Super 8

Auf der Suche nach der verlorenen Wahrnehmung: J.J. Abrams’ Sommer-Blockbuster ist der Versuch einer Zeitreise.

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Sommer 1979: Der zwölfjährige Jungfilmer Charles (Riley Griffiths) dreht mit seinen Schulfreunden und einer Super-8-Kamera einen Zombiefilm – und hat bald Grund zur Hoffnung, einen Hit zu landen. Die schöne Alice (Elle Fanning) entpuppt sich als echtes Schauspieltalent, und ein herannahender Zug beim Dreh einer dramatischen Liebesszene bedeutet für Charles vor allem einen Zuwachs an heiß begehrtem „Production Value“. Während sich die Crew auf die Szene konzentriert, bemerkt Charles’ bester Freund Joe (Joel Courtney) einen weißen Pick-up-Truck, der sich auf den Gleisen postiert hat. Der Zug prallt mit dem Auto zusammen und entgleist. Die Kinder entdecken am Steuer des Trucks den verwundeten Lehrer Dr. Woodward (Glynn Turman), der am Tag darauf verschwunden ist. Eine Spezialeinheit der U.S. Air Force stört fortan den Alltag in der beschaulichen Kleinstadt und beginnt mit aufwändigen Rettungsarbeiten versprengter Metallobjekte, deren bizarres Aussehen nichts Gutes verheißt.

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Nicht nur für Charles’ Super-8-Film, auch für den Film Super 8 bedeutet der Auftritt des Zuges einen veränderten Look – denn das Unglück wird von Regisseur J.J. Abrams (Mission: Impossible 3, 2006; Star Trek, 2008) mit einem anderthalbminütigen CGI-Schlachtfest ausgekostet, in dem sich die Kinder vor herumfliegenden Trümmern retten müssen. Das reißt uns aus der leisen und stimmigen Atmosphäre einer großartigen Exposition, in der Joe mit nur wenigen Bildern und Dialogzeilen als Protagonist eingeführt wird, der mit dem Unfalltod seiner Mutter und der schwierigen Beziehung zu seinem Vater Jackson (Kyle Chandler) zu kämpfen hat. Abrams verliert seine Figuren mit dem Beginn seines Hauptplots zwar nicht vollends aus den Augen, doch mit der mysteriösen Ladung der Güterwaggons tritt das Geheimnis, das der Lost-Macher im Vorfeld des Films mit geschickten Teasern aufgebaut hat, in den Vordergrund: Was vertuscht das amerikanische Militär, warum entlaufen alle Haustiere aus der Gegend, und warum hat Dr. Woodward den Zug entgleisen lassen?

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Selbst wenn hier, wie schon im von Abrams produzierten Cloverfield (2008), durchaus Motive anklingen, die sich als Kommentar auf 9/11 und den War on Terror dechiffrieren lassen, lebt Super 8 ganz in der Erinnerung an frühere Filme – von der Science-Fiction der 1950er Jahre bis zu den ersten großen CGI-Erlebnissen wie Jurassic Park (1993). Abrams’ wichtigster Referenzpunkt ist allerdings Spielbergs E.T. – Der Außerirdische (E.T. the Extra-Terrestrial, 1982) und dessen kindliche Perspektive. Doch je weiter sich der Plot entwickelt, desto mehr setzt Abrams auf Effekte und Erklärung, verdrängt das kindliche Staunen durch die Vorbereitung des Showdowns. Natürlich ist das Geheimnis immer schöner als die Auflösung, aber auch darüber hinaus wirkt Super 8 im Vergleich zu seinen Vorbildern ziemlich inhaltsleer. So gern wir uns zunächst mitnehmen lassen in die vergangene Zeit, so gern wir unsere kritische Haltung vorerst über Bord werfen, um mit den jungen Helden mitzufiebern, so ernüchtert sind wir am Ende. Es scheint, als würde das Wichtigste fehlen.

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Kann es überhaupt ein Zurück zu E.T. geben? Die Zeitmaschine, mit der uns Abrams in die späten 1970er mitnimmt, ist immerhin ein Sommer-Blockbuster aus dem Jahr 2011, Super 8 kann sich damit nicht mit Filmzitaten begnügen und auf ein Publikum verlassen, das sich an seine Spielberg-Kindheit erinnert, sondern muss sich an den Blockbuster-Hits unserer Zeit messen lassen und auch einem an heutige Standards gewöhnten Publikum genügen. An diesem doppelten Anspruch scheitert Abrams schließlich. Die Hommage an den Mentor Spielberg funktioniert nur in dem Sinne, dass er uns diese Absicht erkennen lässt. Denn bei der zunehmend angestrengten Beschwörung der Atmosphäre der Referenzfilme geht ihm irgendwann die Puste aus, und so werden diejenigen, die sich zunächst an eine andere Art des Kinos erinnert fühlen, vielleicht erkennen müssen, dass es im Zeitalter der Simulation kein Zurück mehr zur Materialität der E.T.-Puppe geben wird. Das jugendliche Publikum von heute, sofern es den Film überhaupt noch in einem Kinosaal und nicht am heimischen Computer sieht, wird sich in den letzten Jahren bereits an eine andere Form von Event-Kino gewöhnt haben und Super 8 wohl recht schnell wieder vergessen. Und um einer neuen Generation von Kindern die Kraft des Kinos nahezubringen, bräuchte es mehr als diesen Film, der das Gefühl des kindlichen Staunens eben doch mehr zitiert als wirklich hervorbringt.

