Taking Woodstock

Zum 40. Jubiläum des legendären Woodstock-Festivals präsentiert Oscar-Preisträger Ang Lee einen rauschartigen Trip zu den Ursprüngen des Mythos und erschafft ein „Woodstock-Feeling“, dem man sich nicht entziehen kann.

Taking Woodstock

Wie kaum ein anderes Großkonzert steht das Woodstock-Festival vom August 1969 heute ikonographisch für den Protest der Jugend gegen Saturiertheit und Krieg und ist gefühltes Sinnbild eines Gegenmodells zu herrschenden gesellschaftlichen Konventionen.

In der Komödie Taking Woodstock rekonstruiert Regisseur Ang Lee dieses im heutigen gesellschaftlichen Bewusstsein verankerte Woodstock-Feeling. Dabei fehlt dem Film zweifellos jene exakte, tiefenanalytische Präzision, die größtenteils Lees bisheriges Werk, insbesondere das Psychogramm der späten Nixon-Ära Der Eissturm (The Ice Storm, 1997) auszeichnete. Der Entschluss sich dem Thema in der Komödienform des konventionellen Hollywood-Erzählkinos anzunähern, dürfte der Erkenntnis geschuldet sein, dass dem Woodstock-Phänomen kaum analytisch beizukommen ist – dafür ist heute der Grad der Verklärung zu groß. Andererseits funktioniert der Film als nahe der Oberfläche angesiedeltes Lustspiel in der gewählten Erzählform umso besser: Das Drehbuch von James Schamus konstruiert keine Fabel um das historisches Ereignis herum, sondern beobachtet die Geschichte des Zustandekommens des Festivals aus Sicht und basierend auf den Memoiren des Mitveranstalters Elliot Tiber.

Taking Woodstock

Der junge Elliot (Demetri Martin) hilft in der Sommerzeit seinen Eltern, jüdischen Immigranten, bei der Bewirtschaftung eines ramponierten Motels im ländlich-idyllischen Farmerstädtchen Bethel. Als er zufällig erfährt, dass eine Nachbargemeinde ein Hippie-Konzert abgesagt hat, wittert er die Chance um den lahmenden Tourismus des Ortes anzukurbeln. Kurzerhand lädt er Konzertveranstalter Michael Lang (Jonathan Groff) dazu ein, das Konzert in Bethel auszurichten.

Und so wird das Ereignis selbst zum Katalysator für Elliots Coming-of-Age: Der anfangs stille, beobachtende Elliot lässt sich in den ihn zunehmend umgebenden Trubel hineinziehen, um sich am Ende von seiner Familie abzunabeln, eigene Positionen zu bestimmen und seine – auch sexuelle – Selbstfindung voranzutreiben. Der Komiker Demetri Martin verleiht der Figur des Elliot jenen zurückhaltend-naiven jedoch äußerlich stets ungebrochenen Gestus, der die Entwicklung der Figur überzeugend erlebbar macht.

Taking Woodstock

Mit der Darstellung der sich anbahnenden Ereignisse trifft Taking Woodstock einen zunehmend positiven Grundton. Dass dies glaubhaft gelingt, liegt vor allem an den Leistungen des gesamten Ensembles, an den liebevoll und keineswegs überzeichnet dargestellten Figuren, die Elliot umgeben: Die britische Charakterschauspielerin Imelda Staunton (Vera Drake, 2004) brilliert als von unterschwelligen Angstneurosen geplagte Mutter, die sich im Ergebnis ihrer Woodstock-Erfahrung auch ihren Existenzängsten stellen muss. Emile Hirsch verkörpert den durch Vietnameinsatz traumatisierten Billy ohne die übliche aufgesetzte Veteranenattitüde und Harry Goodman verleiht der lethargischen und introvertierten Figur von Elliots Vater Jake, der durch Woodstock neue Lebenslust erlangt, eine anrührende Würde. Von subtiler Komik auch Liev Schreibers Vilma, ein transsexueller Ex-Marine, der sich Elliot als Sicherheitsexpertin andient. Muskulös, mit Frauenkleidern und Blondhaarperücke stellt Vilma den reflektiven Gegenpart zu Elliot dar – Ängste, Wünsche und Sehnsüchte spiegelnd und Elliots Selbstfindungsprozess fördernd.

Taking Woodstock

Didaktikfrei und mit viel Humor prallen unterschiedliche Lebensmodelle von konservativer Landbevölkerung und fröhlicher Hippie-Invasion aufeinander, wobei Strömungen und Haltungen der im Drogendunst friedlich wuselnden Hippie-Massen nicht desavouiert oder lächerlich gemacht werden. Unverkennbar sind auch die leisen entmythisierenden Subtexte: Wenn die Veranstaltergruppe um Hippie-Konzertlegende Michael Lang nicht nur als unschuldig-naive sondern auch als kühl kalkulierende Geschäftemacher dargestellt werden, zeigt sich, wie sehr Woodstock bereits für eine durchkommerzialisierte Hippie-Massenkultur steht.

Sehr stimmig verdichtet auch die Musik von Danny Elfman die Atmosphäre des Films durch ihre geschickte Annreicherung mit vielfältigen musikalischen Zitaten der Zeit. Anfangs verhalten, dann zunehmend dynamisch bebildert die Kamera von Eric Gautier den aufkommenden Sog der allerorts obwaltenden positiven Energie. Spätestens wenn ein Polizist, der eigentlich Hippies verprügeln wollte, mit einer Blume am Helm Elliot auf dem Motorrad zum Konzertplatz fährt, vorbei an tausenden feiernden Blumenkindern, spätestens dann überträgt sich die fröhliche Leichtigkeit des Films auch auf den Zuschauer.

Taking Woodstock

Eine der wichtigsten dramaturgischen Setzungen jedoch ist die konsequente Verweigerung, das eigentliche Konzertereignis zu bebildern: weder Konzertstars noch die Bühne bekommt der Zuschauer in Aktion zu sehen. Hierdurch fordert der Film die Imaginationskraft des Zuschauers ein und postuliert die Grundhaltung, Woodstock als einen fühlbaren emotionalen Zustand zu verstehen. Wenn Elliot es endlich schafft, auf einem Hügel über den Konzertplatz mit über fünfhunderttausend Konzertbesuchern zu blicken, dann verklärt sich Elliots Blick im Drogenrausch zu einem halluzinogen verfremdeten, farbenprächtigen Meer von Menschen, Licht und Musik. Dieses entrückte Bild ist die Quintessenz von Ang Lees Film.

Authentizität behauptet der Film zudem durch einen anderen Kniff: Wie Michael Wadleighs mythosbegründende Dokumentation Woodstock von 1970, erzählt auch Lee seinen Film teilweise in Split-Screens und stellt sich so ästhetisch in einen unmittelbaren Kontext zu den offiziellen Bildern.

Taking Woodstock

Taking Woodstock ist ein fröhlicher Film, ein zeitgenössischer Trip zum vermeintlichen Gefühl einer ganzen Generation, drogenfrei konsumierbar und dennoch von rauschhafter Wirkung.  Und mit Sicherheit nach Wadleighs oscarprämiertem Dokumentarfilm ein weiterer amtlicher Woodstock-Film, der den Mythos am Leben hält.

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