Tectonics

Von Wolken, Wind und Waren: Tectonics porträtiert eine der problematischsten Grenzen weltweit als physische Wirklichkeit.

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Von Sonnenauf- bis -untergang verläuft der Weg, den Peter Bo Rappmund in Tectonics zurücklegt. Von Brownsville, Texas, am Golf von Mexiko bis nach San Diego/Tijuana am Pazifik. In Schlangenlinien entlang dem Rio Grande, durch die kargen Felswüsten von Sonora und Chihuahua bis zum Delta des Colorado River. Von Ost nach West, auf den Spuren der großen amerikanischen Siedlertrecks. Noch immer sprechen die ausgestreckten Weiten des Kontinents von Aufbruch und Freiheit, doch zu den natürlichen Gefahren ihrer Durchquerung sind polizeiliche hinzugekommen, und die Hoffnung hat die Himmelsrichtung gewechselt. Die vergangenen Züge gen Westen haben eine Schneise in der Landschaft hinterlassen, an der sich nun schon seit Jahrzehnten eine quer verlaufende Menschenbewegung bricht: der Strom von Süd nach Nord, von Mittelamerika in die USA, von unten nach oben.

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Über 3000 Kilometer verläuft die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, der Rappmund ein einstündiges Porträt widmet. Dutzende, wenn nicht Hunderte erbarmungslos scharfe und stark nachbearbeitete Fotografien hat er jeweils zu statischen, dabei jedoch seltsam vibrierenden Landschaftspanoramen zusammengesetzt. Man mag das alternativ beschreiben als hyperbeschleunigte Einzelbildsequenz oder zuckendes Animationskino. Ein kurzer Gedanke zum Titel hilft vielleicht weiter: Als Tektonik bezeichnet man ja das Studium der Bewegung der Erdplatten, die sich zur nur vermeintlich statischen Oberfläche unseres Planeten zusammenfügen. In diesem Sinne ist Tectonics von einem permanenten Beben erfüllt.

Rappmund hat schon einige ähnlich gestrickte Filme realisiert, die mal in Museen, mal auf Filmfestivals gezeigt werden. Tectonics jedoch sollte, da der Film wirklich eine dramaturgisch fein ausgearbeitete Reise beschreibt, möglichst am Stück und ohne Ablenkung geschaut werden. Rappmunds hybride Form zwischen permanenter Unterbrechung und angedeuteter Bewegung gewinnt hier eine maximale metaphorische Macht. Ohne seine politischen Motivationen oder Ambitionen je explizit zu machen, erzählt der Film allein mithilfe seiner Motive von Trennung und Überquerung, von menschlichem Grenzenziehen und terrestrischer Gleichgültigkeit.

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Das diskontinuierliche Element der Bilderfolgen pflanzt sich unmittelbar in die Wahrnehmung der Landschaften fort; teils, weil Rappmund seine Bilder gezielt mit horizontalen und vertikalen Linien durchzieht, teils, weil die Natur mit Canyons, Flussläufen, Gebirgszügen an einer Aufteilung der Umgebung mitzuarbeiten scheint. In einer Einstellung verläuft am unteren Bildrand ein Weg, durch die Bildmitte schießt ein ihn in zwei Hälften teilender Zaun, im Hintergrund schlängelt sich der Rio Grande: Die unterschiedliche Formensprache von Mensch und Natur wird ästhetisch und gewinnt damit Anschauungsqualitäten, die das spezifische Setting der US-mexikanischen Grenze weit transzendieren.

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Doch über allem ziehen ständig die Wolken hinweg, und an den Küsten blickt Rappmund in die gleichmütige See: Auf fast mysteriöse Weise erzwingt Tectonics Überlegungen zum Verhältnis von Ökologie und Ökonomie, den Konzepten von Natur und Kultur. Denn die Natur hat hier keine Unschuld. Zu präsent bleibt stets das Wissen um die jährlich Hunderten von Toten, die beim versuchten illegalen Grenzübergang verdursten und von der Hitze erschlagen werden, wenn wir auf die uniformen und zerklüfteten Ebenen der menschenleeren Wüsten schauen. Der Horizont ist messerscharf gezogen, er trennt den umschließenden Himmel vom Drama auf dem Boden.

Je weiter Rappmund nach Westen vordringt, desto manifester wird die mit Stahl, Maschendraht, Kameras und Beton gesicherte Gebietsaufteilung. Zäune, Wälle, Checkpoints ziehen sich von Ciudad Juárez bis an den Pazifik. Während die Schicksale von Immigranten, die Arbeit von Border Patrol und Minutemen nur zu erahnen sind, der Kampf um Einlass und Ausschluss kein menschliches Antlitz gewinnt, ist der ökonomische Austausch unleugbar: Trucks und Züge flitzen hin und her, der Warenverkehr scheint wie die Wolken keine Grenzen zu kennen.

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Tectonics ist in seiner zuckenden HD-Optik meilenweit entfernt vom kontemplativen Denk-Seh-Modell eines James Benning. Viel eher wird durch eine recht hohe Schnittfrequenz der Reflexionsstrom beständig geupdated, unterbrochen, umgeleitet. Ähnlich wie in den Filmen von Heinz Emigholz sind die Wechsel zwischen Ansichten zumeist mit klar voneinander unterschiedenen Soundkulissen akzentuiert. Doch anders als dessen vom je gleichen lokalen Standpunkt aus aufgenommene Sound- und Kameraperspektiven gestaltet der ausgebildete Musiker Rappmund seine Geräuschumgebung mit konstruktivistischer, weil spürbar aus verschiedenen Quellen schöpfender Detailversessenheit. Expressiv entfaltet sich da eine Soundwelt, die mithilfe sorgsam arrangierter field recordings eine ganz eigene Reisegeschichte erzählt, gebaut aus Versatzstücken wie von Ferne hallendem Kindergeschrei, Ochsengemuhe und spanischsprachigen Songs. Das ist teilweise so immersiv, dass man sich an Genregrößen wie die Audio-Touren des Soundwalk Collective erinnert fühlt. Über alle Schnittgrenzen hinweg scheint dabei der Wind zu ziehen, wie die Wolken über die Bilder.

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Bei aller formal-inhaltlichen Schlüssigkeit und trotz seiner technischen Brillanz ist Tectonics kein rundum gelungenes Projekt. Man mag gewisse moralische Vorbehalte hegen, ob sich Rappmund mit seiner schicken HD-Observation der Unrechtseinrichtung Grenze nicht allzu leicht aus der Affäre zieht. Natürlich braucht man kein weiteres, auf Erlebnisberichte fokussiertes Werk in die mittlerweile unübersichtliche Flut von Migrationsreportagen und -spielfilmen zu schmeißen. Aber zuweilen ist Rappmund allzu spürbar davon entzückt, in jedes seiner Bilder die Achsen und Linien der Grenze einschreiben zu können. Gerade im letzten Abschnitt mehren sich simple Zentralperspektiven entlang der Zäune (links: Mexiko, rechts: USA) und reißerische Schuss-Gegenschuss-Wechsel durch die Eisenpfähle. Das fühlt sich beizeiten etwas zu sehr nach journalistischem Bebilderungskitsch an. Aber nichtsdestotrotz: Als politisches wie landschaftliches Panorama und ebenso reichhaltige wie gekonnt inszenierte Denkreise ist Tectonics ohne Vergleich.

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