T2: Trainspotting 2

Berlinale 2017 – Wettbewerb: Danny Boyles T2-Trainspotting bringt die angestaubte Ästhetik seines Vorgängers zum Tanzen, indem er uns die alten Melodien vorpfeift. Dabei nimmt er auf unverhoffte Weise von der Europäischen Union Abschied.

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Bei Sequels stellt sich schnell die Frage nach der Daseinsberechtigung – zumindest jenseits des wohl selbstverständlichen wirtschaftlichen Interesses, mit einer bewährten Formel ein paar ehemalige Fans an- und vielleicht ein paar neue Fans hervorzulocken. Warum noch einmal zurückkehren, die alten Helden und Geschichten nochmal hervorkramen, Erinnerungen updaten? Allesamt Fragen, die T2 Trainspotting selbst ständig aufwirft und thematisiert. Und siehe da: Über die so offensichtliche wie naheliegende Strategie der Meta-Selbstkommentierung schafft es Regisseur Danny Boyle weitestgehend, die Frage in der Schwebe zu halten, ob ein „20 Jahre später“-Klassentreffen der Drop-outs Renton (Ewan McGregor), Spud (Ewan Bremmer), Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Begbie (Robert Carlyle) heute überhaupt Sinn macht.

Der Retrozirkus dreht sich

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Die Story rekurriert dauernd auf die zwei Dekaden, die seit dem Original vergangen sind – einem Film, der sicherlich so etwas wie eine Zeitgeistikone der verblassenden No-Future-Mentalität der 1990er geworden ist. T1 war eine selbstzerstörerische Liebeserklärung an die Ausgespuckten thatcherianischer Gesellschaftsspaltungspolitik, an Menschen, die auch heute noch keinen Platz in die weiter ausfransende neoliberale Zwangsrealität haben. An Menschen, die wahrscheinlich Brexiteers wären – wären sie keine Schotten. Doch dazu gleich mehr. – „Euer Problem ist, dass ihr ständig in der Vergangenheit lebt“, sagt die wunderschöne und schlaue Hure Veronika (Anjela Nedyalkova) einmal auf Bulgarisch zu den zugedröhnt in Nostalgie schwelgenden Männern, die grinsend nicht verstehen. Zugleich spricht da auch eine, die auf der Suche nach Chancen und Geld aus den neuen EU-Staaten in das verhärmt und müde gewordene baldige Ex-EU-Gebiet gekommen ist, spricht da Zukunftsdenken zu Vergangenheitsbesessenheit. Es ist einer von vielen Momenten, in denen sich der Film seiner eigenen Verfassung stellt und die Frage aufwirft, warum wir nicht wegkommen von dem lähmenden Blick zurück.

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In einer anderen Szene, einem klaren Highlight, dreht T2 die Logik noch einmal um: Da sprengen Sick Boy und Renton eine Party harter Pro-Großbritannien-Nostalgiker, die einer obskuren Schlacht zwischen Protestanten und Katholiken anno 1690 nachträumen. Erst peitschen sie die rückwärtsgewandten und schwer beschwipsten Wutbürger mit einem Anti-Katholiken-Song an, dann stehlen sie sich mit ein paar Dutzend Kreditkarten davon und räumen Bankkonten leer. Der PIN-Code ist fast immer 1-6-9-0. Das Nicht-Loslassen-Können ist die Achillesferse der Konservativen. Letztes Beispiel: In einer späten Clubszene schaut ein entgeisterter Begbie der hippen jungen Meute dabei zu, wie sie eine fehlerlose Massenchoreo zu Jason Nevins’ Remix von Run DMCs Gassenhauer It’s Like That“ von 1997 hinlegen. Der Retrozirkus hat seine Lebenszeit schon einmal durchlaufen, er ist wieder hip. Und so wankt der Film ständig zwischen dem Schwelgen in, dem ätzenden Entblößen und dem augenzwinkernden Feiern der Vergangenheitsverhaftetheit hin und her.

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Am augenfälligsten wird die Fixierung auf ein nicht enden wollendes Gestern in der Optik. Immer wieder mischt Boyle Aufnahmen des ersten Teils in die Pastichebilder von T2, als unvermittelt aufpoppende Erinnerungsfetzen oder als Rückprojektionen. Aber insgesamt emuliert der zweite Teil den ersten in seiner nervösen, neondurchleuchteten Oberflächenfixiertheit, die er nachträglich wie eine Vorwegnahme unserer von Smartphones und Flatscreens dominierten Wirklichkeit erscheinen lässt. Alles in T2 ist Leinwand, alles kann responsive design werden: Hochhauswände, auf denen Stockwerknummern erscheinen, Autolack, der zu glühen beginnt, oder Textmessages, die sich über die Szenen legen. Aber in dieser Geste steckt etwas Reaktionäres: Was vor 20 Jahren vielleicht noch destabilisierend gewirkt haben mag in seiner Anschmiegung an die Verschiebungen eines Heroin-Highs, das wiederkäut heute doch größtenteils eine visuelle Vorstellungswelt, die Marketing und Post-Internet-Art bereits durchgenudelt haben, die schon lange zugänglich und konsumierbar geworden ist.

