Syndromes and a Century

Syndromes and a Century ist eine Krankenhauskomödie aus Thailand, die sich auf sonderbare Weise zu verdoppeln scheint. Apichatpong Weerasethakul, seit einigen Jahren Dauergast des internationalen Festivalbetriebs, setzt seine sanfte Kinorevolution mit einem weiteren beeindruckenden Werk fort.

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Die Rückblende gehört zu den erzählerischen Verfahren des Films, in welchen sich gewöhnlich die Macht des Regisseurs und des Drehbuchautors über ihr Material am deutlichsten manifestiert. Zeit wird hier nicht nur innerhalb ihres linearen Fortgangs manipuliert, beschleunigt oder verlangsamt, sondern in einer radikaleren Form verfügbar. Vor allem jedoch verfestigt die Rückblende, wie wir sie aus zahllosen Werken aus über 100 Jahren Kino kennen, das hierarchische Verhältnis zwischen dem Filmemacher und den dargestellten Figuren. Deren Subjektivität wird in den Zeitsprüngen, die kein Äquivalent in der natürlichen Wahrnehmung besitzen, selbst dann untergraben, wenn die Flashbacks als persönliche Erinnerungen gekennzeichnet werden.

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Auch in Syndromes and a Century (Sang sattawat) finden sich Rückblenden. Doch diese funktionieren auf etwas andere Art als gewöhnlich. Die Figuren verhalten sich in nicht immer genau bestimmbarer Weise zu den Rückblenden, die hier stets etwas mehr sind als nur Elemente der Filmgrammatik. Mal drängt es sie in die Vergangenheit, mal versuchen sie vergeblich, die Gegenwart gegen den Einbruch derselben zu schützen. Und obwohl es ihnen nicht gelingt, die Zeitlichkeit des Films zu kontrollieren, sind sie doch in der Lage, diese bisweilen gezielt zu modifizieren. Der Ursprung der Flashbacks liegt weder in der Psychologie der Figuren, noch in einem allwissenden Erzähler, sondern an einem unbestimmbaren Ort, der eines der vielen Geheimnisse darstellt, die das Werk Apichatpong Weerasethakuls enthält.

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Die Rückblenden entspringen dem Beziehungsgeflecht der Mitarbeiter und Patienten eines Provinzkrankenhauses, das von üppiger Natur umgeben wird. Syndromes and a Century, der teilweise auf autobiografischem Material beruht – Weerasethakuls Eltern arbeiteten ebenfalls als Mediziner –, beginnt mit einem Bewerbungsgespräch der ungewöhnlicheren Art. Eine junge Ärztin (Nantarat Sawaddikul) interviewt einen Kollegen (Jaruchai Iamaram) und stellt ihm dabei unter anderem auch die Frage, ob er Quadrate oder Kreise bevorzuge. Zu Beginn der zweiten Hälfte des Films wird sich dieser Dialog fast identisch wiederholen, diesmal in einem Krankenhaus in urbaner, leicht futuristischer Umgebung und unter Benutzung komplementärer Kamerapositionen. Um diese beiden Begegnungen herum entwirft der Regisseur einen nur partiell einer narrativen Logik unterworfenen Plot um Erinnerungen, Visionen, erotisch aufgeladene Begegnungen, Schlagersänger und einen kreisrunden Kamin, der schwarzen Rauch anzuziehen scheint.

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Gerade einmal fünf Jahre ist es her, dass der als Videokünstler bekannt gewordene Thailänder Apichatpong Weerasethakul seinen zweiten Spielfilm Blissfully Yours (Sud sanaeha) in dem Programm „Un Certain Regard“ in Cannes vorstellte. Heute ist er der Liebling großer Filmfestivals und das Aushängeschild des neuen thailändischen Films. Vor allem jedoch kann er als eine der großen Hoffnungen des Weltkinos modernen Zuschnitts bezeichnet werden, welches sich durch eine neuartige Verquickung lokaler und globaler Strukturen auszeichnet – sowohl in ökonomischer, als auch in filmästhetischer Hinsicht. Produziert werden Weerasethakuls Werke im Zusammenspiel der unterschiedlichsten Fördergremien, das primäre Zielpublikum befindet sich hauptsächlich in Europa. Und dennoch widersetzen sich alle Werke des Regisseurs – und ganz besonders sein bisher größter Erfolg Tropical Malady (Sud pralad, 2004) – dem problemlosen Konsum unter exotistischen Vorzeichen und beharren auf einer unübersetzbaren Differenz, die allerdings nur bedingt als kulturelle zu identifizieren ist und sich aus den unterschiedlichsten Quellen speist.

