Tatort – Aus der Tiefe der Zeit

Westend Babylon.

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Ein Münchner Stadtteil wird zum Vorzeigeobjekt der Gentrifizierung: In der Nachkriegszeit war das Westend noch ein „Scherbenviertel“, ein halbes Jahrhundert später dann ein angehender Szenebezirk und heute schließlich ein seelenloses Mekka der Besserverdienenden. Hat man erst einmal das Synthie-Akkordgewitter aus dem Vorspann von Dominik Grafs aktuellem Beitrag zur sonntäglichen Fernsehinstitution Tatort durchgestanden, wird man mit einer großartigen Eröffnungssequenz belohnt, die auch dem letzten Zuschauer klar macht, dass er in den folgenden 90 Minuten etwas Abwechslung zur deutschen Fernsehtristesse zu sehen bekommt. Mit einem Mal ist Kommissar Franz Leitmayer (Udo Wachtveitl) fremd in der eigenen Stadt. Angepeitscht von den falschen Anweisungen seines Navis kurvt er hilflos zwischen lärmenden Baustellen umher und gerät von einer Sackgasse in die nächste. Ein scheinbar trockenes Thema – städtebauliche Veränderungen – vermittelt Aus der Tiefe der Zeit in nur wenigen Minuten mit einer rasant geschnittenen Irrfahrt durch die Luxuswohnblöcke von morgen.

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Es ist jedes Mal ein Ereignis, wenn ein neuer Krimi von Dominik Graf über die Bildschirme flackert. Während in Amerika seit Jahren ein Serienevent auf das nächste folgt, erinnern uns seine Filme daran, wie innovatives und dynamisches Genreheimkino in Deutschland aussehen kann. In regelmäßigen Abständen dreht Graf kleine Juwelen fürs Fernsehen, mitunter auch Beiträge für angestaubte Traditionsserien wie Polizeiruf oder eben Tatort. Dabei ist es immer wieder bemerkenswert, wieviel Zorn bei Teilen des Publikums aufkommt, sobald sich jemand von den biederen Konventionen des Fernsehkrimis emanzipiert. Ein Blick in die Online-Foren genügt: Man verstehe das Genuschel der Darsteller ja gar nicht, wird kritisiert, oder dass die Handlung wirr und unrealistisch sei, und dann werde auch noch die ganze Zeit geraucht. Nun ja, so sieht es eben aus, wenn die Möglichkeiten eines Formats mit eng gesetzten Grenzen einmal voll ausgeschöpft werden.

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Auch Aus der Tiefe der Zeit – nach Schwarzes Wochenende (1986) und Frau Bu lacht (1995) Grafs dritter Beitrag zur Reihe – packt wieder soviel wie möglich in seine 90 Minuten. Was mit einer Leiche in der Baugrube beginnt, entwickelt sich schnell zu einer wild wuchernden Erzählung über Ländergrenzen hinweg, die ihre Bahnen vom hedonistischen Münchner Bauklüngel bis in die Vergangenheit zieht. Die Handlung kennt keine Beschränkungen, jongliert mit verschiedenen Erzählsträngen und einer Vielzahl an Nebenfiguren und bleibt dabei doch bis ins kleinste Detail ökonomisch. Alles ist mit allem verzahnt, nichts ist zufällig. Die Nachbarin etwa, die Leitmayer in seiner vorübergehenden Unterkunft kennenlernt, ist Teil einer Bürgergewegung, die gegen den Bauwahn des Mordverdächtigen protestiert. Als sie Leitmayer das Traditionswirtshaus „Bürgerheim“ empfiehlt, platzt er dort gleich mal in eine geschlossene Veranstaltung seiner Antagonisten. Die Herkunft von Kollege Ivo Batic (Miroslav Nemec) nimmt das Drehbuch von Bernd Schramm dagegen als Anlass für eine jugoslawische Migrationsgeschichte, die bis in die Nazizeit zurückreicht.

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Grafs Filme spielen gerne mit Zuspitzungen und Übertriebungen und sind damit dem US-Genrekino mitunter näher als dem heimischen Realismus. Die Vorwürfe der Krimitraditionalisten, sie seien deswegen unrealistisch oder eiferten zu sehr amerikanischen Vorbildern nach, sind dagegen unhaltbar. Es gibt wohl kaum deutsche Fernsehproduktionen, die sich derart intensiv mit Geschichte und Gegenwart ihrer Schauplätze auseinandersetzen. Graf belässt es nicht bei oberflächlichem Lokalkolorit wie der Frauenkirche im Hintergrund oder dem bayerischen Dialekt einiger Darsteller, er erzählt auch von Gentrifizierungsgegnern, Society-Friseuren, korrupten Immobilienhaien und dem traditionsreichen Circus Krone.

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Vergleicht man Aus der Tiefe der Zeit mit Grafs letzten Fernsehproduktionen Cassandras Warnung (2011) und Das unsichtbare Mädchen (2011), fällt er ein wenig hinter diese zurück. Besonders im Mittelteil, in dem sich die Aufmerksamkeit auf das Drama der zerrütteten Familie Holzer konzentriert, verliert der Film etwas von jenem aus ständiger Überforderung generierten Drive, der Grafs Filme ansonsten auszeichnet. Es ist freilich eine Enttäuschung auf hohem Niveau und etwas Gutes bringen diese dichteren Abschnitte dann auch mit sich. Denn in ihnen wird die Aufmerksamkeit auf zwei spröde Frauenfiguren gelenkt, die den rauen Charme des Films maßgeblich mitbestimmen. Zum einen ist da eine wild gewordene Erni Mangold als schießwütige Zirkusveteranin, die mit ihren fast neunzig Jahren beweisen darf, dass es für Frauen in ihrem Alter sehr viel interessantere Rollen gibt als die der wehleidigen Oma; zum anderen eine ebenfalls sehr lustige Meret Becker, die eine jener zwielichtigen Femme Fatales verkörpert, wie man sie in Grafs Krimis immer wieder zu sehen bekommt: verführerisch, eiskalt und ein bisschen ordinär. Wer dahinter nur aufreizende Dekoration vermutet, sollte sich Aus der Tiefe der Zeit unbedingt ansehen. Denn wo die Männer scheinbar viel zu sagen haben, mit ihrem Geld, ihren Knarren oder anderen Insignien der patriarchalen Macht, schlummert manchmal auch das Matriarchat.

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