Talk to Me

Vor zehn Jahren konnte Regisseurin Kasi Lemmons mit ihrem Debütfilm Eve’s Bayou bei Kritik und Publikum gleichermaßen punkten. Ihr aktuelles Biopic über die DJ-Legende Petey Greene dürfte hingegen zwiespältiger aufgenommen werden.

Talk to Me

Er ist das Sprachrohr der kleinen Leute: Petey Greene (Don Cheadle), ein Mann mit Schneid, Witz und großer Schnauze. Unverblümt spricht er all die Dinge aus, die sich andere nur insgeheim denken, erst als Insasse und Amateur-Diskjockey im Gefängnis, später als professioneller Radio-DJ im brodelnden Washington der sechziger Jahre. Heiß geht es in seiner Sendung her: die neuesten Soulnummern von Sam Cooke bis James Brown wechseln sich mit Peteys provokanten Sprüchen und Reden ab, die brisante Themen wie Rassismus, Sex oder Drogen verhandeln. Schnell avanciert Greene zur Stimme des Volkes. Aus dem einstigen Kleinkriminellen wird ein gefeierter Celebrity, der bald schon von dem eigenen Ruhm überfordert ist und den so nötigen Kontakt zum Mann von der Straße zu verlieren scheint.

Petey Greene gab es wirklich. Talk to Me erinnert an den heute fast vergessenen afroamerikanischen Radiostar der sechziger und siebziger Jahre, der zu Lebzeiten eine hohe Popularität in Washington, DC genoss. Aus dem Schwarzenghetto boxte er sich nach oben und war mit Rapping With Petey Greene Moderator der damals meistgehörten Radiosendung der Stadt, die mit einer Mischung aus beißendem Humor, Scharfsicht und Mut zur Wahrheit den Nerv der Zeit traf. Im Gegensatz zu anderen Radiohosts mit ihrem schönfärberischen Geschwätz thematisierte er die sozialpolitischen Probleme der Bevölkerung und bot insbesondere der schwarzen Bürgerrechtsbewegung ein mediales Forum.

Talk to Me

Sein Meisterstück legte Greene am Tag von Martin Luther Kings Ermordung ab als er die Wut, sowie die Trauer von dessen Anhängern in Worte fasste und damit die in der Stadt randalierenden Massen beschwichtigte. Jener Abschnitt in Greenes Leben ist in Talk to Me zu einer eindrucksvollen Szene gestaltet, die Amerikas Verlust einer moralischen Instanz beklagt und den Schmerz der Menschen im Angesicht schwindender Hoffnungen auf eine tolerantere, liberalere Welt spürbar werden lässt. Diese Szene – eine Art Memento, das an einen der schwärzesten Tage der amerikanischen Geschichte erinnert und die Gefahr des Verlustes humaner Werte anmahnt – ist leider auch einer der raren Momente, in denen der Film etwas zu erzählen hat. Über weite Strecken ist Talk to Me nicht viel mehr als eine gefällige Wiedergabe einiger Lebensepisoden Greenes.

Talk to Me haftet der Kardinalfehler vieler Biopics an, der in einem Mangel an persönlicher Perspektivierung des vorgefundenen Stoffes durch den Filmemacher besteht. Die misslungenen Werke dieses Genres begnügen sich damit, auf rein inhaltlicher Ebene die Biographien ihrer Figuren nachzuzeichnen, in der irrigen Annahme, das ereignisreiche Leben der Akteure genüge sich selbst. Sie sind Texte ohne allzu viel Subtext. Ihr Endzweck scheint einzig in dem Versuch zu liegen, eine Biographie 1:1 wiederzugeben. Dabei thematisierte die Absurdität dieses Unterfangens schon der Metafilm aller Biopics, Citizen Kane (1941), in dem sich das (unklare) Bild des Zeitungsmagnaten Charles Foster Kane alias William Randolph Hearst nur unzureichend aus bruchstückhaften, subjektiv eingefärbten Erinnerungsfetzen zusammensetzte. Die gelungensten Biopics, von Der junge Mr. Lincoln (Young Mr. Lincoln, 1939) über Bonnie und Clyde (Bonnie and Clyde, 1967) bis zu Wie ein wilder Stier (Raging Bull, 1980), entwickeln stets ganz bewusst eine eigene, persönliche Perspektive auf ihr Darstellungsobjekt, notfalls unter angemessener Verfremdung der realen Vorlage. Biographische Vorlagen sind bei auteurs wie Ford, Penn oder Scorsese nur zu bearbeitendes Ausgangsmaterial, das dem Filmemacher zur Bebilderung seiner Obsessionen und der ihn interessierenden Themen dient.

Talk to Me

Bei Talk to Me wünscht man sich, Regisseurin Kasi Lemmons hätte der Lebensgeschichte Petey Greenes ein paar mehr eigene Seiten abgewinnen können. Leider begnügt sie sich aber damit, diese in einem meist konventionellen und sentimentalisierten Verlauf seiner Karriere zu fassen: zunächst der Aufstieg (Erfolg, Prominenz), dann der Fall (zu viele Frauen, noch mehr Alkohol) – das übliche Lehrstück über die Gefahren des Ruhms. Ähnliches haben wir vor nicht allzu langer Zeit erst in den Biographie-Verfilmungen anderer Musik- und Radiostars der Sechziger gesehen (Ray, 2004; Walk the Line, 2005). Schildert Lemmons den anfänglichen Aufstieg des Protagonisten noch mit Witz und Energie, so verliert ihr Film mit zunehmendem Verlauf an Überzeugungskraft. Peteys Abstieg, eingeleitet durch die übereifrigen Ambitionen seines Protegés Dewey Hughes (Chiwetel Ejiofor), der seinen Günstling in immer mehr Bereiche der Medienbranche treiben will, erinnert zu oft an eine abgedroschene Showbiz-Tragödie.

Anhand der beiden ungleichen Protagonisten Greene und Hughes – der eine ein Provokateur, der andere ein Opportunist – hält Lemmons einen Moment in der afroamerikanischen Geschichte fest, in dem Rollen und Identitäten diskutiert wurden. Sollte man als Schwarzer auf Konfrontationskurs mit der weißen Mehrheit gehen, um Eigenständigkeit einzuklagen oder sich integrieren und das System von innen heraus verändern? Mit der Besetzung von Don Cheadle als Paradiesvogel Greene und Chiwetel Ejiofor als Biedermann Hughes zückt Lemmons ein As aus dem Ärmel, das ihren nicht immer geglückten Film vor dem Untergang bewahrt. Ihnen zuzuschauen, wie sie sich in der Manier eines odd couple bekämpfen und einander schätzen lernen, macht den eigentlichen Reiz von Talk to Me aus. Und ein schöner, wenn auch nicht überraschender Soundtrack mit Soulhits der damaligen Zeit übertüncht zudem so manche Schwäche des Films.

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