Survival of the Dead

George A. Romeros jüngste Ideensammlung zum Zombie-Genre sucht im alten Western nach neuen Bedeutungsebenen.

Survival of the Dead

Wenn man einzelnen Filmgenres bestimmte Monsterarten zuordnen wollte, könnte dabei ungefähr dies herauskommen: Das Melodram ist der Saurier. Es hätte wegen Unangepasstheit an die modernen Verhältnisse langst ausgestorben sein müssen, ist aber dennoch äußerst populär, wenngleich von ihm heutzutage im Kino meist nur ein riesiges museales Knochengerüst zu sehen ist. Das Familiendrama ist der Außerirdische, in dessen totaler Fremdheit wir uns selbst erkennen. Der Krimi könnte vielleicht der psychisch gestörte Serienkiller sein, der seine Kraft aus der ewigen Wiederholung zieht, seltsamerweise ohne jemals langweilig zu werden.

Und der Western, die einstige Königsdisziplin unter den amerikanischen Genres, ist ohne Zweifel der Zombie. Zuerst von Regisseuren wie Sam Peckinpah buchstäblich in Stücke geballert, um schließlich während einer langen westernlosen Zeit unendlich oft totgesagt zu werden, krabbelt er doch immer wieder aus seinem filmgeschichtlichen Grab hervor. Etwas langsam zwar und schwankend, aber auf beiden Beinen. Man denke etwa an Clint Eastwoods Erbarmungslos (Unforgiven, 1992), Jim Jarmuschs Dead Man (1995) oder Open Range von Kevin Costner (2003).

Survival of the Dead

Mit diesen lebenden Toten wird heute zuweilen freilich so verfahren, wie es regelgemäß mit Zombies passiert: Die körperliche Unversehrtheit stellt eine Störung des gewohnten Bildes dar, und so wie George A. Romero und seine Epigonen gerne Köpfe, Arme und Bauchdecken von ihren Antihelden entfernen, so ist der Western längst in seine Einzelteile zerlegt, die sich universal ein- und neu zusammensetzen lassen, in ganz altmodischer Frankenstein-Manier. Romero tut das in seinem neuen Werk Survival of the Dead ganz ähnlich wie kürzlich die Hughes-Brüder in dem Endzeit-Film The Book of Eli (2010).

Manche Szenen aus Survival of the Dead könnten direkt aus einem alten Western stammen. Der Stall mit den Sätteln, das Pferd auf der Koppel, die Hüte, der Showdown Mann gegen Mann, ja die ganze Struktur der Handlung mit zwei verfeindeten Clans und zwei dickköpfigen Patriarchen, die sich bis aufs Blut bekämpfen; auch die Tatsache, dass einer von beiden ganz traditionell zu Beginn des Films aus der Stadt gejagt wird (der Satz fällt nicht, aber natürlich ist das nahezu sprichwörtliche „Diese Stadt ist zu klein für uns beide“ gemeint.)

Survival of the Dead

Neben diesem Western-Plot spielt eine Gruppe Militärs eine zentrale Rolle, allerdings auf weit weniger originelle Weise. Sarge „Nicotine“ Crockett (Alan Van Sprang) gelangt mit seiner Truppe, einem Haufen Soldaten-Klischees einschließlich Kampf-Lesbe, auf eine Insel. Die Annahme, dort vor den Zombies sicher zu sein, erweist sich aber als grundverkehrt. Auch auf Plum Island hat die Epidemie längst um sich gegriffen. Die Soldaten geraten zudem in die bereits erwähnte Familienfehde, die sogar eine irische ist. Patrick O’Flynn (Kenneth Welsh) will dem Zombie-Problem mit gezielten, mitleidlosen Schüssen zwischen die Augen begegnen. Seamus Muldoon (Richard Fitzpatrick) glaubt dagegen mit der Bibel in der Hand irgendwie an das Gute im Zombie und will die Untoten domestizieren. Dazu werden die sich extrem langsam bewegenden Wesen so lange eingesperrt und angekettet, bis ein Mittel gegen die Krankheit gefunden ist. Man gibt ihnen sogar Beschäftigung, wie in einem Integrationsprogramm. Beide Streithähne sind nicht gerade Sympathieträger, O’Flynn allerdings dann doch etwas mehr als sein religiöser Widersacher.

Survival of the Dead

Was der einigermaßen komplizierte Versuchsaufbau bedeuten soll, ist so offen gehalten, dass man alles mögliche darin sehen kann: die Dichotomie der amerikanischen Gesellschaft (für diese Lesart spricht die Betonung des ur-amerikanischen Western-Genres), die schwierige Integration von Ausländern, der Umgang mit dem Terrorismus, der irrige religiöse Glaube, die Heiden (respektive Zombies) bekehren zu müssen, der Machbarkeits-Wahn, letztlich auch – wie meist bei Romero – die Einsicht, dass der Mensch selbst des Menschen größter Wolf ist. Und wo die Anspielung auf Charles Darwin im Titel hinführt, mögen begnadetere Exegeten herausfinden als der Verfasser dieser Zeilen.

Survival of the Dead lässt sich nicht mehr als glasklarer Bedeutungsträger begreifen, was in früheren Filmen des heute 70-jährigen Romero durchaus der Fall war. So wie Die Nacht der lebenden Toten (Night of the Living Dead, 1968) den Rassismus aufgriff oder wie der auf eine Shopping Mall konzentrierte Zombie (Dawn of the Dead, 1978) die Konsumgesellschaft zum Teufel gehen ließ.

Survival of the Dead

Das kann man als Manko betrachten. Dann würde man sagen, dass viele einzelne, auch noch so vitale Einfälle (man achte auf den Zombie-Postboten!) nicht unbedingt ein Ganzes ergeben. Man kann es aber auch als Stärke sehen. Denn die Suche nach Bedeutung und die Frage, wie er auf neue gesellschaftliche Phänomene reagiert (zuletzt zum Beispiel die Generation YouTube in Diary of the Dead, 2007), sind ja ohnehin mittlerweile die recht eigentlich interessanten Dinge an Romero. Da wären allzu eindeutige Bekenntnisse doch eher störend. Die Frage, ob Survival of the Dead denn nun richtig spannend sei und genug platzende Köpfe und quillendes Gedärm enthalte, ist deshalb müßig. Der Film ist so spannend, wie der x-te Teil einer handwerklich beeindruckenden, altbekannten Serie sein kann, deren Anfänge bis in die 1960er Jahre zurückgehen. Das reicht schon fast, um selbst zu einem totgesagten, gleichwohl quicklebendigen Genre zu werden.

Trailer zu „Survival of the Dead“


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