Tagebuch eines Skandals

Zwei Lehrerinnen und dazwischen ein 15-jähriger Schüler: Richard Eyre gelingt mit Tagebuch eines Skandals ein vielschichtiges Porträt zweier ungleicher Frauen.

Tagebuch eines Skandals

Ein Blick zurück in die eigene Schulzeit dürfte wohl bei den meisten ein ähnliches Bild ergeben: Während man einigermaßen artig Mathe-, Deutsch und Geografie-Stunden über sich ergehen ließ, so schienen im Kunstunterricht alle Schulregeln plötzlich nicht mehr zu gelten. Es wurde permanent geredet, Mitschüler wurden angemalt und verschiedene Gegenstände flogen durch die Luft. Die Wertschätzung der Lehrer pendelte dabei zwischen Verachtung und absoluter Verehrung. Der unerfahrenen und antiautoritären Lehrerin Sheba Hart (Cate Blanchett) ergeht es in Tagebuch eines Skandals (Notes on a Scandal) vergleichbar, und in ihrem Klassenzimmer herrscht des Öfteren Chaos. Anders bei Barbara Covett (Judi Dench), die mit eiserner Hand die Jugendlichen führt und als Drachen verschrieen ist. Die beiden ungleichen Lehrerinnen freunden sich an, doch als Barbara sieht, wie Sheba eine leidenschaftliche Affäre mit einem ihrer 15-jährigen Schüler beginnt, versucht Barbara die Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Nach dem Spiel mit unterschiedlichen Geschlechterrollen in seinem letztem Spielfilm Stage Beauty (2004) und der Verfilmung von Iris Murdochs Leben und Alzheimer-Erkrankung in Iris (2001) greift Richard Eyre in Tagebuch eines Skandals ein weiteres gesellschaftlich heikles Thema auf. Die Beziehung zwischen zwei Personen, deren Alter stark auseinander liegt, wird jedoch nicht als isolierter Vorfall dargestellt, sondern findet sich im Verhältnis verschiedener Figuren zueinander wieder: Barbara sehnt sich nach ihrer jüngeren Kollegin und selbst Shebas Ehemann ist ihr ehemaliger Dozent. Der feine Unterschied ist natürlich der, dass Sheba eine Beziehung zu einem minderjährigen Jungen führt, der gleichzeitig auch noch ihr Schüler ist.

Tagebuch eines Skandals

Barbaras krankhafte Eifersucht auf die scheinbar perfekte Ehe Shebas wird durch das Auftauchen des 15-jährigen Steve (Andrew Simpson) nur noch verstärkt, und der Film lässt von Beginn an keinen Zweifel an Barbaras zwielichtigem Charakter. In Tagebüchern notiert sie penibel alles, was in ihrem Umfeld geschieht – besonders zynisch beschreibt sie dabei das von ihr so verhasste bürgerliche Leben Shebas. Bewusst orientiert sich Richard Eyre nicht nur am Genre der Tragödie, sondern auch an zahlreichen Filmen, in denen Psychopathen im Mittelpunkt stehen. Judi Denchs unauffällige Erscheinung in Kombination mit dem pathologisch eifersüchtigen Verhalten ihrer Figur weckt Erinnerungen an Filme wie Misery (1990) und dessen nicht nicht minder unheimliche Interpretation von Kathy Bates.

Das eigentliche Interesse des Films ist nicht die Affäre zwischen Sheba und ihrem Schüler Steve (Andrew Simpson), sondern Barbaras lesbisches Verlangen nach einer Freundin und die kaltblütige Ausnutzung der hilflosen Situation ihrer jüngeren Kollegin. Anders als die Boulevard-Medien, die im Film die Wohnung von Sheba belagern und nach jedem Detail der Affäre verlangen, verweigern sich Regisseur Richard Eyre und Drehbuchautor Patrick Marber der simplen Skandalisierung und bemühen sich stattdessen um ein vielschichtiges Porträt der beiden Protagonistinnen. Dies gilt auch für die Liebesszenen in Tagebuch eines Skandals, denen keine Spur von Missbrauch anhaftet, sondern vielmehr mit einer Aura von verbotener Liebe und Ambiguität inszeniert wurden. Die beiden Figuren wissen dabei genau was sie tun, doch während es für Steve lediglich ein lustvolles Abenteuer ist, stellt es für Sheba eine Flucht aus ihrer zur Routine erstarrten Ehe dar.

Tagebuch eines Skandals

Die Wahl der Perspektive aus welcher das Geschehen erzählt wird, stellte laut Patrick Marber die größte Herausforderung dar. Die Romanvorlage von Zoë Heller Tagebuch einer Verführung wurde ausschließlich durch die Augen Barbaras erzählt. Im Wissen um die Schwierigkeit, dies auf die Leinwand zu transportieren, wird in Tagebuch eines Skandals erst gar nicht der Versuch unternommen, Barbara als glaubwürdige und sympathische Erzählerin darzustellen. Mit bösen Blicken, einer übertrieben gespielten Freundlichkeit und perfidem Verhalten gelingt Judi Dench dabei eine Glanzleistung. Cate Blanchett als leicht naive und im Beruf überforderte Lehrerin stellt den Gegenpol dar, und die Entscheidung, die Handlung auch aus ihrem Blickwinkel zu beschreiben, schenkt der Konfrontation zwischen den beiden Frauen deutlich mehr Gewicht als der skandalträchtigen Affäre.

Doch wie bereits in Patrick Marbers düsterem Porträt zweier Paare in seinem Drehbuch zu Hautnah (Closer, 2004) ist Tagebuch eines Skandals intelligent genug, die Figuren nicht ungeschoren davon kommen zu lassen. Auch Sheba, diese engelsgleiche Erscheinung, zahlt schließlich für ihr Vergehen.

Kommentare


Martin Z.

Das Thema ’verheiratete Lehrerin verführt Schüler’ ist ja nicht neu. Doch hier bringen es uns zwei hochklassige Schauspielerinnen (Judi Dench, Cate Blanchett) so überzeugend nahe, dass die Brisanz erneut aufleuchtet. Die Dialoge sind emotional aber vernünftig und beleuchten die Auswirkungen auf alle Beteiligten (Ehemann, Eltern des Jungen).Vor allem Judi Dench ist hochgradig präsent und schafft den Spagat zwischen liebesbedürftiger, einsamer. älterer Kollegin, die jedoch jederzeit gefährlich und unangenehm werden kann. Sehr sensibel geht sie mit ihrem Wissen über die heimliche Liaison um und versucht für sich Kapital daraus zu schlagen. Und dann gibt es am Ende noch eine überraschende Wendung, die dem geschilderten Phänomen einen neuen Aspekt hinzufügt und es zu einer Neverending-Story macht.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.