Tale of Cinema

Ein leicht derangierter, erfolgloser Regisseur verfolgt nach einer Kinovorführung die dort ebenfalls anwesende Hauptdarstellerin. In Hong Sang-soos Tale of Cinema (Geuk jang jeon) interagieren Film und Leben auf höchst komplexe Weise.

Tale of Cinema

Sang-weon (Lee Ki-woo) trifft auf der Straße zufällig seine alte Bekannte Yeong-shil (Uhm Ji-won), die er seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen hat. Bald beginnt zwischen den beiden eine Affäre und kurz darauf kommt Sang-weon auf die Idee, sich gemeinsam mit seiner wiedergefundenen Freundin umzubringen. Der Grund für diesen Entschluss bleibt im Dunkeln, wie überhaupt weder die Motivation noch die Lebensumstände aller Charaktere offengelegt werden. Deutlich wird einzig ein nicht zu übersehender Ödipuskomplex, der sich über das Handeln des Protagonisten legt. Bereits in einer der ersten Sequenzen des Films besucht er ein Theaterstück, in welchem eine herrschsüchtige Mutter die Hauptrolle spielt, und als im weiteren Verlauf der Handlung seine eigene Familie eingeführt wird, sind Parallelen zu dieser Aufführung nicht zu übersehen.

Nach der knappen Hälfte des Films werden alle etablierten Motive und Ereignisse in Frage gestellt: Die Geschehnisse der ersten vierzig Minuten entpuppen sich als Film im Film, wobei sich diese Zuordnung erst im weiteren Verlauf nach und nach erschließt. Nun wird mit Tong-su (Kim Sang-Kyung) die eigentliche Hauptfigur Tale of Cinemas eingeführt. Tong-su ist, im Gegensatz zu dem narrativ unterentwickelten Sang-weon der prototypische Hong Sang-soo Antiheld: Ein streitsüchtiger, chronisch erfolgloser Intellektueller aus dem Filmmilieu, genauer gesagt ein designierter Regisseur, der zuviel trinkt und ein sonderbares Verhältnis zu Frauen hat. Tong-su tritt zum ersten Mal auf, als er das Kino verlässt, in welchem der oben beschriebene Film im Rahmen einer Retrospektive zu sehen war. Anschließend beginnt er, die bei der Vorführung ebenfalls anwesende Darstellerin der Yeong-shil zu verfolgen.

Tale of Cinema

Hong Sang-soo gehört zu den Regisseuren, die in ihrer Karriere denselben Film immer wieder zu drehen scheinen. Nicht nur finden sich in allen seinen Werken ähnliche Charaktere, oftmals fast identische Schauplätze und ein nur locker verwobenes Nebeneinander tragischer und komischer Szenen, auch zahlreiche Handlungselemente tauchen leicht variiert immer wieder auf. So finden sich auch in dem oben beschriebenen ersten Abschnitt einige typische Hong Sang-soo-Momente: exzessive Trinkgelage beispielsweise oder Sexszenen, die auf viele Arten enden, nur nicht mit der Befriedigung eines oder gar beider Beteiligten.

Sucht man in Tale of Cinema nach einer Differenz zu vorigen Arbeiten des Regisseurs, so findet man diese zunächst in der Kameraarbeit. Bereits in der ersten Einstellung tritt ein seltsam unmotivierter Zoom auf, der in ungebührlicher Weise in die vorfilmische Welt einzugreifen scheint und den gerade erst etablierten Raum wieder in Frage stellt. In Hong Sang-soos vorherigen Filmen, die sich oft über eine extrem statische Kameraarbeit auszeichneten – sein zweiter Spielfilm The Power of Kangwon-Province (Kangwon-do ui him, 1998) verzichtet vollständig auf Kamerabewegungen – findet sich zu dieser Technik, die im Folgenden in fast penetranter Weise gehäuft eingesetzt wird, keine Parallele. Die Zooms in Tale of Cinema sind nie völlig ziellos oder willkürlich, aber doch, gemessen an den Konventionen des klassischen Kinoerzählens, stets unterdeterminiert.

Zwar sind diese Zooms immer auf ein bestimmtes Objekt oder eine Figur zentriert, doch eine genauer definierte Funktion innerhalb der Narration scheinen sie nicht zu besitzen. In ähnlich sonderbarer, wenn auch weniger auffälliger Weise setzt Hong Sang-soo die Tonspur ein, die recht monotone, dem emotionalen Gehalt der jeweiligen Situation oft diametral entgegenstehende Musik ebenso wie die banalen Voice-Over Kommentare der Hauptfigur. Hong Sang-soo etabliert ein Zeichensystem, das immer ein klein wenig neben sich zu stehen scheint, das sich der Geschichte, die es erzählt, nicht verweigert, diese aber bisweilen ins Leere laufen lässt.

Tale of Cinema

Die Aufteilung des Films in zwei fast gleich lange Abschnitte etabliert die Gegenüberstellung von Kino und Leben, von Fiktion und Realität, als zentrale Bruchstelle der Struktur Tale of Cinemas. Doch wie verhalten sich die beiden Hälften des Filmes zueinander? Stehen sie in spiegelbildlichem Verhältnis zur jeweils anderen, demaskiert das Leben das Kino oder umgekehrt, liegt in der einen Erzählung der Schlüssel zur Interpretation der anderen? Schlüssig zu beantworten sind diese Fragen kaum. Denn einerseits problematisiert Hong Sang-soos Film auf der Handlungsebene den Versuch, Leben und Kino zu vereinigen: So wirft Yeong-shil ihrem Bewunderer am Ende vor, er habe den Film (im Film) falsch verstanden. Überhaupt ist Tong-sus Zugriff auf die Kino-Fiktion von Anfang an fetischistisch überformt, fixiert sich auf Zigarettenschachteln, Karaoke-Songs und angeblich vorhandene Narben auf Yeong-shils Körper. Andererseits jedoch sind in Tale of Cinema Kino und Leben ununterscheidbar. Die Kamerazooms und die Eigenarten der Tonspur beschränken sich nicht auf den Film im Film, sondern infizieren auch den zweiten Abschnitt des Werkes. Das Leben imitiert das Kino und kann dieses doch nie erreichen.

Hong Sang-soos Werk definierte sich stets über die geometrische Anordnung seines Beziehungsgeflechts. So sind auch viele der früheren Filme des Regisseurs in zwei unterschiedliche Abschnitte geteilt und meist steht, wie beispielsweise auch im direkten Vorgänger Woman is the Future of Man (Yeojaneun namjaui miraeda, 2004), eine Dreiecksbeziehung im Mittelpunkt. Wenn Tong-su / Sang-weon von allen Protagonisten des Regisseurs die obsessivsten sind, so ist dies gerade darin begründet, dass die in der Struktur vorgesehene Position einer dritten Figur, eines Nebenbuhlers oder einer zweiten Frau, leer bleibt. An deren Stelle tritt für Tong-su weniger eine Kino-Doppelgängerin Yeong-shils als das Kino als solches. Ein Kino, welches in Hong Sang-soos Welt eine genuin psychotische Dimension zu besitzen scheint.

 

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