Tanna - Eine verbotene Liebe

„Denn nie verdarben Liebende noch so wie diese.“ In Tanna spielen die Ureinwohner Vanuatus eine Tragödie der arrangierten Ehe nach.

Tanna 5

Das titelgebende Tanna ist eine Insel im Südpazifik nordöstlich von Australien, ein Teil der Republik Vanuatu. Der offizielle Begleittext zum Film – schrecklich, wie es sich gehört – schwärmt von einem entlegenen Eiland, das unserem Alltag so fern ist. Damit lässt er einen Südseefilm unter anderen imaginieren, die die Weltflucht auf der einen Seite und vertraute Geschichten auf der anderen träumen. In Murnaus Tabu, dem Klassiker des Genres, war das Konzept Geld schuld an dem unglücklichen Ausgang. Im Unterschied dazu wissen die Bewohner von Tanna sehr wohl um dessen Gefahr. Dem Geld setzen sie bewusst den Tauschhandel entgegen. Nur die Bewohner einiger weniger Dörfer auf der Insel haben den Kolonialmächten und Missionaren auch bis heute standhalten können. Ihr Fortbestehen als Kultur und Kollektiv führen sie auf die strenge Befolgung alter Gesetze zurück. Sie leben und wirtschaften, wie sie es vor vielen Jahrhunderten getan haben. Die Insulaner beharren fest an ihrem kastom – die arrangierte Ehe bildete „schon immer“ dessen Kern. Beispiel eines Tauschhandels: Die Filmemacher Martin Butler und Bentley Dean und die Einheimischen erzählten sich im Vorfeld gegenseitig Geschichten. Die hier ist eine Tragödie: Im Jahr 1987 nahmen sich mehrere Liebespaare als Protest gegen Zwangsheirat das Leben. Ein alter Mann erzählt singend, was im Folgenden aufgeführt wird.

Liebe, die nicht sein darf

Tanna 6

Am Anfang ist das Paradies. Nach dem Wachwerden ist jeder sofort auf den Füßen, in einem Ruck schon draußen, im zweiten schon im Wasser. Das Mädchen Selin (Marceline Rofit) reißt sich aus dem Spielkreis anderer Kinder und saust davon. Ihr aus Gras gebundener Rock reicht bis zu den flotten Kindesfüßen, beim Laufen flattert und wedelt er drollig hin und her. Die älteren Frauen sagen später, man solle den eigenen Rock immer gut festhalten, während die Männer hinter einem her sind. Die Frauen lachen hier viel, ihre Waffe ist Zunge und Wortwitz. Selin, die Ungehorsame. Ein anderes Mal schnappt sie sich den Penisbeutel eines Jungen, der ihn gerade zum Baden abgelegt hat, und flüchtet in die ans Dorf angrenzende Tabuzone. Tabu heißt hier Lebensgefahr – die Krieger eines feindseligen Stammes verbergen sich dort in böser Absicht. Selin, die Kluge, weiß um die Liebe ihrer älteren Schwester Wawa (Marie Wawa) zu Dain (Mangu Dain), dem Enkel des Häuptlings. Sie hat die beiden aus ihrem Versteck heraus und durch das dicke Waldgesträuch hindurch beobachtet. Wawa und Dain sind die zwei schönsten. Die Verlegenheit der Liebenden zieht ihre Mundwinkel bis hin zu den Ohren. Ihre Haut strahlt vor lauter grünem Hintergrund, als sie sich ihre Gefühle zärtlich preisgeben. Das Problem hier ist jedoch die Zerstrittenheit zweier Stämme. Keulen werden begraben und Schweine ausgetauscht, um Angst und Gewalt ein langersehntes Ende zu setzen. Die schöne Wawa verspricht man in obligatorischer Friedensgeste einem anderen.

Schule des Ungehorsams

Tanna 4

Die Inselbewohner in Tanna „spielen sich selbst“ – sie tun es dermaßen gut, sind so in ihrem Element, lassen die Kamera so nah an sich heran, dass man staunt, wie schnell sie sich das ihnen neue Medium zu eigen gemacht haben. Die zwei Liebenden trauern mitten im Fluss und in sich versunken, als wären sie ihrer Welt bereits entrückt. Mit dem Schmuck aus Pflanzen und Federn, mit ihren Umhängetäschchen sind die beiden ein Denkmal ihrer selbst. Ihre Liebe ist unbedingt, die ist sich sicher. Es scheint, als hätten die Regisseure alles gut im Griff: Dean ist für das Bild, Butler für den Ton zuständig. Während sich der Film seinem Gegenstand und seinen Figuren nähert, wird er selbst zum Objekt der Sehnsucht: Tanna enthält so vieles, was nacherzählt werden will. Die großen Bilder sind breit kadriert, die darin eingefangene Natur ist schön und ursprünglich. Selin und der Stammesschamane sitzen am Krater des Vulkans, der flüssiges Feuer spuckt. Das fesselnde Spektakel der Grundelemente füllt im Gegenschuss die Leinwand. Der Vulkan Yasur ist für die Menschen von Tanna ein Ort der Erkenntnis, das heilige Zentrum ihrer Vorstellungswelt. Ein verklärter Ort. Ihm und einander sind Bild und Ton von Tanna auch immer würdig. Der Himmel färbt sich mal rot, mal lila oder schwarz. In Lisa Gerrards himmlischem Gesang bleibt die Sprache weg. Die Basisgeschichte, auf das Eigentliche reduziert, ist rund und kreist zum Ende hin immer mehr um das glühende Jenseits. Der Anblick des Vulkans macht demütig, aber als Eigensinn der Natur lehrt er auch den Ungehorsam. Wawa und Dain trotzen der arrangierten Ehe mit Beischlaf, erfolglos. Sie ziehen fort, versuchen sich bei den Christen zu verstecken, die an der Küste leben – die sind den beiden und auch mir unheimlich.

Antoine Doinel des Urwaldes

Tanna 3

Die Vorführung des fertigen Films müsste für seine Darsteller ein Ereignis gewesen sein. Was sie zum ersten Mal auf einer Leinwand gesehen haben, waren sie selbst. Der Wald und der Vulkan waren die heimischen. Doch die eigene Bildtauglichkeit konnte ihnen bis dahin nicht ganz verborgen bleiben. So wurden 2007 fünf Insulaner vom britischen Channel 4 für eine Fernsehdokumentation nach Großbritannien geladen. Auf Arte lief die Dokumentation unter dem Titel Besuch aus der Südsee vor circa einem Jahr in Wiederholung. Das Foto in Tanna, das eine der Figuren an der Seite von Prinz Phillip zeigt, könnte in Verbindung damit und zur selben Zeit entstanden sein. Die ungewöhnliche Vorliebe für den britischen Prinzgemahl muss sich – so scheint es – in einem sich mir kaum erschließenden Zusammenhang mit Geschichte und Fortbestehen dieser Kultur stehen. Für Martin Butler und Bentley Dean ist ihr Film eine naheliegende Form des Festhaltens. In ihm ist die kleine Selin das Symbol einer möglichen Zukunft. Ihr Gesicht in der Großaufnahme ist ernst, das Schlussbild ist ein Freeze Frame. Selin, diese Antoine Doinel des Urwaldes, wird zu ihrer Zeit aus Liebe heiraten dürfen. Was sie mitverfolgt, wird sie bereichern. Es ist alles wunderbar in Tanna. Vielleicht ist es einfach zu gut.

Andere Artikel

Trailer zu „Tanna - Eine verbotene Liebe“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.