Supermarkt

Ein alternativer Karriereweg. Von einem, der fällt und sich doch immer wieder aufrappelt.

Supermarkt 01

„I want my celebration before I die, there’s no place where I feel bound“, sang Marius West 1974, lange bevor er unter seinem echten Namen Westernhagen mit deutschem Funk wie „Sexy“ die Nation das Fürchten lehrte. Im Film Supermarkt gibt er mit diesen Zeilen einer Hauptfigur, die zwar weiß, dass sie etwas im Leben erreichen will, nicht aber, wie sie es anstellen soll, eine Stimme. Willi (Charly Wierzejewski) ist ein Getriebener, ein jugendlicher Problemfall, der seinen Platz im Leben sucht, ihn aber vor allem deshalb nicht findet, weil er es nirgends lange genug aushält. Schaut man ihm ins von Enttäuschung und Resignation gezeichnete Gesicht, könnte man fast vergessen, wie jung er eigentlich ist. Kaum angefangen, aber schon längst verloren. Und Roland Klick folgt ihm dabei, wie er trotzdem versucht, gegen sein Schicksal anzukämpfen, sich immer wieder aufrappelt, was Dummes ausheckt und sich in die Arme von Leuten flüchtet, die sich eigentlich gar nicht für ihn interessieren.

Supermarkt 02

Dabei will doch scheinbar jeder nur helfen. Ein überheblich smarter Reporter (Michael Degen), der auch mal etwas Gutes tun möchte, ein Gustav-von-Aschenbach-Verschnitt (Hans-Michael Rehberg), der sich mit einem Stricher sein Einsiedlerdasein versüßen möchte, oder ein versoffener Gangster (grandios schmierig: Walter Kohut), der schon so abgefuckt ist, dass er außer dem unzuverlässigen Herumtreiber keinen anderen Partner mehr findet. Alle gefallen sie sich in der Rolle des Wohltäters und verfolgen dabei doch nur eigene Interessen.

Klick versammelt dafür ein Arsenal an Archetypen, füllt sie mit den Widersprüchen des Lebens und beweist, wie wichtig das Casting für einen Film ist. Selbst die kleinsten Nebenrollen sind in Supermarkt genial besetzt, bis zu einem gewohnt atemlosen Alfred Edel als Chefredakteur und der späteren Fernsehmama Witta Pohl als Geisel. Und natürlich ist da noch Eva Mattes als Hure Monika, die mit blonder Perücke und blauem Ledermantel ein weiteres Mal zeigt, dass man auch als Trampel eine gewisse Anmut haben kann. Sie ist denn auch die Einzige, der Willi selbst helfen will, einfach weil sie mindestens genauso verloren ist wie er.

Supermarkt 03

Vieles schreit in Supermarkt „Problemfilm“. Wenn etwa die verdreckte Hauptfigur in einer schnöseligen Bar als „Tier“ vorgeführt und von den anderen Gästen mit Essen beworfen wird, läge es nahe, die Ausbeutung in den Mittelpunkt zu rücken. Klick ist jedoch an keiner sozialkritischen Anklage interessiert. Er nähert sich seinen Figuren nicht psychologisch, sondern räumlich. Statt einem Melodram hat er einen Actionfilm im wahrsten Sinne des Wortes gedreht. Wenn sich die Ereignisse darin auf rasante Weise abwechseln, bleibt schlichtweg keine Zeit mehr zum Jammern. Ständig ist der rastlose Willi auf der Flucht, gib ein hohes Tempo vor, wenn er sich von Jost Vacanos entfesselter Kamera durch Fabrikhallen und Gassen eines grau-tristen Hafenviertels jagen lässt. Dabei überlegt er nicht, wie er sich verhalten soll, er macht einfach – und zwar meist das Falsche. Klick überhöht seine Hauptfigur nicht, geht aber ganz mit ihrem impulsiven Naturell mit. Er schneidet hart von Szene zu Szene und peitscht das Tempo mit dichten Genremomenten hoch, die in dieser Intensität im deutschen Kino nur selten zu sehen sind.

Supermarkt 04

Dabei beobachtet Supermarkt nicht aus sicherer Distanz, sondern wirft sich mitten ins Leben. Gleich zu Beginn auf dem Kommissariat, in einem chaotischen Durcheinander aus revoltierenden Jugendlichen, überforderten Polizisten und einem säuselnden Sozialarbeiter, schafft der Film ein organisch und unberechenbar wirkendes Szenario, in dem nur die Kamera für Ordnung sorgt. Der Film folgt auch im Anschluss keiner fein ausgearbeiteten Dramaturgie, sondern lässt sich von den unvorhersehbaren Zick-Zack-Bewegungen seines Protagonisten durch ein vor die Hunde gekommenes Hamburg leiten. Noch nie sah die Hansestadt so trostlos aus; wie ein vor Sünden und Niedertracht überquellendes Dystopia, das seinen Bewohnern kaum Chancen lässt.

Supermarkt 05

Klick hat einen Genrefilm fürs große Publikum gedreht, ohne dass die präzise Milieuschilderung darunter leiden würde. Er fühlt sich dort am wohlsten, wo Stricher und Verbrecher hausen, saugt den Dreck der Straße, den rauen Umgangston und das bisschen Zärtlichkeit, das sich dahinter verbirgt, wie ein Schwamm auf. Die Unterwelt wird hier weder romantisiert noch skandalträchtig in Szene gesetzt. Brutal geht es hier nur auf den ersten Blick zu, denn hinter den glatten Fassaden von Verlagshäusern und Boutiquen sind die Menschen auch nicht netter zueinander. Sie haben nur mehr Geld.

Supermarkt 06

Wie wichtig jede Form von Kapital in diesem darwinistischen Großstadtkosmos ist, lehrt uns Klick, als Willi kurzzeitig in einer Autowerkstatt arbeitet. Ein großkotziger Kunde kommt mit dem vorlauten Angestellten nicht zurecht, zerkratzt aus Wut das eigene Auto, nur um es gleich wieder reparieren zu lassen. Einfach, weil er es kann. Für einen wie Willi gibt es dagegen nur eine Möglichkeit, an Geld und damit auch an Macht zu kommen: Kriminalität. Das ist für ihn schon deshalb kein Abstieg, weil er bereits ganz unten ist. Wenn er in der letzten Szene mit einem Koffer voll geklautem Geld in einem Meer aus Geschäftsmännern, die sich auf dem Weg zur Arbeit befinden, untergeht, zeigt Supermarkt, was das Verbrechen auch sein kann: ein alternativer Karriereweg und die einzige Chance, um sich von all den Abhängigkeiten und Bevormundungen zu befreien. Klick hat zwar einen Film gedreht, der immer nach vorne will, für solche kleinen Wahrheiten nimmt er sich aber doch immer wieder Zeit.

Trailer zu „Supermarkt“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.