Brother (2001) drehte, siedelte Nadjari vor einigen Jahren über nach Israel. Tehilim ist nach Avanim (2004) bereits sein zweiter dort entstandener Film. Darin geht Nadjari zwar auf die im Titel angesprochenen landesspezifischen Rituale ein, erzählt letztlich aber eine universelle Geschichte: Völlig unerwartet wird eine scheinbar intakte, gutbürgerliche Familie in Jerusalem von einem tragischen Ereignis erschüttert. Nach einem Autounfall verschwindet der Vater auf mysteriöse Weise, und als selbst die Polizei nach ausgiebiger Suche kein Lebenszeichen findet, müssen sich die verbleibenden Familienmitglieder langsam mit dem Verlust abfinden.

Tehilim

Das rätselhafte, bis zum Schluss ungeklärte Verschwinden des Vaters nutzt Nadjari vor allem, um zu zeigen, wie die verbleibenden Familienmitglieder auf unterschiedliche Weise mit der neuen Situation umgehen. Dabei konzentriert er sich auf den ältesten Sohn Menachem (Michael Moshonov), der irgendwo zwischen dem stillen Schmerz der Mutter (Limor Goldstein) und der Flucht in religiöse Rituale, wie sie die Verwandtschaft des Vaters praktiziert, nach einer eigenen Verarbeitungsstrategie sucht. Die Psalmen und das Judentum im Allgemeinen spielen bei dieser Suche eine entscheidende Rolle.

Bereits in der Eröffnungsszene sieht man Vater und Sohn, wie sie gemeinsam ein Sabbat-Treffen besuchen. Nadjari zeigt, wie sich Menachem zwar einerseits an solchen religiösen Ritualen beteiligt, andererseits aber seine Kippa abnimmt, wenn er mit Freunden unterwegs ist. Es ist kein Zufall, dass das Judentum in Tehilim eindeutig als patriarchale Kultur inszeniert wird, die fast ausschließlich Männer ausüben. Zu Menachems Großvater (Ilan Dar), der für einen konservativen, in Traditionen verhafteten Glauben steht, stellt die Mutter mit ihrer Herkunft aus einer säkularisierten Familie das genaue Gegenteil dar. Umso nachvollziehbarer erscheint es, wenn Menachem den plötzlichen Verlust seines Vaters dadurch kompensiert, dass er sich dem Großvater immer stärker zuwendet und von seiner Mutter entfremdet.

Tehilim

Die Geschichte einer Tragödie, die unerwartet in den Familienalltag hereinbricht, ist universell genug, um nicht allein über ein Verständnis der jüdischen Religion zu funktionieren. Sowohl die Handlung als auch die affektgeleiteten Figuren scheinen darauf angelegt zu sein, den Zuschauer in die Geschichte mit einzubeziehen und ihn zu berühren. Für so eine Wirkung bleibt das Geschehen auf der Leinwand allerdings ungewöhnlich weit entfernt. Das hat mit der unbeteiligten Perspektive zu tun, die der Film einnimmt. Nadjari rückt den Verlust, die Trauer und die Verarbeitung des Schmerzes zwar in den Mittelpunkt, macht es dem Zuschauer aber durch seine distanzierte Erzählweise nicht leicht, diese Gefühlszustände nachzuvollziehen. Sieht man den Figuren zu Beginn noch interessiert bei ihrer Suche nach Erlösung zu, macht sich im Laufe des Films genau jenes Gefühl breit, das für den Film am verheerendsten ist: Gleichgültigkeit.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.