Super

Ein Superheld, der von seinem eigenen Sidekick vergewaltigt wird? James Gunn liefert mit seinem Independent-Film Super den bösesten und zugleich amüsantesten Beitrag zur aktuellen Superheldenfilm-Welle.

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Ein Superheld ohne Superkräfte? Das ist keine Besonderheit. Batman, The Green Arrow oder Catwoman kompensieren ihren Mangel an übernatürlichen Fähigkeiten durch den Einsatz von besonderen Waffen, wie die Comicverkäuferin Libby in Super dem Koch Frank erläutert. Aber ein Superheld, dem es auch an gängiger Superkräfte-Kompensation fehlt? Diese Idee war bereits letztes Jahr mit Matthew Vaughns Kick-Ass (Kick-Ass) im Kino zu sehen. Dass nun mit James Gunns Super eine sehr nah verwandte Ausgangsidee verfilmt wurde, ist reiner Zufall, wie sogar Kick-Ass-Erfinder Mark Millar behauptet. Gunn hätte den Film schon lange geplant und war selbst überrascht, als er von dem ähnlichen Projekt erfuhr. Im Übrigen ist Kick-Ass keineswegs der erste Anti-Superhelden-Film. Bereits 1999 führte Ben Stiller als Mr. Furious die Mystery Men (Mystery Men) an, deren Power sich darauf beschränkte, unglaublich wütend zu werden oder mit Tafelsilber zu schmeißen.

Selbst wenn Super tatsächlich eine Reaktion auf den Erfolg von Kick-Ass wäre, ist er trotz einiger deutlicher Parallelen doch ein eigenständiges Werk. Vaughn lieferte neben einer Parodie in Sachen Actionchoreografie ebenso ein richtiges Superheromovie ab. Für seinen jugendlichen Protagonisten dient das Superheldentum dabei nur als Durchgangserfahrung auf dem Weg zur abschließenden gesellschaftlichen Integration als Normteenager. Gunn hingegen verfährt in der Dekonstruktion des Genres wesentlich konsequenter und lässt die Erzählung ganz andere Wege nehmen.

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Der herzensgute Frank D’Arbo (Rainn Wilson) ist als Ehemann für seine Frau und Ex-Junkie Sarah (Liv Tyler) bald zu langweilig, und so fällt es dem Drogenhändler Jacques (Kevin Bacon) nicht schwer, sie ihm auszuspannen. Als zur richtigen Mischung aus Einsamkeit und Verzweiflung noch eine von dem All-Jesus-Network-Serien-Star Holy Avenger (Nathan Fillion) inspirierte Gotteseingebung hinzukommt, steht für Frank fest, dass er etwas unternehmen muss: Er versorgt sich mit Comics, schneidert sich ein knallrotes Kostüm und ist fortan Crimson Bolt – aber damit leider nicht weniger ein Loser. Seine ersten Schritte als vermeintlicher Superheld und Verbrechensbekämpfer enden entweder ereignislos oder schmerzhaft. Kleine, aber unrühmliche Erfolge gelingen ihm schließlich, als er in einer Rohrzange seine spezielle Waffe entdeckt und damit verschiedenen Kleinkriminellen den Schädel einschlägt. Der Versuch, Sarah zurückzuholen, scheitert jedoch auf ganzer Linie. Daraufhin sucht Frank Hilfe bei Libby (Ellen Page), die sich ihm begeistert als Sidekick Boltie anschließt. Nach einigen Eskapaden als Duo sieht es Crimson Bolt an der Zeit gekommen, erneut – und mit jeder Menge Feuerwaffen ausgestattet - gegen Jaques vorzugehen.

Auch wenn mit der finalen Schlacht auf Jacques’ Anwesen endlich Franks große Stunde gekommen scheint, lässt Gunn seinen Protagonisten dem Verliererdasein nicht entkommen. Wahre Heroen bekommt man den ganzen Film über nicht zu sehen. Die Kampfszenen, in anderen Superheldenfilmen meist die genussvollsten Momente, wirken stets grob und hinterlassen einen unangenehmen Nachgeschmack. Crimson Bolt bezwingt seine Gegner, zu denen auch Menschen gehören, die sich in der Kinoschlange vordrängeln, meist durch jähe oder hinterhältige Brutalität. Noch deutlicher veranschaulicht Boltie, die sich als – wenn auch irgendwie liebenswürdige – mordlüsterne Psychopathin entpuppt, die Disparität zwischen Selbstbild und tatsachlichem Treiben der selbsternannten Rächer. Die ganze Erzählung ist von einem traurigen Unterton getragen, der Crimson Bolt und Boltie nicht zu Super- sondern vielmehr zu tragischen Helden werden lässt.

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Super ist dennoch ein hochamüsanter Film, wenn auch von einer für manche Zuschauer sicher nur schwer verdaulichen Art Humor. Gunn beweist sich als Meister der Inszenierung von Absurdem und Groteskem. Die äußerst plastisch gehaltene Gotteseingebungs-Szene etwa ist nur ein Beispiel aus einer Reihe von irrwitzigen, teils verstörenden Situationen und Dialogen. Hier zeigt sich eine Prägung durch Gunns früheres Engagement bei Troma, Amerikas größter und teilweise kultisch verehrter Trashfilmschmiede. Rainn Wilson und Ellen Page glänzen bei der Umsetzung der bewusst überzogen gezeichneten und dennoch tiefgründigen Figuren sowohl durch expressive Mimik und Körperbewegungen als auch mit einer jeweils spezifischen Art zu sprechen: Frank oszilliert zwischen Melancholie und unbeholfener Aufgebrachtheit, während Libby sich primär durch übereuphorisches Schreien ausdrückt.

Gegenüber der nun schon einige Jahre andauernden Welle von Superhelden-Blockbustern, mitunter kaum mehr als CGI-Spielwiesen, lässt sich ein Film wie Super, der von einer originellen Idee und einer wirklich herz-, teils schmerzhaften Umsetzung lebt, als die längst überfällige Antithese betrachten. Mit seinen vergleichsweise mageren zweieinhalb Millionen Dollar Produktionskosten und einem weitgehenden Verzicht auf digitale Special Effects versteht das Independentwerk sowohl visuell anzusprechen als auch tatsächlich zu berühren und gleichzeitig durch einen konsequent durchgezogenen pechschwarzen Humor extrem zu unterhalten. Auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest feiert Super nicht nur seine Deutschlandpremiere, sondern ist auch eine unbedingte Empfehlung.

Kommentare


Stefan Jung

SUPER Film! SUPER kritik! :)


Michael

Den Film gibts seit diesem Monat auch in Deutschland auf DVD.






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