Sully

Ein Film, in dem alles gelingt: Clint Eastwood inszeniert eine kollektive amerikanische Notlandung.

Sully 14

Bei dem Plot stellen täglich Tausende von Fluggästen die Ohren auf Durchzug: Das Prozedere bei einer Notwasserung ist ein Szenario, das wohl jeder für unwahrscheinlicher hält als einen Absturz. In Sully lässt sich nun in Echtzeit miterleben, wie der Ernstfall abläuft und wie er sich anhört. Nachdem der Captain den Plan durchgegeben hat, der die Errettung wie den Tod bringen kann, gleitet die Maschine durch einen kurzen, endlos langen Moment der Stille, dann schalten die Stewardessen auf professionellen Aktionismus um und stimmen im Chor an: „Brace! Brace! Brace! Heads down, stay down!“ Ein energisch vorgetragenes Mantra, eine Flucht nach vorn in die Kontrolliertheit, um jede sich hochdrängende Panik, auch die eigene, niederzukämpfen. Was ein wenig wie ein Gebetsritus erscheint, erzielt genau die gewünschte Wirkung, alle Insassen zugleich zu beruhigen und in höchste Aufmerksamkeit zu versetzen. Notladung und Evakuierung gelingen, helfende Schiffe sind schnell zur Stelle, alle werden gerettet. Der Kapitän geht als Letzter von Bord.

Ein reibungslos gelungenes Manöver

Sully 07

Die spektakulären Bilder von Chesley Sullenbergers Notladung auf dem Hudson River, nachdem ein Vogelschwarm beide Triebwerke zerstört hatte, gingen im Januar 2009 um die Welt. Ein fast reibungslos gelungenes Manöver, dessen glückliches Ende jeder Zuschauer kennt, klingt nicht gerade nach einem Spannungsgarant – doch Eastwood kann sich auf den Schauwert eines als „Wunder“ bezeichneten Geschehens wie auf sein eigenes inszenatorisches Timing genug verlassen, um den gesamten Ablauf sogar gleich zweimal fast in voller Länge zu zeigen, ohne dass es redundant wirkt. Ebenso bemerkenswert ist, dass der auch sonst nicht-lineare, von Flashbacks und Traumsequenzen durchsetzte Plot dabei keineswegs zerfahren erscheint, sondern schnörkellos und konzentriert. Die Verfilmung der lehrbuchtauglichen Rettungsaktion ist, zumindest größtenteils, selbst ein kleines Lehrstück in filmerzählerischer Präzision.

Sully 06

Am wenigsten fruchten dabei noch die Rückblicke in Sullys Fliegerkindheit und Fliegerjugend und die den Plot lose gliedernden Telefonate mit seiner daheim gebliebenen Frau. Denn auch wenn der Film, wie der ansonsten so gegensätzliche Vorgänger American Sniper (2014), ganz aus der Perspektive des Protagonisten entwickelt ist, geht es in Sully nicht so sehr um die Ausleuchtung und Erklärung einer individuellen Entwicklung. Anders als der fürs Vaterland Kinder erschießende Soldat Kyle hat der bescheidene Menschenretter Sully kaum Konfliktpotenzial. Zwar verfolgen ihn bedrückende Bilder: Mit einem CGI-Flugzeugcrash in ein Hochhaus, dem Manhattan-Schreckensbild schlechthin, eröffnet der Film, und in einem Fernsehbericht, der sich dann als Traum erweist, sieht sich Sully mit dem eigenen Versagen konfrontiert. Doch Tom Hanks lässt so etwas durch seine in sich ruhende Darstellung als allzu menschlichen Verarbeitungsprozess erkennen. Die Stabilität der Figur scheint nicht gefährdet, auch wenn die Hände mal zittern.

