Swiss Army Man – Kritik

Eine Leiche als Allzweckwerkzeug in einer modernen Robinson-Geschichte, die sich in ihrer eigenen Seltsamkeit am wohlsten fühlt. Über eine entzückende Reise – mit Rückenwind aus Daniel Radcliffes Darm.

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Hank (Paul Dano) ist fertig mit dem Leben. Auf seiner einsamen Insel haben ihn Lebenswille und Nahrungsvorräte endgültig verlassen. Während er sich mit seinem Ledergürtel stranguliert, spült das Meer einen leblosen Körper (Daniel Radcliffe) an. Die permanenten Blähungen, die der Leichnam fabriziert, machen Hank neugierig. Er bricht seinen Suizidversuch ab, um den Kadaver zu untersuchen. Kaum fünf Minuten später segelt Hank auf dem Rücken des Leichnams, angetrieben von dessen Darmwind in Richtung Festland.

Taschenmesser-Golem

Swiss Army Man 05

Auf dem Festland angekommen, erwacht der Kadaver dann zum Leben. Zunächst ist dieser nichts weiter als ein Körper ohne Schmierfett, dessen knackende Knochen Hank stolpernd durch die Farnwälder Nordamerikas wuchtet. Den Gefahren der Wildnis ausgesetzt, entdeckt Hank aber bald die Eigenarten und damit die praktische Anwendung des Körpers, den er mit sich rumschleppt. Dieser Körper ist kein Passivmodell, wie der Leichnam in Hitchcocks The Trouble with Harry (1955), sondern tatsächlich ein menschliches Taschenmesser: Er speit kristallklares Trinkwasser aus, verschießt aus seinem Mund Projektile aller Art und reckt, nach einem Blick auf ein Seite-Drei-Model im Sports-Illustrated-Magazin, seinen totgeglaubten Penis wie eine Kompassnadel Richtung Norden. Mit den Körperfunktionen erwacht auch der Geist des Leichen-Dummys, der ab sofort Manny genannt wird. Natürlich ist Manny kein fertiger Mensch, für einen einsamen Robinson namens Hank aber ist er eine halblebendige Freitag-Variante.

Radcliffe Ex Machina

Swiss Army Man 06

Statt Kannibalismus und Missionierung setzt das Regieduo aus Daniel Scheinert und Dan Kwan (die „Daniels“) für die „Lehrjahre“ Mannys auf Popkultur und das Internet. Denn:„If you don’t know Jurassic Park you don’t know shit.“ So lernt Manny die Welt mit Jurassic Park kennen: Die Musik als Komposition von John Williams, die er im Duett mit Hank summt, die Geschichte als peinlich genaue Beschreibung und Puppentheater-Aufführung und schließlich die Liebe als den Blick auf eine schöne Frau, die Hank in einem Frauenkleid aus Müll präsentiert – schön genug, um Manny an Laura Dern zu erinnern.

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Natürlich ist der exzentrische Leichnam im Film mehr als ein Empfangsvehikel für hippe Spielberg-Witze. Swiss Army Man macht sein lebloses Gimmick zum Hybridmodell aus Filmfigur und Erzählmittel. Dabei erweist sich der Leichnam als wahrer Coup für das Regieduo. Sein Körper wird immer wieder in die Breschen geworfen, die Hanks emotionaler Zustand aufreißt. Das Wehklagen, das sich als Echo durch den gesamten Film zieht, wird mit den Waffen des Dummys konsequent unter Feuer genommen. Pathetische Auswüchse werden mit der völligen Entgleisung von Mannys Gesichtszügen und Körperfunktionen immer wieder eingestampft. Der Kadaver ist ein dramaturgisches Auffangbecken für die Stolpersteine einer Geschichte über Einsamkeit, die unter kunstvoll arrangierten Abfällen lauert.

Robinsonade aus Schrott

Swiss Army Man 08

Die Stadt aus Müll, die Mann und Manny im Laufe des Films in der Wildnis errichten ist eine Art Probebühne für die Zivilisation. In seiner herrlich naiven Gestaltung erinnert das Camp an die Pappbauten, die Michel Gondry für seine Filme entwarf. Im Schutz der eigenen Welt erzieht Hank seinen Dummy-Freund zur gesellschaftsfähigen Ankleidepuppe. Spielerisch verwebt der Film dabei Hanks tragische Vergangenheit in dessen erratische Lehrvorträge, die durch den buchstäblichen Deadpan-Humor von Radcliffes Kadaver ein zusätzliches Knistern bekommen. Swiss Army Man fühlt sich so wohl in diesem Zwischenraum, dass er mit aller Kraft an ihm festhält.

Swiss Army Man 02

Doch Hanks altes Leben rückt näher, während er versucht, es auf Distanz zu halten. Der Film bedient sich eines ähnlichen Verdrängungsmodus, mit dem er die unweigerliche Konfrontation der beiden Gefährten mit der Zivilisation vor sich her schiebt. Wie Angstpatienten verlängern die Daniels die unweigerliche Konfrontation mit Umwegen durch die Wildnis. Gerade die mannigfaltigen Absurditäten dieses lustvollen Zurückdrängens zählen zu den schönsten Momenten des Films. Etwa wenn Hank und Manny sich volltrunken auf einer Zweier-Party so nahe kommen, dass nur Mannys umstürzender Körper einen Kuss verhindern kann. Nachdem beide kurz darauf in einem Fluss zu versinken drohen, wird dieser mit erstaunlichem Effekt nachgeholt: Die Energie, die von der Berührung der Lippen freigesetzt wird, katapultiert Manny und Hank aus dem Wasser. Wie ein paar Delfine tauchen die beiden an der Oberfläche auf und präsentieren ihre lachenden Gesichter der Kamera, die sie in einer Superzeitlupe einfriert.

Doch auch die Insel des Zeitvakuums, auf der Swiss Army Man seine charmante Seltsamkeit ausleben darf, muss schließlich verlassen werden. Dramaturgisch abgerundet beendet der Film seinen Törn mit einer kleinen Flaute. Nach einer entzückenden Reise mit Rückenwind aus Radcliffes Darm sollte man es ihm verzeihen.

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Kommentare


CINENERD2000*

Meinerseits eher sehr enttäuscht über diesen Film, während mich jede nächste Wendung kaum überraschte, empfand ich das alles viel zu verkopft und wie ein überlanger Trailer oder Pilot, zur weiteren Vermarktung als Serie und Musical, nachdem hier vermutlich nur das Drehbuch von "SEE OF TREES" umgebaut und nochmal verkauft wurde, nachdem dieser ja leider komplett gefloppt, nur rote Zahlen und schlechte Kritiken hinterließ, obwohl dieser in meinen Augen das Originalthema sehr viel passender umsetzte, gar für jemanden der sich schon mal etwas intensiver mit dem Thema persönlich auseinander setzen musste, empfand ich den "SWISS ARMY MAN" als billige Operette, im direkten Vergleich.. ,(
Und dann auch zum Schluss, noch einen
so sehr gewollten Plot dranzukleben, bestätigte mir anschliessend nur nochmal meinen Eindruck der ersten Minuten.
Wie auch die Metapher, für ein aktuell
derart geschundenes America fand ich
auch eher abstoßend!
,(






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