Sunny Days

Leergeräumte Zimmer: Sunny Days ist ein kleiner, mit sicherem Gespür fürs Schräge geformter Film.

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Kein Geld heißt keine Neuanschaffungen heißt intensive Auseinandersetzung mit dem Wenigen, was man hat: Die Zahnpastatube drückt der namenlose Schuldner (Inkar Abdrash) in Nariman Turebayevs Sunny Days nach allen Regeln der Resteverwertungskunst aus, der Teebeutel muss für Wochen reichen, ein einziger Anzug bleibt ihm für das letzte, vielleicht rettende Bewerbungsgespräch. Ganz unproblematisch funktioniert allein der Kalender. Jeder Tag ein Blatt weniger, jeder Tag ein Schritt näher zum Rausschmiss.

Finnisch-kasachische Winterbilder

Turebayevs Mietschuldendrama hat sich viel bei Aki Kaurismäki (Le Havre, 2011) abgeschaut, vor allem, wie man durch Reduktion zu einer stilsicheren Ästhetik der Armut gelangt. Wo das wirkliche Leben, wenn es abwärts geht, wahrscheinlich eher dazu tendiert, laut und schmutzig zu werden, da entschlacken sich bei Turebayev die Bilder und Gesten zunehmend. Jeder Gegenstand gewinnt an Charakter und Profil, jede Handlung ist schon allein deshalb bemerkenswert, weil sie ausgeführt wird, jedes Wort durchbricht die Stille. Prekariats-Minimalismus könnte man das nennen, jedoch nicht entwickelt als Konsumkritik, sondern aus künstlerisch überhöhter Notwendigkeit heraus.

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Das bewirkt in Sunny Days, und da ist Kaurismäki abermals nicht fern, zuerst einmal eine gewisse Würdigung des entbehrungsgeprägten Lebens. Der verschuldete Held hat Stil, er bildet sich seine zunehmend enger werdenden Handlungsräume eigensinnig aus und wird nicht nur von finanziellem Druck an die Wand gedrängt. Mit seiner griesgrämigen Wortklauberei und dem stoisch ertragenen Alltagspech ist er de facto cool: Wenn der mühsam erworbene Lohn zum Schuldentilgen eh nicht reicht, dann kann man ihn immerhin noch versaufen. Und bei der Gelegenheit mit der hübschen Frau vom Kiosk flirten.

Nur Sex gibt’s kostenlos.

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Inkar Abdrashs magerer Knochenkörper und seine hundstraurigen, langgestreckten Gesichtszüge kommen beim grüblerischen Schweigen (und damit ist er viel beschäftigt) ganz besonders gut zur Geltung, was seine Wirkungen auf das andere Geschlecht nie verfehlt. Arm ist sexy? Zumindest hat es etwas von einem Axe-Werbespot, wie in den Deadpan-Welten von Sunny Days verlässlich alle Frauen mit dem armen Schlucker ins Bett wollen (und auch der ziemlich schwule Nachbar scheint mehr als interessiert). Aber seine Libido gereicht ihm nicht zur Freude, viel eher scheint ihm der hormonelle Determinismus noch die letzte Lust an Veränderung zu rauben. Wenn man schon, ohne sich anzustrengen, von allen begehrt wird: Wozu dann mehr wollen?

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Turebayevs russophiler Bohemien-Film (es wird nicht Kasachisch gesprochen, und ein russischer Geschäftsmann wird dem namenlosen Schuldner einmal zum Saufkumpanen) ist spielerischer, weniger schwarzmalerisch als die Filme seiner Landsleute. Der Held gehört hier auch nicht zu der Fraktion der von vornherein Benachteiligten, der strukturell Ausgebremsten, wie zum Beispiel die Hauptfigur in Landsmann Omirbayevs Killer (1998), sondern eher zur mittleren urbanen Schicht. Deren antriebslose Selbstzerstörung hat Omirbayev in seiner Verbrechen und Strafe-Adaption Student (2012) zwar auch schon bearbeitet, aber mit weniger Humor und dafür klarer gezeichneter Kapitalismuskritik. Die Gesellschaft in ihrer ökonomischen Mechanik der Ungleichverteilung wird für das Unglück ihrer Mitglieder eben nicht abstrakt verantwortlich gemacht wie zum Beispiel in Harmony Lessons (Emir Baigazin, 2013).

Nein, Abdrashs Figur ist selbstgewählter Taugenichts, er ist eher faul als benachteiligt, eher unmotiviert als erfolglos. Das ist ein feiner, kleiner Zug des Filmes: Bei der Betrachtung ökonomisch krass ungerechter Systeme wird ja oft, auch und gern im Kino, das Streben nach finanzieller Sicherheit als anthropologische Konstante gesetzt. Das ist hier nicht der Fall, stattdessen gibt es eine andere globale, allgemein menschliche Problematik: eine orientierungslose Jugend. Die kümmert sich ums Vögeln, ums Trinken und manchmal um ihre Jobs, aber das große Ganze interessiert nicht wirklich.

Charakter- statt Befindlichkeitsstudie

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Sunny Days eignet sich nicht für weitgreifende Überlegungen zur Situation postkommunistischer Satellitenstaaten der früheren UdSSR. Dies ist kein Weltkinostück für Hobby-Soziologen. Turebayevs Aspirationen sind bescheidener, sein Blick ist nicht scharf auf die eigene Nation, sondern eher vage auf die ganze Welt gerichtet. Seine Bilder jedoch sind alles andere als unklar, er mag eindeutige, geradeheraus geschossene Einstellungen; Hände, Gesichter, flache Raumaufteilungen. Alles ist wie von großer Lethargie ergriffen, die Figuren bewegen sich langsam, die Kamera gar nicht.

Aus dieser Zurücknahme zieht Turebayev dann, und das zeichnet Sunny Days am allermeisten aus, seinen Humor. Der entlädt sich weniger in Pointen, als dass er in jedem Arrangement schon im Vorhinein angelegt ist. Wenn der Namenlose draußen über die nächtliche Straße wankt, in einer Sporthalle eine Capoeira-Gruppe sieht und deren Akrobatik sturzbesoffen nachahmen will, Winterjacke und alkoholgeschwängerte Atemwolken versus sommerliche Gesänge und leichte Leinenhosen, dann ist das lustig, weil es eine ganz unüberbrückbare Distanz für einige Einstellungen einfach aufrechterhält.

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Überhaupt der Winter: In seinen minzbonbonblauen Nachtszenen, durch die Frostnebel wie Geisteratem zieht, hat der Film seine stärksten Momente. Da pumpen billige Trap-Elektrobeats aus dem Autoradio, der beste Freund des Helden tanzt in glücklichem Suff, während seine Freundin von ihm unbemerkt zwischen den Beinen des anderen zu Werke geht. Doch der hat weder Spaß an der einen noch Augen für die andere Sache. Allein wir Zuschauer sehen sie und spüren sie schräg zusammenklingen. Turebayev gestaltet seine Situationen wie ein Pianist, der beherzt einen schiefen Akkord greift; nicht, weil er nicht spielen könnte, sondern weil er genau diesen komischen Klang anschlagen wollte. Und der hallt überraschend lange nach.

Trailer zu „Sunny Days“


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