Take Shelter

„A man doesn’t need a home, all he needs is a shelter.“

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Ach, man braucht eigentlich gar nicht mehr über die mythische Grenze des amerikanischen Lebenskonzepts zu schreiben, zumal in einer Filmkritik. Man weiß es ja: nachdem die Westküste besiedelt, der Kontinent durchquert worden war, blieb da dennoch der Wille, diese Sucht nach Penetration ins Unbekannte. Neue frontiers mussten her. Die geografische Grenze wurde ins Imaginäre verlagert und der ein oder andere hört da auf und sagt: und Hollywood ward geboren. Wenn hier jedoch noch einmal das frontier-Konzept im Falle einer Besprechung von Jeff Nichols' Take Shelter aufgegriffen werden soll, dann weil dieser Film der fortdauernden Dekonstruktion des Konzepts eine spezifisch mitreißende Gestalt verleiht.

Schnell erzählt ist die Geschichte: Curtis LaForche (Michael Shannon), halbwegs wohlsituierter Vater, Ehemann und Sohn einer schizophrenen Mutter, verliert die Kontrolle über das, was man sein Leben nennen könnte. Vom Macher wird er zum Verteidiger, als ihn wiederkehrende Albträume von alles vernichtenden Tornadostürmen, blutrünstigen Bekannten und sonstigem Grusel heimsuchen. Als echter selfmade-Man flüchtet er sich in die Aktivität, diagnostiziert sich eigens eine „psychotische Episode“ und steckt ansonsten alle Geld und Energie in den Bau eines maximal sicheren Tornadoschutzbunkers.

Take Shelter schleudert um sich mit Allusionen auf all das was schief läuft in Amerika. Wo jedwede politische und soziale Agenda im Modus des crisis management operiert, in  Zeiten der „Politik der Alternativlosigkeit“, ist jede Entscheidung ein Rückzugsgefecht, Reaktion auf Konsequenzen selbst entfachter Stürme. Sauve qui peut! Wird nicht Politik heutzutage genau so vermittelt, ist nicht auch der „Euro-Rettungsschirm“ eine Art monetärer Tornadoschutzbunker?

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Finanzkrise, Ölkrise, Krankenversicherungsdebatte, Klimaerwärmung, Migrationsdruck: keines dieser Themen bleibt in Take Shelter unberücksichtigt, sie alle werden hinabgespült im Tornado wie in einem Abfluss ins Apokalyptische. Das Symbol „Tornado“ ist die große Idee, der geniale Einfall Jeff Nichols’: ein Symbol, das nur in unerschöpflicher, ewiger Bewegtheit existieren kann und all seine Partikel bis zu einem Punkt der Ununterscheidbarkeit, dem Auge des Tornados, komprimiert und dabei entleert.

Denn die Verweise kommen aus allen und deuten in alle Richtungen: die Finanzkrise wird im Dialog gestreift, die Krankenversicherungsdebatte ist Teil der Handlung (Curtis’ Tochter ist taubstumm und wartet auf ihre Operation), der Regen in den Albträumen ist von öliger Konsistenz (Curtis arbeitet noch dazu als Maschinist bei nicht näher erklärten Tiefenbohrungen), die Menschen dringen in Curtis Psychosen ein als unidentifizierbare Zombies... Von überall her kommen die Ängste, aus den Zeitungen, aus den Wetterberichten, aus Filmen, aus der eigenen Psyche; sie vermengen sich zu einem Cocktail, der keine Dimension kennt außer dem Abgrund.

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Strukturell funktioniert Take Shelter über  Oppositionen, die zur  Spirale geformt werden: Normalität und Wahn, Individuum und Gesellschaft, das Fremde und das Vertraute, Mann und Frau, Mutter und Sohn... die Paare werden, nach und nach, zu einer einzigen Bewegung zusammen geführt, der Modus des Denkens wird verdrängt durch den Modus des Affekts. Ob der Film jedoch in sich diese Bewegung restlos überzeugend zu beschreiten vermag, ist fragwürdig. Ihm gebührt Respekt für die Geste, doch die Wahl der Inszenierung bleibt im Abgegriffenen verhaftet: Schockschnitte, aufdringlicher Score und der Hang zu unmissverständlichem „Zeigen“ sprechen die Sprache schon allzu oft beschrittener Versuche, den Schrecken und die Verwirrung der Figuren in den Zuschauer zu hieven. Nichols ist Traditionalist, seine Bildsprache ist die maximaler Nüchternheit, sein Instrumentarium ist das des Effizienzgläubigen. So wurden Filme seit jeher gemacht, so sollen sie gemacht werden. Aber dennoch: wenn er die Gefilde seiner Visionen auch nicht bis in die hinteren Winkel abzuschreiten vermag, so kartographiert er sie zumindest präzise. Und die geniale doppelte Schlussfigur gibt dem Film eine Coda echter Verunsicherung.

Die Krise der Ängste ist dabei optisch eine Krise der Farben. Was da als Wolkenformationen ins Wirbeln gerät, sind alle Schattierungen des Grau. Shades of grey... Das amerikanische Leben affirmiert sich und schützt sich gegen die amorphe Bedrohung in Objekten farblicher Prägnanz: die Kinderspielzeuge, die Vorhänge, die Drinks in den Gläsern, die Müslischachteln. Wenn die frontier zwischen Wahn und Normalität in Take Shelter irgendwo noch erkennbar gezogen werden kann, dann in seiner Farbdramaturgie. Normalität ist die signalfarblich eingehegte und geregelte Welt der grellen Schutzwesten und des product placement; der Wahn ist das graue Wirbeln, der Farbdiebstahl. Farbe ist individuell, grau ist Masse. Aber die schrillen Farben sind hier bereits das Pfeifen im Dunkel, sind schon heimgesucht vom Versinken im Ununterscheidbaren. 

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Kommentare


Schmalhans

Ich verstehe nicht, warum der Rezensent sich nicht aus dem Film kommend dem selbigen nähert. Frontier und politische Probleme werden doch nur gestreift, nicht problematisiert. Konstituierend für den Film sind sie erst recht nicht.

Mir scheint, als verkäme TAKE SHELTER hier zu einem Klischeefilm. Hingegen ist er in seiner Intensität eine beeindruckende Weiterentwicklung in Nichols' Werk und von bedrückender Grundsätzlichkeit in seiner Problematik: Weitab von Ökonomie und Politik geht es hier um das Basale im Menschen.


Nino

@ Schmalhans
Ja, ich muss Ihnen insofern recht geben, als ich in meiner Kritik den Film aus einiger Distanz betrachte. Meine Gewichtung spiegelt daher nicht wirklich die von Nichols vorgeschlagene wieder.
Doch tat / schrieb ich dies nicht ohne Hintergedanken. Denn wahrlich: die Allusionen an politische Themen und ihr Nachbeben in individueller Panik finde ich bis heute die großen, starken Beobachtungen des Filmes. Demgegenüber sträube ich mich, vermeintlichen Streifzügen ins "Basale des Menschen" viel Wert beizumessen: ich bezweifle, dass dieses Konzept wirklich mit Sinn gefüllt werden kann. Es gibt nur spezifische Abgründe, keine allgemeingültigen. Und, da gebe ich Ihnen wiederum recht, Take Shelter scheint genau diese Fluchtlinie anzusteuern. Das finde ich daher seine große Schwäche, weil er dort keine Einblicke, sondern nur dunkel-dräuende Stimmungsmache anzubieten hat.






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