Taklub

Reliquien der Trauer. Brillante Mendoza hat einen ungewohnt empathischen Film über das Leben zwischen den Trümmern des Taifuns Haiyan gedreht.

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Alles was Bebeth (Nora Aunor) von ihren Kindern geblieben ist, sind Tassen, auf denen ihre Gesichter prangen. Entsprechend liebevoll geht sie mit ihnen um, säubert sie sorgfältig, als wären es Reliquien, platziert sie sichtbar in ihrer beengten Wohnung und lässt sich so immer wieder an ihren Schmerz erinnern. Zu Tode gekommen sind Bebeths Kinder durch den Taifun Haiyan, der 2013 fast die gesamte philippinische Stadt Tacloban zerstörte. Getroffen hat es dabei vor allem die, denen im Leben ohnehin nichts geschenkt wird. Die windigen, oft nur von einigen Holzbalken zusammengehaltenen Häuser hat der Sturm zu Kleinholz gemacht – und viele ihrer Bewohner unter einem Berg aus Schutt begraben. Seit der Tragödie beschäftigen die Ereignisse nicht nur die Gesellschaft des Inselstaats, sondern auch sein Kino. Erst vor Kurzem hat Lav Diaz mit Storm Children: Book One (Mga anak ng unos, 2014) einen Dokumentarfilm gemacht, in dem er sich mit langen Einstellungen der Verwüstung widmet und dabei auch festhält, wie mit viel Improvisationsgeist versucht wird, die alte Ordnung wiederherzustellen. Nun hat auch Diaz’ Landsmann Brillante Mendoza in Tacloban gedreht: ein ungewohnt empathisches Drama, das seinen Blick vor allem auf die Menschen und ihre Trauerarbeit richtet.

Solidarität und Wirklichkeit

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Taklub setzt nicht direkt nach der Katastrophe ein, sondern ein Jahr später, nachdem sich wieder eine gewisse Routine eingestellt hat. An Originalschauplätzen erzählt Mendoza von drei Figuren, die sich in einer Übergangsphase befinden, noch gezeichnet vom Verlust, aber schon kurz vor einem Neuanfang. Da wäre Bebeth, die immer noch auf die Bestätigung wartet, dass die Leichen ihrer Kinder gefunden wurden. Larry (Julio Diaz) wiederum kann den Tod seiner Frau nicht verwinden und schließt sich einer Gruppe eifriger Katholiken an, die sich auf eine Reinszenierung des Kreuzwegs spezialisiert hat. Der junge Erwin (Aaron Rivera) schließlich baut ein neues Zuhause, während er den Tod seiner Eltern immer noch vor der kleinen Schwester verheimlicht. Der Film isoliert seine Protagonisten nicht mit ihrem Schicksal, sondern bindet sie in eine Gemeinschaft ein, die ihre Probleme nur allzu gut kennt. Auf Momente der Verzweiflung folgt nicht selten ein Akt der Solidarität. Für einen Mann, der seine Familie bei einem Feuer verloren hat, sammelt Bebeth etwas Geld bei seinen Nachbarn.

Schon seit Thy Womb (Sinapupunan, 2012) lässt sich bei Mendoza eine Entwicklung vom dramaturgisch losen Erzählen zu einer dichteren narrativen Struktur beobachten. Der Anspruch seines nie pädagogischen Sozialrealismus ist der gleiche geblieben: Die in allen Himmelsrichtungen suchende Kamera erzählt nicht nur von Einzelfiguren, sondern von einer ganzen Gesellschaft, die so groß und vielfältig ist, dass sie sich dramaturgisch zu keinem Zeitpunkt bändigen lässt. Neu ist diesmal, dass das im Gewand eines fast schon klassischen Melodrams geschieht. Taklub geht näher an die Gesichter seiner Figuren ran, zeigt ihre Wut, ihre Hilflosigkeit, aber auch ihre Hoffnung und setzt mit den warmen Synthesizer-Akkorden von Diwa de Leon sogar einen die Affekte verstärkenden Soundtrack ein. Dass den Film eine ungewohnte Wärme auszeichnet, ist dem Sujet geschuldet. Diesmal ist die Story eben nicht nur von der Wirklichkeit inspiriert, sie ist die Wirklichkeit selbst. Dass Mendoza im Abspann mit einem bombastischen Choral aufwartet, verzeiht man ihm gerne. Wenn Nora Aunor, die Grande Dame des philippinischen Kinos, durch die realen Trümmer Taclobans läuft, ist es vielleicht nicht unmöglich, aber doch unnötig, dazu eine schützende Distanz einzunehmen. Tatsächlich wirkt die Hauptdarstellerin hier nicht so, als würde sie auf den nächsten Filmpreis schielen, sondern als trete sie als Stellvertreterin des Volks auf. Da erscheint es nur konsequent, wenn im Abspann dokumentarische Fotos der Taifun-Opfer mit Bildern der Darsteller überblendet werden.

Nationale Trauerarbeit

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Auch ansonsten ist Taklub ein Film, der sich vor allem durch seine Milde auszeichnet. Sind es normalerweise soziale Missstände wie Polizeigewalt, Korruption oder die Tücken des Rechtssystems, die bei Mendoza für das Leid der Figuren verantwortlich sind, so übernimmt diese Funktion diesmal eine unberechenbare Naturgewalt. Der Staat erscheint dagegen in geradezu positivem Licht, kümmert sich zumindest teilweise um seine Bürger, indem er ihnen mit Essensrationen aushilft. Mit ihren seelischen Narben bleiben die Menschen jedoch allein.

Mit einem Film über eine reale Tragödie kann man viel falsch machen. Taklub rettet sich aber, weil er sich nicht von seinem Thema erdrücken lässt. Kaleidoskopisch vereint er immer wieder kurze, improvisiert wirkende Szenen, die mit der Linearität brechen und dabei bewusst machen, dass wir nur einen Ausschnitt sehen. Ein Zitat aus dem Buch Kohelet, mit dem der Film schließt, fasst noch einmal die Gegensätze zusammen, auf denen er aufgebaut ist. Es besagt, dass es für jedes Geschehen eine Zeit gibt, „eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen“ ebenso wie „eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz“. Obwohl es ihr schwerfällt, versucht auch Bebeth nach dieser Maxime zu leben. Als sie eine ihrer geliebten Tassen fallen lässt, klebt sie sie anschließend wieder zusammen. Am Ende trennt sie sich trotzdem von ihr und stellt sie im Rahmen einer Gedächtnisfeier auf ein symbolisches Grab. Die Erinnerung an die Verstorbenen muss bewahrt werden, aber sie darf das Leben der Hinterbliebenen nicht lähmen. Mit Taklub ist Mendoza ein beeindruckendes Stück nationaler Trauerarbeit gelungen, das nichts beschönigt und dabei doch entschieden in die Zukunft blickt.

Trailer zu „Taklub“


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