Tango libre

Wenn Kleinstadt-Gangster die Hüften schwingen.

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Eingesperrt will keiner sein. Schon gar nicht in seinen eigenen Unzulänglichkeiten. Doch die Kamera zwängt Jean-Christophe, den sympathischen Antihelden in Frédéric Fonteynes Film Tango Libre gnadenlos in einen engen Ausschnitt. Zu sehen ist er in seiner Wohnung. Hinter ihm eine schrullige Mustertapete, im Vordergrund ein rechteckiges Aquarium mit Goldfisch. Jean-Christophe (François Damiens) verspeist ein Krabbenbrot und übt dabei Tanzschritte – mit unmöglich steifen Hüften. Dieser Typ hat Ähnlichkeit mit seinem Goldfisch. Er ist durchschnittlich, einsam und eingeengt in seiner faden Lebenswelt. Doch er kann zum Sprung aus dem trüben Alltagswasser ansetzen. Der Weg hinaus führt über Leidenschaft.

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Zu wecken versucht Jean-Christophe sie in einem Tango-Kurs. Als er dort auf die verführerische Alice (Anne Paulicevich) trifft, entfesselt sich die Kamera und tanzt mit den beiden und um sie herum. Jean-Christophe verknallt sich über beide Ohren. Blöd nur, dass er seine Flamme bald darauf im Gefängnis wiedersieht. J.C., wie ihn seine Kollegen nennen, ist dort als Wärter angestellt. Alice besucht dort gleich zwei Häftlinge, ihren Ehemann Fernand (Sergi López) und ihren Liebhaber Dominic (Jan Hammenecker), Raubmörder und beste Kumpels. Tollpatschig drängt sich J.C. in diese scheinbar gut funktionierende Dreieckskiste, die eigentlich eine Viereckskiste ist, weil da auch noch ein eifersüchtiger 15-jähriger Sohn (Zacharie Chasseriaud) eine Rolle spielt. Und los geht ein wilder Tanz in der Fünfeckskiste.

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Wie viele der Meisterwerke des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki gewinnt Tango Libre seinen Charme aus der Paarung einer trockenen Arbeiter-Milieu-Studie mit Elementen aus Gangsterfilm und Romanze. Da ist das triste Kleinstadt-Leben, der stumpfe Job im Gefängnis, das kleine Reihenhaus, in dem die Krankenschwester Alice mit ihrem pubertierenden Sohn lebt, wo zum Abendessen Fischstäbchen in die Pfanne kommen, wo die Kippen glühen und wo die Leidenschaft schließlich zwischen einem Stapel Bügelwäsche und dem Küchentisch entflammt. Als Fernand und Dominic spitz kriegen, dass sich da etwas zwischen J.C. und Alice abspielt, wird der Knast zum Haifischbecken. J.C., der Goldfisch, schwimmt mittendrin. Fernand lässt sich nicht ausbooten. Er wendet sich an den größten Fisch im Becken, einen von allen gefürchteten argentinischen Gangster: Um Alice zu beeindrucken, will auch er den Tango lernen.

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Der Argentinier entpuppt sich als Vollblut-Tänzer, der fortan gleich allen harten Jungs in den Gemeinschaftsräumen beibringt, wie man die Hüften richtig schwingt. Gekonnt bietet er feurige Schrittfolgen dar, gespielt wird er von dem bekannten argentinischen Tango-Tänzer Mariano „Chicho“ Frumboli. Die Insassen werden zum fröhlichen Fischschwarm. Mit synchronen Gruppenchoreografien, Nahaufnahmen von schnell über den Boden gleitenden Füßen und mit im Gegenlicht gefilmten Tanzpaaren persifliert Tango Libre klassische Elemente des Tanzfilms. Auch homoerotische Momente schleichen sich in die auf Regeln der Männlichkeit bauende Gemeinschaft ein.

Bei aller Heiterkeit kommt aber die tragische Dimension ebenfalls nicht zu kurz. In der Zelle macht sich Depression breit, Fernand soll zehn Jahre sitzen, Dominic wegen Mordes sogar 20. Es kommt zu Kopfnüssen und Selbstmordversuchen. Der Sohn erfährt, dass nicht der sein Vater ist, von dem er es annahm, und als er zu Hause eine Pistole findet, droht er, seine Mutter zu erschießen. Eine Nutte sei sie, feuert er ihr entgegen, weil sie jetzt auch noch mit dem Gefängniswärter rummache. Tango Libre ist eine Tragikomödie, bei der jeder Plot-Point an der richtigen Stelle sitzt, wie bei einer gelungenen Choreografie.

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Das liegt am perfekt ausbalancierten Drehbuch. Die Hauptdarstellerin Anne Paulicevich hat es selbst und sich damit Alice, ihre erste größere Kinorolle, auf den Leib geschrieben. Ausgebildet ist sie eigentlich als Tänzerin. Erst 2007 startete Paulicevich mit Nebenrollen ihre Karriere beim Film. Mit Tango Libre ist der Quereinsteigerin ein erfreulicher Coup gelungen. Ihre Rolle spielt sie natürlich mit Herzblut. Wenn sie Teller durch ihre kleine Küche wirft, fühlt man ihre Verzweiflung. Und auch das restliche Ensemble läuft zu Hochform auf, plakative Archetypen – der Naive, der Macho, der Sensible – werden zu nuancierten Figuren. Zwischen ihnen rumpelt es gewaltig, doch wie es sich für eine Komödie gehört, wird am Ende die Ordnung wieder hergestellt. Dem Helden gelingt der Sprung raus aus dem Aquarium und rein in wildere Gewässer. Vorbei ist das Goldfisch-Dasein.

Trailer zu „Tango libre“


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Kommentare


sk

Das klingt aber sehr sehr positiv. Wie Kaurismäki-Meisterwerke? Jeder Plot-Point sitzt? Ausbalanciertes Drehbuch? Nuancierte Figuren? Rolle auf den Leib geschneidert? Coup?
Da habe ich einen anderen Film (nicht zu Ende) gesehen.






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