Einmal Drop-out, immer Drop-out

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In seiner Amalgamierung von damals und heute sagt T2 vor allem: Es war scheiße, und es ist immer noch scheiße. Marsch, marsch, marsch, die Gesellschaftsmaschine läuft weiter, und wer nicht mitkommt oder mitwill, fällt raus. Ganz zu Beginn rennt Renton auf einem Laufband, mitten unter anonymen Menschen in einem anonymen Fitnessstudio, der Soundtrack pumpt harschen Four-on-the-floor, alles stampft. Doch plötzlich bricht Renton zusammen, kracht auf den Boden, wird weggeschleudert von der Maschine. Das ist sehr harsch, sehr physisch inszeniert, und hier hat sich T2 ein starkes Motiv des Originals bewahrt. Körper irritieren die Sozialmaschine, sie sind schmutzig, wenn alles sterile Uniformität will, sie bluten, kotzen, scheißen. Sie raffen sich auf, wenn sie am Boden bleiben sollten, und stürzen, wenn sie stehen sollten.

Zurück in Edinburgh, bei den alten Hero-Kumpels, mit deren Kohle er am Ende des ersten Teils durchgebrannt ist, läuft der Rhythmus des Normallebens noch kurz weiter. Sick Boy fragt Renton: „Married? Kids? Job?“ Die Antworten kommen ebenso automatisch: „Ay. Two. Stock Management in the retail sector.“ Aber das ist alles gelogen. Er lässt sich scheiden, Kinder hat er keine, den Job ist er los. Also alles wieder wie gehabt. Oder doch nicht? Unablässig umkreist T2 die Frage, ob persönliches Scheitern ein Ausdruck von Versagen oder Dissidententum ist. Der auf ewig mit der Nadel kämpfende, hilflose und in seiner Hilflosigkeit unendlich liebenswürdige Spud ist die Verkörperung dieser Ungewissheit: Er ist der komplette Totalversager, und zugleich ist er die unschuldigste Seele der Welt. Doch leider ist seine primäre Funktion im Film die des permanenten Comic Relief.

Der lebensbejahende Zynismus

Im Herzen ist T2 eine Komödie, eine ätzende Satire auf unsere Gesellschaft mit ihren Heucheleien und Zwängen, in der auch der Ausbruch nur wieder die Rückkehr altbekannter Strategien ist, begrüßt wird wie der Besuch eines dumpf vermissten, im Alltagstrott vergessenen Freundes. Was bleibt, ist Zynismus. Alles ist bekannt, und weil alles bekannt ist, kann alles benutzt und ausgetrickst werden. Der Zyniker scheißt auf die Gefahr der Aushöhlung von Werten, weil für ihn eh alles schon zerstört ist. Kein Gefühl liegt dem Film näher, und er widmet sich dieser oft vorschnell und zu Unrecht als Generalabsage ans Politische verunglimpften Haltung mit dissidentem Verve. Und da scheint etwas wirklich Spannendes auf: die Möglichkeit eines lebensbejahenden Zynismus. Renton ist eine geniale, vielleicht zeitlose Figur, weil er die Verlogenheiten und Schwachstellen seiner Welt kennt und die Welt trotzdem dafür liebt, ihm immer wieder die Möglichkeit für Betrügereien und Schabernack zu bieten.

Und in diesem um die Ecke gedachten Zugang findet T2 dann seine verwirrendste, seine stärkste politische Aussage, nämlich seine zynische Liebeserklärung an die Europäische Union. In einer tollen Betrügerei überzeugen die Jungs und Veronika ein EU-Komitee zur Unterstützung von „small businesses in deprieved urban areas“, ihnen 100.000 Pfund für ein Projekt zu geben. Mit Archivaufnahmen des alten, verloren gegangenen Edinburgh lullt Renton die Bürokraten ein, schwärmt ihnen von einer traditionsbewussten Herberge vor, die authentizitätshungrige Touristen in die darniederliegenden Viertel seiner Heimatstadt holen soll, in Gegenden, die „von der Welle der Gentrifizierung noch nicht verschlungen“ wurden. In Wirklichkeit will er Kohle für einen Puff. Und er bekommt sie, weil er dem Komitee seine eigene Melodie des Trauerns um einen entgleitenden alten Kontinent vorpfeift. Europa ist ein Hurenhaus, dessen Begierden er nur zu genau kennt. Wie schade, wenn man es bald nicht mehr verarschen kann.

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