Tatil Kitabı

Mit Tatil Kitabı setzt der neuere türkische Film seinen leisen Siegeszug durch die Kinosäle fort: Minimalistisches Erzählen zwischen Tradition und Moderne, vor beeindruckender Naturlandschaft.

Tatil Kitabi

Tatil Kitabı wird von seiner ersten und letzten Einstellung gerahmt wie von einer großen Klammer. Zweimal steht ein Fahnenmast im Zentrum des Bildes, zu Beginn die türkische Flagge inmitten der Ruinen der armenischen Burg Silifkes, auf den Hügeln hoch über der Mittelmeerküste, am Ende neben der unvermeidlichen Büste des Republikgründers Atatürk auf dem Hof einer Grundschule. Die Geschichte der Türkei, eine Geschichte im Zwischenraum, eine Geschichte des Wandels: hier gerichtet auf die Zukunft, auf das Leben der Kinder, dort trotzig auf dem Trümmerfeld der Vergangenheit errichtet.

Tatil Kitabı

Sefi Teomans Film führt uns in den drückend heißen Süden der Türkei, in die Region Akdeniz, zugleich Heimstätte des anatolischen Konservatismus und emporstrebender Wirtschaftsraum. Es ist jener Landstrich, dem sich Yilmaz Güney Anfang der Siebziger (Umut, 1970) mit der Formsprache des italienischen Neorealismus annahm und damit den Beginn des eigenständigen türkischen Autorenkinos einläutete. Schaut man Tatil Kitabı, der sich in seiner ruhigen und klaren Sprache und dem dezidierten Blick auf die Lebensumstände der Menschen zu den Traditionslinien realistischen Inszenierens bekennt, wird man des enormen Sprunges gewahr, den das Land und sein Kino in der Zeit seit Güney gemacht haben. Damals flackerten die Geschichten von einem Leben in größter Armut in harschem Schwarz-Weiß über die Leinwand; minimale Budgets, veraltetes Material und gespannte politische Verhältnisse schrieben sich tief in Güneys Werke ein, ihr Realismus stürzte durch die Brutalität des Schicksals in einen grimmigen poetischen Nihilismus. Die ewige Suche nach Arbeit, die Hitze, die Trockenheit, man wähnte sich am Ende der Welt.

Tatil Kitabı

Nun, im Jahre 2008, ist mitnichten alles einfach im rauen Süden. Noch immer wandert die Jugend ab, nach Adana, Mersin, oder gleich nach Istanbul und Ankara. Die Arbeitsbedingungen sind hart, der Lohn niedrig, die Gleichstellung von Mann und Frau weit von den Verhältnissen der Ägäis entfernt. Aber dennoch: Tatil Kitabı öffnet sich hin zur Hoffnung, glaubt an die Fähigkeit zu Lernen und Veränderung. Auf das Trümmerfeld, das wir am Anfang lange als menschenleeres Tableau beobachten, strömt eine Schar schnatternder und spielender, blau uniformierter Schulkinder, sie wandern auf den Überbleibseln einer Hoffnungslosigkeit, für die in den Siebzigern noch kein Ausweg denkbar schien. Im 12. Jahrhundert wurde die Burg von Armeniern erbaut, zur Verteidigung gegen die Selçuk-Türken, die Bastion ist gefallen.

Tatil Kitabı beschreibt in feinen, beizeiten nahezu unsichtbaren Erzählbögen einen Konflikt, der in der Sommersonne wie eingelullt, in der Schwebe gehalten scheint, ein Konflikt zwischen der Dynamik des Lernens, des Heranwachsens und der Statik traditioneller Familienverhältnisse, der rauen Landschaft. Mustafa (Osman İnan) hat darin wie auch in seinen Lebensvorstellungen einen Gleichgewichtszustand gefunden, der ihn auf überhebliche Art von sich überzeugt gemacht hat. Zwischen den felsigen Hügeln des Küstenstreifens gedeihen seine Limonenplantagen, bittere Früchte eines trockenen Bodens. Er ist ein gemachter Mann, seine Familie versorgt. Aber die Jugend verlebte er in den Zeiten Yilmaz Güneys, und die Entbehrungen, durch die er zum Mann geformt wurde, haben aus ihm einen unnachgiebigen Patriarchen gemacht.

Tatil Kitabi

Seine Söhne, Ali (Tayfun Günay) und Veysel (Harun Özüağ), sind hingegen Kinder jener neuen, noch weitgehend formlosen Türkei, empfindsame Wesen, gute Schüler und Studenten, aus strengem Elternhaus. Als der ältere Veysel die Offizierskarriere hinschmeißen und stattdessen Wirtschaft studieren möchte, bekommt er Drohungen und Unverständnis zur Antwort. Und so muss der zehnjährige Ali dafür herhalten, dass des Vaters Vorstellungen von einem echten männlichen Leben nicht versiegen: er wird zum Kaugummiverkaufen auf die Straßen geschickt. „In seinem Alter habe ich mit meinem Vater auf dem Bau gearbeitet. Damals habe ich ihn dafür gehasst, heute bin ich ihm dankbar.“ Diese Worte fassen perfekt zusammen, was Mustafa unter richtiger Erziehung versteht: das Opfer der Liebe für eine Vorbereitung auf die Härten des Lebens.

Tatil Kitabi

Für Liebe und Weichheit sind die Frauen zuständig, in Gestalt der Mutter (Ayten Tökün) hier einmal mehr dargestellt als tragisches, weil zur Passivität und damit zum Lamentieren verdonnertes Wesen. Vater und Mutter bauen autonome, sich gegenseitig auszuschließen scheinende Beziehungen zu ihren Kindern auf, er poltert und gebietet, sie lädt den abtrünnigen Sohn verschwörerisch ins Haus und kocht Essen, während der Vater auf den Plantagen Geld verdient. Die Welten von Frauen und Männern bleiben hermetisch getrennt: hier Ordnung und Dominanz, Armee, Moschee, Beruf. Dort Zärtlichkeit und Rückzug, der Aberglaube, der Fernseher.

Tatil Kitabı

Die familiäre Konstellation, das Spiel aus Macht und Unterwerfung, das Teoman in Tatil Kitabı zeichnet, steht damit in enger Verwandtschaft zu den neueren türkischen Filmen wie Reha Erdems Beş Vakit (2005) oder Bal (2009) von Semih Kaplanoglu. Zu letzterem verhält sich Tatil Kitabı, mit seinem kindlichen Hauptdarsteller und der engen Verwobenheit von Leben und Land wie ein entfernter Bruder vom anderen Ende des türkischen Subkontinents.

Die Erzählzeit des Filmes erstreckt sich über die Sommerferien Alis und Veysels. Der Titel verweist auf ein Ferienlernbuch, das die Schüler am letzten Schultag überreicht bekommen und das Ali noch auf der Schwelle des Schulhofes geklaut wird. Der Trick des Regisseurs ist klar: Ali wird in den Ferien viel über und aus dem Leben lernen. Am Ende fragt der Lehrer: „Wer lernt mehr: der, der viel liest oder der, der viel reist?“ Ein Bildungsfilm ist Tatil Kitabı, Bestandsaufnahme einer Gesellschaft im Lernen, im Wandel.

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