Submarino

Zwei Lebenswege, zwei Schicksale, eine gemeinsame Kindheit. Wenn das Leben zum Scheitern verurteilt ist.

Submarino

Noch während die Credits eingeblendet werden, hört man ein Kleinkind schreien. Auf ein Weißbild folgen Aufnahmen von winzigen Händen und Füßen, dann das runde und zarte Gesicht des Neugeborenen. Im gleißenden Licht unter dem Schutz eines weißen Lakens kümmern sich zwei Jungen liebevoll und zärtlich um das Baby, spielen mit ihm, erwärmen später die lebensnotwendige Nahrung. Die erste Sequenz im neuen Film des ehemaligen Dogma-Regisseurs Thomas Vinterberg strahlt Fürsorge und Nächstenliebe aus. Eine Blendung.

Die nun einsetzende Geschichte, die auf dem Roman des für seinen unbedingten Realismus gefeierten dänischen Romanautors Jonas T. Bengtsson basiert, ist dunkel und düster. Ein Sozialdrama, das einige der Qualen und Bilder zeigt, die bereits der Titel an Assoziationen wachruft. Submarino –  eine vornehmlich in Lateinamerika praktizierte, perfide Foltermethode, bei der das Opfer immer wieder fast bis zur Erstickung mit dem Kopf unter Wasser gehalten wird. Um Luft ringen und um das Überleben kämpfen auch Nick (Jakob Cedergren) und sein namenloser jüngerer Bruder (Peter Plaugborg), besagte Jungen aus der ersten Sequenz. Nach einer von Missbrauch und Armut geprägten Kindheit, die durch ein traumatisches Erlebnis erschüttert und damit beendet wurde, verlieren sich die beiden aus den Augen und treffen sich erst bei der Beerdigung ihrer Mutter wieder. Hinter Nick liegt eine Gefängnisstrafe, sein Bruder ist mittlerweile allein erziehender Vater. Trotz der räumlichen Trennung haben ihre beiden Leben offenbar einen ähnlichen tragischen Kurs genommen.

Submarino

Vinterberg stellt diesen Kurs, den Weg, den die beiden Protagonisten gehen, und das Leben, das sie führen, wie auf einem Tableau aus. In einer sozial schwachen Gegend Kopenhagens leben die beiden Brüder nebeneinander und suchen einander doch. Immer wieder kreuzen sie beinahe ihre Wege auf den von Drogenabhängigen und ihren Dealern gesäumten Bürgersteigen des Stadtviertels. Der graue Beton der Wohnhäuser, die dunklen Hauseingänge, die von Bierflaschen gesäumten Fensterbänke sowie die menschenleeren Einzelwarenläden komplettieren die eisige und finstere Atmosphäre. Überzeugend ist, wie der Regisseur seine Protagonisten in diesem Mikrokosmos Kopenhagens zueinander in Bezug setzt, ihre beiden Schicksale in Abhängigkeit voneinander nachzeichnet. Spürbar und wahrnehmbar ist ein Sog, ein Band der Intimität, das zwischen den beiden Brüdern gespannt zu sein scheint. Ein zweiter Sog, die Last der Vergangenheit, zieht sie zudem immer wieder zu Boden. Die traumatische Erinnerung verankert die beiden Brüder auf dem absoluten Nullpunkt und verhindert ein unbeschwertes Leben. Um diesen Strudel und den Sog in die Tiefe zu visualisieren, wählt Vinterberg vornehmlich Wassermotive: Der Alkohol dient gleichsam als Anker im Alltag und Ursprung allen Übels, das Taufwasser als Werkzeug zur Namensgebung und damit zur Identitätsfindung, das Urin als Ausscheidung des Inneren in ein Außen.

Nick ertränkt seine innere Zerrissenheit mit Bier, sein jüngerer Bruder spritzt sich Heroin, um aus der Realität zu fliehen. Dabei wird Nicks Charakter von einem minimalistisch und umso nachdrücklicher agierenden Jakob Cedergren verkörpert. Die Episode um den namenlosen Bruder ist hingegen in ihrer Sozialkritik an einigen Stellen arg plakativ. Dass die Ehefrau bei einem Autounfall verstorben ist, sich dann eine Beziehung zwischen dem Namenlosen mit der Kindergärtnerin andeutet und die elterliche Nachbarin hin und wieder nach dem Rechten sieht, ist überdeutlich inszeniert. Insgesamt hat die Passage um den Junkie einige Längen und ist nicht so präzise und reduziert gestaltet wie der übrige Film. Sie stört gelegentlich das sonst formal-ästhetisch überzeugende Gesamtkonzept.

Submarino

Dem gegenüber stehen die besonders starken Momente von Submarino (2010): Zum Beispiel wenn Vinterberg zwischen den Halbwaisen Martin (Gustav Fischer Kjarulff) und seinem Vater die Fensterscheibe des Busses ins Bild setzt und so die nahende Trennung vorwegnimmt. Oder aber wenn der Regisseur bei einem Gespräch zwischen Nick und seinen Bruder durch die Gitterstäbe des Gefängnisses hindurch eine Form von Nähe kreiert. Vinterberg hat einen Film über die Unausweichlichkeit des Schicksals geschaffen, bei dem Nicks Satz  „I can’t stand it anymore!“ filmisch motiviert wird und damit nachvollziehbar ist.

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