Tailor Made Dreams - Maßgeschneiderte Träume
In Marco Wilms’ Dokumentarfilm Tailor Made Dreams erklärt sich der Filmemacher selbst zur Märchenfee und verwirklicht einem Maßschneider aus Bangkok seinen Lebenstraum: einen eigenen Bollywood-Film – an den europäischen Schauplätzen seines Lieblingsfilms.

Issar, die Hauptfigur von Tailor Made Dreams – Maßgeschneiderte Träume, ist Maßschneider im indischen Bangkok, für seine europäischen Kunden hat er sich den einfacheren Namen „Mike“ gegeben. Entliehen ist dieser Name von einer dunklen Gangstergestalt aus der Filmwelt, denn das Kino ist Issars große Leidenschaft. Einer seiner Kunden, der Regisseur Marco Wilms, lädt Issar nach Europa ein, um mit ihm Freunde und ehemalige Kunden zu besuchen und zu den Schauplätzen seines Lieblingsfilms Samgan (1964) in den Schweizer Alpen zu pilgern. So soll Issars ganz eigenes Bollywood-Märchen entstehen mit ihm in der Hauptrolle als tapferes Schneiderlein, das in die große Welt hinauszieht.
Die Reise des indischen Schneiders nach Europa bietet allen Anlass für eine filmische Begleitung. Issars Leidenschaften – das Singen, Tanzen und das schöne Geschlecht – machen ihn zu einem lebenslustigen Charmeur. Sein fortgeschrittenes Alter, die 60 hat er deutlich überschritten, und seine Freude daran sich mitzuteilen, lassen ihn auf seiner Reise wie einen weisen Siddharta wirken, der in der Mission unterwegs ist, die unbeschwerte Botschaft Bollywoods zu verbreiten.

Aber nicht nur durch seine Protagonisten wird Bollywood in Tailor Made Dreams vergegenwärtigt. Auch das Ziel der Reise hat einen direkten Bezug dazu: in den schneebedeckten Bergen der Alpen werden in der Tat häufig indische Produktionen gedreht, seitdem die heimischen Berge der Kaschmir-Region durch den Konflikt mit Pakistan unzugänglich geworden sind. Und Wilms bemüht sich auch ästhetisch um das nötige Bollywood-Flair. So streut der Film einige Tanz- und Gesangsszenen mit vielen klischeehaft indischen Elementen ein. Issars Abschied von seiner Familie in Bangkok wird beispielsweise zu einer Chanson-Parodie in schwülstigster Manier Bollywoods. Dass solche Tanzszenen mitunter als Träume von Issar inszeniert werden, verdeutlicht wie der Film seinen dokumentarischen Charakter selbst persifliert. Auch das gewollt märchenhafte Sujet des Films – das Wahr-werden der eigenen Lebensträume – ist durchaus bollywoodreif. Ganz nebenbei stilisiert sich so der sporadisch in Erscheinung tretende Regisseur selbst zur Glücksfee.

Marco Wilms gelingt es, eine Vielzahl komischer Momente auf seiner Reise einzufangen. In Finnland begegnet Issar einem klobigen General, der in voller Montur mit harschem Ton selbst verfasste Gedichte rezitiert. In einem Hotelfoyer in Helsinki tanzt er mit zwei afrikanischen Putzfrauen zu einer Bauchtanz-Aerobic-Show im Fernsehen. Dabei wird aber stets deutlich: Ja, hier wird inszeniert und entfremdet. Ein Spiel mit dem Zuschauer, das die Grenzen des Dokumentar-Genres augenzwinkernd und gewitzt in Frage stellt. Wilms setzt die Idee, Issar seinen eigenen Bollywood-Film zu drehen, zumeist konsequent um und verzichtet dafür auf jeglichen Anspruch auf dokumentarische Authentizität. Tailor Made Dreams ist aber mehr als nur ein persönliches Geschenk des Filmemachers an seine Hauptfigur, es ist das Protokoll einer irrwitzigen Reise, die von der Begegnung mit anderen Kulturen erzählt. Und ein standesgemäßes Happyend gibt es auch: Issar bringt zum Schluss Tailor Made Dreams als DVD von seiner Reise nach Hause mit.
Filmkritik von Rouben Bathke
Veröffentlicht am 16.11.2006
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Film-Angaben
Titel: Tailor Made Dreams - Maßgeschneiderte Träume
Deutschland 2006
Laufzeit: 87 Minuten
Regie: Marco Wilms
Drehbuch: Marco Wilms
Produktion: Heino Deckert
Kinostart: 07.12.2006
Copyright Tailor Made Dreams - Maßgeschneiderte Träume
Fotos: © W-Film
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