Immer Drama um Tamara

Vor ein paar Jahren nahm Stephen Frears in Die Queen das britische Königshaus auseinander, jetzt muss die englische Provinz dran glauben: Ex-Bond-Girl Gemma Arterton stürzt ein Dorf in Liebeswirren.

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Wenige Regisseure der Gegenwart können es in Sachen Vielseitigkeit mit Stephen Frears aufnehmen. Der Brite hat in allen erdenklichen Genres gearbeitet: Sozialsatire in seinem Durchbruch Sammy und Rosie tun es (Sammy and Rosie get Laid, 1987), Kostümdrama (Gefährliche Liebschaften, Dangerous Liaisons, 1987), Alltagsdrama (The Snapper, 1993), Horror (Mary Reilly, 1996), Neo-Western (Hi-Lo Country, 1998), Thriller (Kleine schmutzige Tricks, Dirty Little Tricks, 2002) – nicht zu vergessen das zuletzt erfolgreiche Königshaus-Drama Die Queen (The Queen, 2006). Jetzt fügt er mit einer Comicverfilmung seinem Oeuvre ein weiteres Genre hinzu. Auch wenn übermenschlich begabte Superhelden in Immer Drama um Tamara (Tamara Drewe) nichts verloren haben und es eher um liebestolle Dichter geht als um die Rettung der Welt.

Das Drehbuch basiert auf der 2005/2006 im Guardian erschienenen populären Comicreihe Tamara Drewe der britischen Comic- und Kinderbuchautorin Posy Simmonds. Darin geht es um das ehemals hässliche Entlein Tamara, das nach Nasenoperation und erfolgreicher Karriere als Kolumnistin für eine Tageszeitung in sein heimatliches Dorf Ewedown in Dorset zurückkehrt und dort für allerlei Liebeshändel sorgt. Ebenfalls im idyllischen Ewedown angesiedelt ist Stonefield Farm, eine Pension speziell für sensible Schriftsteller. Geleitet wird das Poeten-Refugium von Beth, der Frau des großspurigen und chronisch untreuen Krimi-Autors Nicholas. Natürlich sorgt Tamaras Auftauchen besonders unter den Dichtern für große Aufregung. Nicholas ist bald hinter ihr her. Auch bei Gärtner Andy, der schon in seiner Jugend ein Verhältnis mit Tamara hatte, leben alte Gefühle wieder auf. Die vergnügt sich aber zunächst mit dem rüpelhaften Rock-Drummer Ben, dem sie bei einem Auftritt in der Provinz in die Arme fällt. Ihre exzessiven Liebesnächte bleiben im Dorf nicht lange ein Geheimnis und rufen nun auch noch zwei Teenies auf den Plan, die unsterblich in Ben verliebt sind und der Liaison ein Ende bereiten wollen.

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Frears hat nie einen eigenen Stil entwickelt, sondern seine Mittel immer in den Dienst der Geschichte gestellt. Im Fokus standen dabei Probleme der Gegenwart, als Spiegelung auch in Frears‘ historischen Filmen. Wiederkehrendes Thema ist oft der Zusammenprall von Individuum und Gesellschaft und die Frage, ob und wie moralisches Verhalten in der postmodernen Beliebigkeit möglich ist. Diese Fragen spielen auch in Immer Drama um Tamara eine Rolle und haben Frears offensichtlich angelockt. Anders aber als zum Beispiel im anarchischen Chaos von Sammy und Rosie tun es oder bei der messerscharfen Gesellschaftsanalyse Die Queen gelingt es Frears diesmal nicht, seine Thematik zuzuspitzen. Zu sehr leidet sein neuer Film unter einer altbackenen Geschichte und verliert sich in harmlosen Späßen.