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Weerasethakuls Werk entzieht sich allen Zuordnungsversuchen einer durch das europäische Kunstkino geprägten Terminologie. Trotz der zweifellos vorhandenen Irritationen sind seine Filme nie in einem modernistischen Sinne selbstreflexiv. Die Brüche mit den Konventionen der tradierten Filmgrammatik werden ohne den denunzierenden Gestus eines Lars von Trier oder Michael Haneke und mit beispielloser Einfachheit vorgenommen. Auch die oben erwähnten Rückblenden, die eine nicht näher bestimmbare Form von Autonomie besitzen und sich dem Zugriff der Narration in gewisser Weise entziehen, werden innerhalb des Gesamtgefüges des Films sofort naturalisiert und erscheinen nie als Angriff auf tradierte Erzählkonventionen. Syndromes and a Century nimmt seine eigene Sonderbarkeit vollkommen gleichgültig hin.

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Und der Zuschauer ist gefordert, eine ähnliche Haltung einzunehmen. Und nicht etwa den Versuch zu unternehmen, den Film als Erzählexperiment zu verstehen. Denn wie in Tropical Malady lockt Weerasethakul auch hier das Publikum auf eine falsche Fährte, indem er durch einige Kunstgriffe die narrative Struktur seines Werkes in den Vordergrund zu rücken scheint. Auch Syndromes and a Century besteht aus zwei unterschiedlichen Teilen, die sich vor allem durch den Handlungsort, die oben erwähnten beiden Krankenhäuser, voneinander unterscheiden. Im Gegensatz zum Vorgänger, in welchem sich die beiden Hälften durch eine radikale Diskontinuität auszeichneten, ist der zweite Filmabschnitt hier auf den ersten Blick nur eine Variation des ersten, da die Dialoge teilweise bis auf das kleinste Detail wiederholt werden. Doch bald verliert der Film diesen Faden wieder, das städtische Krankenhaus entwickelt seine eigenen Dynamiken, beherbergt mysteriöse, Science-Fiction-affine Maschinen und bietet Anlass zu Bewusststeinszuständen vollkommen anderer Art.

In Syndromes and a Century finden sich viele vertraute Motive aus anderen Werken Weerasethakuls. Die Beschäftigung mit der thailändischen „oral history“ ebenso wie die Vorliebe für kitschige, campige Populärkultur, eine sonderbare Obsession für geschriebenen Text oder der immer etwas kindlich anmutende Umgang mit Sexualität. Erhalten geblieben ist auch der spielerische Umgang mit filmischen Zeichen, insbesondere auf der Tonspur, die oft äußerst eigenwillige Soundteppiche ausbreitet und in welcher beispielsweise das Geräusch eines aufspringenden Tennisballs erst nach mehreren Minuten als solches identifiziert wird. Dennoch stellt auch Syndromes and a Century wieder ein vollkommen neues Kapitel – ein nebenbei bemerkt auch überraschend luftiges, komödiantisches – in dem Werk des Thailänders dar, in einem Werk, welches dem Kino von Film zu Film neue Bild- und Klanguniversen zu erschließen scheint.

Kommentare


Gerwalt Brandl

Ich schätze nichtlineare "Erzählungen" in der Literatur und im Film, muss aber zugeben, dass ich diesen Film langweilig gefunden habe.Der Regisseur mit dem für unsere Augen und Ohren sagenhaft schönen Namen ist momentan in Europa hoch im Kurs - man sollte in Hinblick auf diesen Film aber nicht vergessen, was er selbst über seine Kunst sagt: "Was meine Entwicklung als Filmemacher betrifft, stehe ich noch ganz am Anfang". (Quelle: Stadtkinozeitung Juni/Juli 10) Ja, leider. Was sich in der Zeit entwickelt, schafft Spannung. Wenn das wegfällt, so kommt mir vor, muss die fehlende Spannung auf einer anderen Ebene erzeugt werden - z.B. durch die Magie der Bilder, die Komposition. Ist aber hier nicht der Fall, finde ich. Dieses ästhetische Problem durchzieht die Gegenwart. Weder in der zeitgenössischen Literatur noch im Film gibt es wirklich überzeugende Darstellungen von Gleichzeitigkeit. (Die Quadratur des Kreises - allerdings). Das waren meine Überlegungen, als ich nach diesem Film nach Hause ging.

Gerwalt Brandl






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