Tangerine

Der erste Langspielfilm von Irene von Alberti zeigt, was geschieht, wenn hippe junge Menschen aus Berlin Mitte und junge, weniger hippe Menschen aus Marokko versuchen, Freunde zu werden. Tangerine nimmt dabei zwei Perspektiven zugleich ein.

Tangerine

„Je mehr du mir gibst, desto mehr liebst du mich“, sagt Amira, eine junge marokkanische Schönheit mit Ambitionen für ein besseres Leben, zu Tom. Die beiden stehen gerade in einem Modegeschäft in Tanger, und er will – nein: er soll – dem Mädchen, in das er sich möglicherweise verliebt hat, schöne Dinge kaufen. Teure Dinge. Tom, gespielt von Alexander Scheer, der den Rest des Films meist einen unangenehm coolen, sich für interessant haltenden Berlin-Mitte-Kolonisten gibt, bleibt da erst einmal der Mund offen stehen. Und Scheers ohnehin leere Gesten, ein Griff ins Gesicht, ein kurzes Auflachen und Zur-Seite-Sehen, wirken noch leerer. Von wegen romantischer Orient. Als Mann aus dem Westen ist man ein Kreditkartenbesitzer, mehr nicht.

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Regisseurin Irene von Alberti (Stadt als Beute, 2005) geht es in ihrem neuen Film um den Zusammenprall der Kulturen. Allerdings nicht politisch im Sinne Samuel P. Huntingtons und der „blutigen Grenzen des Islams“, sondern ganz alltagspraktisch um die so unterschiedlichen Erwartungen der einen an die andere Seite. Darum, dass eine normale emotionale Begegnung bei allzu großen wirtschaftlichen Unterschieden nicht möglich ist.

Wie sehr die Interessen der marokkanischen Seite fokussiert sind, wird schon ganz am Anfang klar. Der Film beginnt inmitten einer Gruppe von (Gelegenheits-)Prostituierten, die sich eine Wohnung teilen. Diese arabischen Working Girls, darunter die von ihrem Onkel verfolgte Bauchtänzerin Amira (Sabrina Ouazani, die in Abdellatif Kechiches Couscous mit Fisch, 2007, die hysterische Tochter gespielt hat) haben ihre klaren Regeln im Umgang mit Männern aus Europa oder Saudi-Arabien, denen sie meist in Discos begegnen. Eine der Frauen hat ein uneheliches Kind, aber eine kurze Episode, die den absurden Umgang der marokkanischen Bürokratie mit solchen nicht vorgesehenen Lebensumständen illustriert, führt ins Leere.

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Der Film verliert die Frauen bald für längere Zeit aus dem Blick. Wichtig wird stattdessen die Begegnung Amiras mit einer Gruppe Deutscher. Tom, ein aufstrebender Rockmusiker, der zwar nicht den Erfolg der Rolling Stones, wohl aber deren Exaltiertheit erreicht hat, hält sich mit seiner Band in Tanger auf, um dort musikalische Inspirationen zu suchen. Seine attraktive Freundin Pia (Nora von Waldstätten), die stets ahnungslos in hübschen Minikleidchen durch die Straßen Tangers läuft, begleitet die Gruppe. Um Toms Treue zu testen, oder vielleicht auch nur, weil ihr sein Gerede über die „Roots of Rock’n’Roll“ auf die Nerven geht, beginnt sie ein manipulatives Spiel, bei dem sie ihn in die Arme Amiras treibt.

So haben beide Seiten unausgesprochene Motive, und Irene von Alberti hütet sich, die eine oder andere zu verurteilen. Sie erzählt vielmehr konsequent abwechselnd aus beiden Perspektiven. Das ist überhaupt das größte Verdienst der Regisseurin, die hier ihren ersten Langspielfilm vorlegt und auch das Drehbuch geschrieben hat: dass sie sich vom typischen Geschichtenspektrum des deutschen Films entfernt und tief in eine neue Umgebung eintaucht. Dass sie diese Umgebung gut kennt, merkt man dem Film an. Irene von Alberti hat lange in Tanger gelebt und Dokumentationen über eine marokkanische Jugendliche und über Paul Bowles gedreht. So geht es einmal nicht um gutbürgerliche Existenzängste oder nach der eigenen Mitte suchende Dreißigjährige, sondern um interessante Beobachtungen in den Grauzonen zwischen Beziehung und Prostitution in einer traditionellen Gesellschaft.

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Gedreht ist das, ästhetisch naheliegend, mit einer ruhelosen, aber von Birgit Möller keineswegs hektisch geführten Handkamera und unter Vermeidung touristischer Blicke. Aber wo sich Dialoge bei einer Dokumentation von selbst ergeben, müssen sie im Spielfilm inszeniert werden. Das gelingt leider nur selten. Die Gespräche unter den Frauen fließen nicht, und Alexander Scheer als Tom überzieht seine Rolle ins Unerträgliche, ohne dass sie als Persiflage zu erkennen wäre. Auch Sabrina Ouazani als Amira bleibt ohne die führende Hand von Kechiche, dessen intensive Arbeit mit Schauspielern berühmt ist, in vielen Szenen seltsam steif. Eine erotisch stark aufgeladene Bauchtanz-Szene mit ihr ist dagegen äußerst effektiv eingefangen. Merken sollte man sich das schöne, kühle Gesicht der noch recht unbekannten Nora von Waldstätten, die kürzlich im SWR-Tatort Herz aus Eis (2009) als skrupellose Eliteschülerin Aufsehen erregte. In Tangerine verleiht sie dem ambivalenten Charakter der Pia eine starke, glaubwürdige Ausstrahlung.

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