Schon der Schauplatz unterstreicht diese Harmlosigkeit. Es hätte eines scharfen satirischen Ansatzes bedurft, ein Dorf in der lieblichen englischen Landschaft Dorset noch für eine Sittenkomödie brauchbar zu machen. Zu sehr ist diese typisch englische Gegend in ihrer Lieblichkeit überlagert von biederen Miss-Marple- und Inspector-Barnaby-Krimis. Überhaupt: Dass auf dem Land unter dem dünnen Firnis der Idylle Neid, Intoleranz und Hass regieren, dass hier der sprichwörtliche locus amoenus zum Schauplatz für Mord und andere Gemeinheiten wird – dieses Motiv ist nun wirklich zur Genüge ausgewalzt. Jeder Tatort-Kommissar, der etwas auf sich hält, muss mindestens einmal in seiner Laufbahn auf dem Land ermitteln.

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Frears will das ländliche Setting zwar satirisch nutzen und stilisiert die Landschaft zu einer übertriebenen Postkartenidylle. Dieses Mittel setzt er aber viel zu halbherzig ein, eine Ablösung von den beschriebenen Stereotypen erreicht er damit nicht. Und auch das Drehbuch von Immer Drama um Tamara reproduziert Stereotypen eher, als das es sie unterläuft: Gemma Artertons Tamara ist sexy und unbedarft; alle Autoren sind eitle Trottel; die gehörnte, blasse Ehefrau zeigt ungeahnt Charakterstärke. So weit, so erwartbar. Das wiegt auch ein überraschend krudes Ende nicht auf.

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In der stilisierten Gestalt eines Comics mag diese Geschichte als Satire auf Geschlechterrollen, Stadt-Land-Beziehungen und Celebrity-Wahn funktionieren. Die Rückübertragung ins Filmische aber hebt diese Stilisierung auf, zumal Frears keine eigene Bildsprache entwickelt und die Vorlage teilweise sogar als Storyboard nutzte. Diesmal kommt seine stilistische Zurückhaltung der Geschichte nicht zugute. Sie mündet in ein konventionelles, viel zu braves Stück Kino.

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Kommentare


gajusjulius

Talkin' about my Generation - so sangen bereits The Who in den 60er Jahren.
Es ist ein leichtes, Spiessbürgertum zu entlarfen, aber viel schwerer, die Freiheit des Individuums ohne Vorurteile einer Gesellschaft im Film darzustellen.


Liane

Kann mir jemand verraten, welche Band tatsächlich das Lied auf dem Konzert in dem Film "Immer Drama um Tamara" spielt? Ich kanns leider so nicht finden und finde das jedoch richtig klasse!


Mobo1960

Der Film ist einfach unterhaltsam, zum Lachen und Schmunzeln, enthält wundervoll schräge Charaktere und macht einfach Spaß...was will ich denn mehr wenn ich in eine Komödie gehe???


Sylvia61200

Ein uneingeschränkt unterhaltsamer Film um die Liebeswirren in einem Dorf der idyllischen englischen Countryside (man möchte sofort hin!). Im Gegensatz zum Rezensenten finde ich die Charakterzeichnung voll gelungen und keineswegs eindimensional. Hervorzuheben ist vor allem Jody, die durch ihren pubertären Liebeswahn ernsthafte Verwicklungen heraufbeschwört. Die typisch englische Ironie kommt versöhnlich daher und das Ende des "eitlen Lackaffen" Nicholas entspricht auch nicht den Klischees. Ein Film zum Kichern und Schmunzeln, vor allem für Anglophile.


grüner kaktus

hey liane,
der song heißt this is a low und ist tatsächlich von der band swipe :)
schau mal bei last.fm, da findest du den song!

liebe grüße


bluevalentine

Das ist wirklich einer der schlechtesten Filme, die ich jemals gesehen habe. Gemma Arterton ist eine super Schauspielerin, aber in dem Film hat sie echt nicht geglänzt. Durch den Trailer hatte ich mir echt viel versprochen, doch der Trailer hat nichts mit dem Film zutun. Ich habe mir den Film gekauft und bin unglaublich sauer auf mich selber, dafür geld ausgegeben zu haben!!
Der Film ist echt ein Scheiß.






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