Held gegen Bürokratie, Mensch gegen Technik

Sully 05

Als Spannungsbogen dient das eher unbekannt gebliebene – von Eastwood leicht ausgeschmückte – behördliche Nachspiel, bei dem sich Sully und sein Ko-Pilot vor der Fluggesellschaft verantworten müssen. Eine Umkehr und eine heile Landung auf dem Flughafen La Guardia wären, wie Computersimulationen zeigen, doch möglich gewesen. Eastwood berührt hier klassische Konflikte des amerikanischen Kinos – Held gegen Bürokratie, Mensch gegen Technik –, ohne sie jedoch allzu sehr eskalieren zu lassen. Die Konfrontation scheint eher lästig als bedrohlich, die Vertreter der Fluggesellschaft, die Sully erst am Verhandlungstisch und dann bei der öffentlichen Anhörung gegenübersitzen, wirken auch im Close-up weniger wie uneinnehmbare Überzeugungstäter als wie Leute, die, aus ihrer Warte folgerichtig, ihrem Job nachgehen. Sullys Sicht der Dinge wird ihnen dann in der Rückblende umso wirkmächtiger entgegengesetzt.

Der Behörden-Parallelwelt wird, ebenso klassisch, der viel weisere common sense der kleinen Männer und Frauen auf der Straße entgegengesetzt, denen Sully bei seinen Streifzügen durch Manhattan begegnet – dem Taxifahrer, dem Zimmermädchen, dem Barkeeper, der Verkäuferin – und die den Retter, der von jedem Fernsehschirm im Hintergrund flackert, für seine Tat gratulieren. Als Held, der kein Held sein will, sondern „einfach nur seinen Job gemacht hat“, ist der weißhaarige und schnauzbärtige Pilot, ob in Uniform oder im grauen Pullunder, natürlich auch eine Tom-Hanks-Figur par excellence.

Wir sind Sully

Sully 12

Wenn Eastwood das gefährlich tief über Manhattan gleitende Flugzeug aus der Perspektive ganz verschiedener erschrockener Beobachter zeigt, wirkt das wie ein Wachwerden eines kollektiven Bewusstseins. Und so ist der Filmtitel auch ein wenig irreführend. Denn nicht nur Sully legt Wert darauf, dass die Rettung nicht ihm allein, sondern einer gemeinsamen Anstrengung von Crew, Passagieren und Helfern zu verdanken sei. Dem Film selbst scheint es ein Hauptanliegen zu sein, diesen Kreis sichtbar zu machen und ihn gewissermaßen auf ganz New York auszudehnen, was am Ende ziemlich deutlich ausbuchstabiert wird. Dieses versöhnliche Sujet der kollektiv gestemmten Rettungsaktion ist im Kern sicher zu konfliktbefreit, um aus Sully einen der „großen“ Filme in Eastwoods Spätwerk zu machen, es kommt aber dank dem wie immer nüchternen Tonfall des Regisseurs angenehm unpathetisch daher. Inmitten der großen Gereiztheit dieser Tage ermöglicht es Sully, für eine Spielfilmlänge noch einmal Zeuge eines intakten und kooperativen Amerika zu werden, ohne sich dabei allzu naiv oder unaufrichtig vorzukommen.

Andere Artikel

Trailer zu „Sully“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


Leander

http://www.thedailybeast.com/articles/2016/09/18/the-unsung-hero-left-out-of-sully.html

... ist lesenswert. Eastwood hat, laut diesem Artikel, das NTSB (National Transportation Safety Board), dessen Mitarbeiter er im Film als Sullys Antagonisten darstellt, nie befragt (Der NTSB ist eine staatliche Behörde, die Flugzeugunglücke untersucht und daraus Vorschläge für Verbesserungen in der Flugsicherheit ableitet).

Zitat von Robert Benzon vom NTSB, dem Leiter der Untersuchung des Absturzes von Sullys Flieger: "I do not know why the writer and director chose to twist the role of the NTSB into such an inaccurate depiction. (...) Simply untrue."






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.