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Und dennoch: Wer die alten Amblin-Werke liebt, der wird für diesen Film eine Kinokarte lösen und sich mit Popcorn und Cola bewaffnen. Und wenn es nur ist, um sich an seine ersten Erlebnisse im Kinosessel zu erinnern. Ob sich künftige Generationen von diesen Werken noch ebenso verzaubern lassen werden oder ob die filmische Wahrnehmung sich bald schon zu stark verändert haben wird, ist abzuwarten. J.J. Abrams glaubt an die Zukunft des Kinos, das hat er immer wieder betont. Seine nostalgische Erinnerung an die alte Super-8-Technik ist damit auch der Glaube an eine kindliche Lust am kreativen Erschaffen, aus der das Kino immer wieder neu entsteht. Während des Abspanns zeigt er uns das komplette No-Budget-Movie, das die Figuren seines Blockbusters gedreht haben. Unabhängig davon, ob sie am Ende die Welt retten oder nicht, sind diese Kinder bereits Helden – schon weil sie Filme machen. 

Trailer zu „Super 8“


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Kommentare


Stefan

Durch und durch sehr gute Kritik! Ich sehe es exakt so wie du. V.a. auch die letzten zwei Absätze sind dir sehr gelungen! Großes Lob :)


Rio1888

Spannender Film im angenehm-klassischen Stil ohne Überstrapzierung der Trickkiste mit viel Witz und Anspielungen auf frühere Spielberg-Filme. Eine Verneigung des Regisseurs JJ Abrams vor seinem Mentor. Schätze aber, dass den Film die Gruppe der 40+ anders sieht als jüngere, die vielleicht die Meta-Ebene der Anspielungen mangels Kenntnis der Filme gar nicht erkennt und außerdem den Zeitgeist der End70er/Anfang80er, den der Film vermittelt, nicht spüren, weil sie in der Zeit nicht aufgewachsen sind. Denjenigen aber, die Spielberg mögen und die in die o.g. Altersgruppe fallen, ist der Film definitiv zu empfehlen.


Devn

fand ihn gut ...hat mich aber nicht umgehauen wo ich den trailer gesehen habe war ich sehr erwartunsvoll....hat allerdings meine erwartungen nicht erfüllt ...


Der Kritker

Ich verstehe einfach nicht; was spielberg mit diesem abrams zu schaffen hat. Dieser Film erinnert natürlich an die Spielbergmlassiker; wie E.T. , goonis, unheimliche.begegnung der dritten art und James Ryan.
Trotzdem kommt der Film in keinster Weise an die klassiker heran, zitiert sie nur ohne jedoch ihren Geist zu atmen.
Der film hat, für abrams typisch, unglaubliche längen. Da helfen auch keine spezial Effects a la War of Words. Es scheint fast so; als ob sich da jemand bei dem grossen Meister einschleimen (oder messen) wil?
Abrams hat nicht das Format eines spielbergs. Die achkussszene, diealzusehr an E.T. erinnert, wirkt kitschig, lieblos und deplaziert.
Ich frage mich wirklich, warum spielbberg dafür seinen Namen hergibt..


Filmfan

Fand den Film durchaus gut gemacht und fühlte mich durchaus in die späten 70er zurückversetzt. Bin aber befangen, da eben zur 40+ Gruppe gehörend ;-)

Übrigens: Neben der heute Üblichen Digicam filme ich nach wie vor gerne mit Super8. Gibt es immer noch ...


Anna

Habe den Film eben mit meiner Tochter in GB gesehen und kann den Befüchtungen die junge Genration betreffend widersprechen. Für mich war's unter anderem eine faszinierende Zeitreise, da ich so alt bin wie der Regisseur. Meine Tochter findet den Film klasse, weil die Wünsche, Träume, Hoffnungen, alles was 13jährige bewegt und beschäfigt, universell ist und jede Generation aufs neue betrifft. (Sehgewohnheiten mögen sich verändert haben - das ist aber etwas äußeres und nicht die Ebene, auf der der Film meine Tochter berührt hat.) Jedenfalls hat Spielberg einen neuen 14jährigen Fan!


Nadine

Habe den Film letzten Samstag mit meinen Freunden gesehen. Meine Erwartungen wurden vollends erfüllt und ich fühlte mich in die unbeschwerte Zeit meiner Kindheit der Achtziger Jahre zurückversetzt...eine meiner Meinung nach wunderbar-nostalgische Huldigung an das E.T. und Goonies-Kino von damals....Damals, als irgendwie alles noch so schön unbeschwert war und man die böse weite Welt noch nicht so kannte....


angel ikarus

mir hat der film gefallen, wenngleich weniger die à la 70er, 80er bombastischen szenen, "E.T."- klamauk u.ä., sondern die überzeugende psycho-ebene mit den hauptdarstellern joel courtney, elle fanning & co. auf die "special effects" könnte ich gut verzichten...


Stephan

Zitat:
So gern wir uns zunächst mitnehmen lassen in die vergangene Zeit, so gern wir unsere kritische Haltung vorerst über Bord werfen, um mit den jungen Helden mitzufiebern, so ernüchtert sind wir am Ende. Es scheint, als würde das Wichtigste fehlen."
Das sehe ich als Kernsatz dieser gelungenen Kritik. Kompliment! Habe den Film gesehen und wurde mit zunehmender auer enttäuschter. Ein fader Abklatsch alter Klassiker - da fehlt definitiv das Wichtigste...Auch was "Der KRitiker" zur Abschlussszene schreibt trifft völlig. Am Ende war ich ernüchtert. Schade.






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