Submarine

From Sundance with Love: Submarine ist ein Vintage-Schmankerl für die große Masse melancholischer Individualisten.

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Für Oliver (Craig Roberts) ist es nicht immer einfach, die Wirklichkeit, seine Wahrnehmung derselben und die Fantasie miteinander abzugleichen. Ist er jetzt der Klassendepp oder Frauenschwarm? Sind die Sexualtriebe seiner Eltern wirklich vollkommen verkümmert oder geht seine Mutter (Sally Hawkins) mit dem New-Age Guru von nebenan (Paddy Considine) fremd? Und, am wichtigsten natürlich: Liebt ihn Jordana (Yasmin Page) wirklich, oder er sie, oder will er das alles überhaupt?

Immerhin ist Oliver gesegnet mit trockenem Humor, einem kräftigen Ego und minimaler Sensibilität für seine Mitmenschen. Auch wenn Sigmund in Panik ausbräche: zur Grundsteinlegung eines stabilen heterosexuellen Charakters muss die elterliche Urszene zur Not höchst selbst inszeniert werden, auch wenn die Hauptdarsteller nicht mehr mitspielen möchten. Und für das Dilemma mit der (Nicht-)Freundin kann sich die Vorstellungskraft schon adäquate Deckerinnerungen zusammenzimmern.

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In Submarine richtet Regisseur Richard Ayoade alles auf seine Hauptfigur aus: Form, Inhalt und Erzählzeit sind Sklaven der schwankenden und sprunghaften (Selbst-)Wahrnehmung Olivers, seines Hangs zum Größenwahn wie auch seiner Fluchten in verschrobene Umdeutungen begangener Missgeschicke. In bester neo-postmoderner Selbstreflexivität kann ein Wort aus Olivers Voice-over die Bilder seiner Liebelei mit Jordana in 8mm-Erinnerungsaufnahmen verwandeln. Materialromantik und Jugendromanze, zugleich ironisch gedämpft und affirmativ: Denn in verwackelter Home-Video-Ästhetik sind die Bilder doch wahrer und wärmer, und gleichzeitig wie entrückt.

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Craig Roberts spielt diesen Oliver sehr pointiert und passgenau als einen heranwachsenden Schnösel, den Nerd par excellence. Der wandert im Jahr 1986 durch sein Waliser Dorfleben mit einem stets konsternierten Blick, von dem nie ganz klar ist, ob er  dahinter wirklich träumt oder nur gut seine Rolle trainiert hat. Er ist so etwas wie die Arbeiterklassen-Version von Harold aus Hal Ashbys Harold and Maude (1971), ein pubertärer Dandy mit Todessehnsucht, ein Menschenmanipulator und Egomane, und natürlich ganz und gar liebenswert. Man schaut ihm gerne zu, wie er sich herum schlägt mit dem Heranwachsen in eine ungewisse Männlichkeit; der Vater (Noah Taylor) ein spindeldürrer, spinnerter Versager, die Mutter ein Borderline-Bündel. Denn Submarine erforscht Familien- und Männerbilder in einer Periode des Übergangs: Die Eltern erwachen mit Thatcher-Kater aus dem Love & Peace & Rock & Roll der Siebziger und wissen noch gar nicht genau, wie man die umgestürzten Geschlechterverhältnisse einander und vor allen Dingen einem Sohn beibringen soll. Aber, das wissen wir ja heute: Die Zeit ist gekommen für die Olivers dieser Welt. Seine Schrägheiten mögen damals Hindernis gewesen sein, heute wirkt das vor allem sehr charmant. Ein Hohelied auf den Nerd! Schon wieder?

Alles an Submarine gibt sich betont locker, nicht zu ordinär, aber auch nicht zu arty, ebenso viele Schippen American Pie (1999) wie Rimbaud. Aber auch wenn das Drehbuch ununterbrochen suggeriert, dass hier Cleverness am Werk ist: Beileibe nicht alle Pointen sitzen, und viele der Konstellationen kennt man schon eingehend aus dem Genreregal, Abteilung „Coming of Age“: die Peinlichkeiten des „ersten Mals“, das Schülermobbing, den Antihelden. Nur sah das schon lange nicht mehr so schnieke aus wie hier.

Submarine

Submarine trägt in jeder körnigen Gegenlichtaufnahme, in jedem Song des Soundtracks von Artic-Monkey-Frontmann Alex Turner, in jedem reflexiv-ironischen Hakenschlag der Erzählung das Label „INDIE“ wie eine Wassermarke eingeprägt. Schärfer: Submarine ist ein Design-Produkt. Der Film ist Inbegriff jener romantischen Sehnsucht nach dem Analogen, die tief im Herzen der Macintosh-Community verborgen liegt. Auch wenn oder gerade weil im Film keine Computer herumstehen und all die Fetischobjekte der heutigen Urban Hipsters noch im wirklichen Gebrauch standen (die gewachste Baumwolljacke Olivers, die Pop-Deco-Tapeten, die Polaroidkamera, die Schreibmaschine, die Kabel an den Telefonen …), kommt man nicht umhin, die Zielgruppe als kulturelles Gegenüber mit in den Filmtext hinein zu lesen.  Die Welt Olivers ist für die Nerds in etwa das, was Hobbingen für Rollenspieler und Mittelalterfreaks ist: mythischer Heimathafen einer Populärkultur, in diesem Fall ausgestattet mit der richtigen Mischung aus Cleverness, Selbsthass und ironisch gebrochenem Stilbewusstsein.

Submarine neu 02

Wenn diese Überlegungen ein Hindernis für den Genuss an Submarine darstellen können, dann nur, weil gewisse Alleinstellungsmerkmale an „alternatives“ Kino immer wieder geerdet werden müssen. Verschaltet in die Dynamiken des Angebots und der Nachfrage kann man den Film als die gute Ware betrachten, die er ist. Er bedient. Das heißt natürlich nicht, dass hierin keine Seele stecken würde, dass Richard Ayoade nicht Herzblut in sein Debüt hätte fließen lassen. Hier wurden Gesichter, Wörter, Musik und charakterstarke Locations zusammengefügt, mit viel Fingerspitzengefühl für das richtige Maß an Reibung und Anschmiegsamkeit. Und dennoch wirkt Submarine in seinem Herzen steril. Aber ach, schau doch: Sind die Farben und Linien auf analogem Film nicht wunderbar warm und weich, hat das raue Bild nicht unendlich viel Charme? Sieht bestimmt super aus auf Blu-Ray …

Trailer zu „Submarine“


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