Superstar

Medienkritik für Anfänger? Über inszenierte Bedeutung, die Notwendigkeit und die Nützlichkeit eines Films.

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War nicht schon alles klar? 1960: Federico Fellini zeigt uns Eitelkeit von Star wie Reporter in Das süße Leben (La dolce vita). 1976: Sidney Lumets Network steckt mit seiner Wut übers Fernsehen an. 1983: David Cronenberg verlagert in Videodrome den Horror der manipulativen Bilder in unsere Körper. 1998: Peter Weirs The Truman Show zieht den Schlussstrich unter das Reality-TV und feuert es erst richtig an. Eigentlich, müsste man denken, sind mit diesen (und einigen weiteren) Kinofilmen, die Anklagen an das Bastard-Brüderchen Fernsehen ausgeschöpft. Nur ist Originalität in der Kunst selten ein Kriterium. Jede Geschichte wurde schon einmal (meistens besser) erzählt. Und Medienkritik war vielleicht noch nie so nötig wie heute, wo die Immersion mit jeder Generation potenziert wird. Überhaupt scheint die Idee in der Luft zu liegen: Im Mai präsentierte Matteo Garrone seine hoffnungslose Vision vom Fischverkäufer, der auszog, Star zu werden (Reality). Woody Allen hat in seinem von Fellini inspirierten Episoden-Film To Rome With Love einen (und den zweifellos schwächsten) seiner Stränge dafür genutzt, die gleiche Geschichte wie nun Superstar zu erzählen: Was wäre, wenn irgendwer einfach so über Nacht berühmt würde und verdutzt in die Kameras blickte mit der Frage: „Wieso ich?“

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Regisseur Xavier Giannoli (Chanson d’Amour, Quand j’étais chanteur, 2006) hat freilich in Superstar noch einige weitere Fragen parat und das entscheidende Detail anders gesetzt: Martin Kazinski (Kad Merad) fühlt sich terrorisiert durch die plötzliche Bekanntheit, nichts wünscht er sich sehnlicher, als in Ruhe gelassen zu werden. Da das keine Option zu sein scheint, möchte er wenigstens verstehen, was ihm widerfährt, und da kommt Fleur (Cécile de France) ins Spiel. Sie arbeitet für eine als Nachrichtensendung getarnte Entertainmentshow und möchte ihn unbedingt als exklusiven Gast präsentieren. An ihr wird die langsam bröckelnde Berechnung der Programmmacher exemplifiziert. Dabei schläft sie auch noch mit dem zynischen Boss (Louis-Do de Lencquesaing). Wie in Chanson d’amour hat Giannoli auch eine Liebesgeschichte eines ungleichen Paares auf der Rechnung. Wenn Cécile de France mit einem abgehalfterten Gérard Depardieu denkbar ist, wieso dann nicht auch mit Kad Merad als willentlichem Loser? Einer Parabel nimmt man die ein oder andere Unglaubwürdigkeit ohnehin nicht übel. Gemessen werden muss Superstar an seinem zentralen Sujet: der Erforschung des Fernseh-Wahnsinns.

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Da wäre also die Figur des Anti-Stars, der, so scheint es, einem Zirkelschluss zufolge bekannt ist, weil er grundlos zum Internetphänomen wurde, weil ihn alle in der Métro erkannten und er sich dem verweigerte. Von Kunst und Talent losgelöste Prominenz schockiert uns schon lange nicht mehr. Früher gab es die Starlets, später Modeikonen, dann Erbinnen. Aber dass es da vielleicht jemanden gibt, der unsere Aufmerksamkeit überhaupt nicht will, keinerlei Wert der medialen Überhöhung der eigenen Existenz beimisst, das soll uns wohl vor den Kopf stoßen. Das ist jedenfalls die Prämisse, der Superstar als Fährte folgt, um seinem Protagonisten einen Sinn zu geben, vor allem ihm den Charakter eines Botschafters zu verleihen für die übersättigten, aber umso hungrigeren Menschen vor und hinter dem Fernsehen.

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Aus der Krise der Medien, die in Wahrheit eine des grassierenden Zynismus ist, führe der Verzicht. Giannoli selbst glaubt offensichtlich nicht so ganz daran, folgt aber sowieso immer wieder der Tendenz, statt sich ernsthaft mit den aufgeworfenen Fragen zu beschäftigen, eher auf effektvolle dramatische Wendungen zu vertrauen. Etwa mit der gespielten Entrüstung über die Charakterisierung von Martin durch einen eitlen Moderator als „banal“. Wenn Martin daraufhin Leute im Supermarkt zujubeln, sie seien auch alle banal, dann kommt man sich plötzlich vor, als imitiere Frankreich die USA, wo es diesen bekundeten Stolz der Mittelmäßigkeit tatsächlich gibt. Nur kennt das Land der Lumières keine Joe Sixpacks, der „normale“ Bürger trägt Wein, keine Sechserpackung Dosenbier nach Hause. Übrigens wird wohl in keinem anderen Land so leidenschaftlich in Radio und TV über Literatur, Kino oder Theater diskutiert wie dort. Dass die Auswüchse des Fernsehens und besonders die Trivialisierung der Nachrichten allerdings auch in Frankreich eine Rolle spielen, dafür braucht man dort nur um 20 Uhr die Geräte einzuschalten und zu versuchen, aus dem Vermischten die sachlichen Neuigkeiten von Innen- und Außenpolitik herauszufischen. Die Notwendigkeit der Medienkritik wird insofern keiner bestreiten. Ob aber eine klassische Arthouse-Dramödie hierfür nützlich sein kann? Die einzigen Alternativen, die Giannoli zum Medienzirkus einfallen, sind die Auswanderung oder das Ausschalten des Geräts. Wie retro. Aber wer wie Giannoli an das Gute im Menschen glaubt, kann vielleicht einfach keine Satire inszenieren. Oder aber ist es unser Zynismus, der den Film nicht heranlassen will?

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