Sunshine Cleaning
Die zwei von der Tatortreinigung: Ein Schwesternpaar in Albuquerque putzt sich in bewährter Indie-Mainstream-Manier dem Happy End entgegen.
Wenn ein Mensch stirbt, dann hinterlässt das häufig Flecken, nicht nur, wenn der Tod gewaltsam war. Stellt sich die Frage, wer die Schweinerei wegmacht: In den rezessionsgebeutelten USA kann auch diese Aufgabe ein Ausweg aus dem Elend sein. „Wir treten an einem Punkt in das Leben von Menschen, an denen ihnen etwas Einschneidendes, Trauriges widerfahren ist... und wir helfen ihnen“ – so euphemistisch beschreibt Rose Lorkowski (Amy Adams) ihren Job, der im wesentlichen darin besteht, Blut und Hirn von Wänden zu wischen, vergammeltes Essen wegzuschmeißen und abgetrennte Körperteile zu entsorgen. Mit ihrer Schwester Norah startet sie das titelgebende Unternehmen „Sunshine Cleaning“, eine Reinigungsfirma für Tatorte. Der unkonventionelle Job soll ihr Ticket aus der Misere sein.
Die 30jährige alleinerziehende Mutter ist an einem toten Punkt in ihrem Leben angelangt: Eine unerfüllte Affäre mit ihrem Highschoolboyfriend Mac ist ebenso symptomatisch für das Gefühl, „es zu nichts gebracht zu haben“, wie eine endlose Reihe stupider Hausmädchen-Jobs, unbezahlter Rechnungen und Mahnungen und ein siebenjähriger Sohn, dessen Hang zur Träumerei vom Schuldirektor als geistige Minderbemitteltheit eingestuft wird. Obendrein muss sich die verantwortungsbewusste Rose auch noch um ihren Vater kümmern, der seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht mit obskuren Geschäftsideen bestreitet. Als Sohn Oscar von der Schule fliegt, und das Geld für eine Privatschule nicht reicht, kommt der Tipp von Roses Teilzeitlover gerade recht: Mac ist Polizist und bekommt mit, wie viel Geld man machen kann, wenn man hinter Toten herwischt.
Der Titel, den das Produzententeam von Little Miss Sunshine (2006) für seinen neuesten Film gewählt hat, soll wohl ebenso wie das Posterdesign und die erneute Besetzung von Alan Arkin als Großvater den Eindruck erwecken, man schließe inhaltlich wie ästhetisch nahtlos an den Arthaus-Überraschungserfolg an. Und tatsächlich, auch auf den zweiten Blick scheinen sich das trostlose Vorstadtsetting – diesmal ist es Albuquerque in New Mexico, das die Kulisse für amerikanischen Kleinstadtmief liefert – und das leicht bis stark depressive Figurenensemble beider Filme auffällig zu decken. Doch während in Little Miss Sunshine die Tristesse des Sub-Urbanen Alltags als Folie für eine Satire daherkam, die durch starke Überzeichnung versuchte, humoristisches Kapital aus den Lebensnöten ihrer Charaktere zu ziehen, ist Sunshine Cleaning um einen deutlich ernsteren Stil bemüht. Zwar versucht sich Regisseurin Christine Jeffs auch in Slapstick und Ekel-Humor, wenn die beiden Schwestern ihre ersten Aufträge übernehmen und sich mit blutgetränkten Matratzen, Maden und Brechreiz auseinandersetzen müssen. Viel mehr Platz nehmen in der Geschichte jedoch die leisen Momente ein, in denen die beiden ihre Probleme wälzen.
Jeffs und die Drehbuchautorin Megan Holly finden dabei kaum Situationen und Bilder die nicht abgenutzt oder allzu vertraut wirken. Slapstick und tränenseliges Emotionskino: beides wird erschreckend einfallslos inszeniert. Rose darf mehrfach während des Films in den Spiegel starren und ihr Motivationsmantra „Ich bin stark, ich bin schön, ich bin erfolgreich“ herunterbeten, wobei sie regelmäßig in Tränen ausbricht, andere Figuren veräußern ihr Seelenleben in nächtlichen Funk-Gesprächen mit verstorbenen Familienmitgliedern oder – wie Schwester Norah – schreien sich den Frust bei Nahtod-Erfahrungen mit Güterzügen aus dem Leib. Auch in der Besetzung geht das Team auf Nummer Sicher: Mit Amy Adams und Emily Blunt wurden zwei sympathische Hauptdarstellerinnen ausgewählt, die ihren Figuren genug „Mädchen von Nebenan“-Qualitäten verleihen, um eine breite Identifikation zu ermöglichen. Alan Arkin legt seine Rolle aus Little Miss Sunshine neu auf: er ist der grummelige Großvater, der immer etwas zu direkt ist und sich in seiner Verschrobenheit gut eingerichtet hat. Dass auch er ein gutes Herz hat, versteht sich von selbst, denn schließlich ist Sunshine Cleaning auch eine Geschichte vom Zusammenhalt in schwierigen Zeiten. Dennoch, ihm bei der Entfaltung seiner ewig scheiternden Geschäftspläne zuzuschauen, ist eines der wenigen Highlights in einem Film, der ansonsten ohne große Überraschungen und Umwege dem hoffnungsvollen Ende entgegen steuert.
Im unausweichlichen Happy End löst Sunshine Cleaning gleich zwei uramerikanische (Kino-)Versprechen ein: Rose darf dank ihres Durchsetzungsvermögens und des Vertrauens in sich selbst und ihre Stärken auf einen Erfolg als selbstständige Unternehmerin hoffen. Ihre Schwester träumt den American Dream auf der Landstraße, im Auto dem Sonnenuntergang entgegen, der Stagnation der Kleinstadt entfliehend.
Filmkritik von Ulrich Ziemons
Veröffentlicht am 29.04.2009
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Film-Angaben
Titel: Sunshine Cleaning
USA 2008
Laufzeit: 91 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Christine Jeffs
Drehbuch: Megan Holley
Produktion: Jeb Brody, Peter Saraf, Marc Turtletaub, Glenn Williamson
Bildgestaltung: John Toon
Montage: Heather Persons
Darsteller: Amy Adams, Emily Blunt, Alan Arkin, Steve Zahn, Mary Lynn Rajskub, Clifton Collins Jr., Jason Spevack, Eric Christian Olsen, Paul Dooley, Kevin Chapman
Kinostart: 21.05.2009
DVD-Angaben
Titel: Sunshine Cleaning
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 88 Minuten
Extras: Entfallene Szenen; Interviews; Kinotrailer
Verleih ab: 21.09.2009
Verkauf ab: 16.10.2009
Copyright Sunshine Cleaning
© Capelight
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