Sturm
Die eine heißt Hannah, die andere Arendt. Sturm erzählt von zwei Frauen, die sich gegenseitig fordern und schließlich gemeinsam kämpfen. Für Integrität, Hoffnung und ein Happy End.
Am Ende von Michael Christoffersons Dokumentarfilm Slobodan Milošević – Das letzte Gericht (Slobodan Milošević - Præsident under anklage, 2007) zeigt sich Hauptankläger Geoffrey Nice mehr oder weniger offen erleichtert darüber, dass der vier Jahre andauernde, ständig verschleppte Milosevic-Prozess durch den Tod des Beschuldigten doch noch zu einem Ende kommt. Nach seiner Einschätzung sei unter den gegebenen zeitlichen Auflagen nämlich gar kein Erfolg versprechendes Verfahren durchzuführen gewesen.
Dieses zentrale Problem des Den Haager Kriegsverbrecher-Tribunals bringen die Autoren Bernd Lange und Hans-Christian Schmid in dessen neuestem Spielfilm an einem entscheidenden aber späten Punkt ihrer Geschichte zur Sprache.
Der Mann ist offensichtlich verzweifelt. Nur die Staatsanwältin, deren Hotelzimmer er gerade zu nächtlicher Stunde aufgesucht hat, weiß ihren Zeugen weder aufzurichten noch ihm wichtige Informationen zu entlocken. Wenig später ist er tot. Jetzt, endlich, macht sich Hannah Maynard (Kerry Fox) ernsthaft daran, die Hintergründe der Bustransporte von Kasmaj zu recherchieren. Eine Filmstunde später fragt sie noch immer unwissend: „What happened here?“, und Mira Arendt (Annamaria Marinca) antwortet, was jeder Kinozuschauer schon lange weiß: „What happens to women in times of war …?“
Sturm (Storm) personalisiert das Anliegen der Institution in Den Haag. Zunächst geht es Hannah als deren Repräsentantin darum, die Männer hinter den Taten zur Verantwortung zu ziehen. Schließlich verfolgt auch das Opfer, die Person, der Mensch, das Gesicht zur Tat, Mira, dasselbe Ziel. Für sie parallel eine Traumabewältigung.
In den Nachrichten wurde über die Verhaftung Milošević und, im vergangenen Spätsommer, die Karadžićs ausführlich berichtet. Nach solchen Schlagzeilen rutschen die folgenden Prozesse deutlich in der Medienpräsenz ab. Vielen sind die komplexen Handlungsvorgänge und juristischen Besonderheiten des Den Haager Tribunals gar nicht bewusst. Schmid und Lange verknüpfen den Hintergrund, der die Schablone für ein Gerichtsdrama bietet, mit den Schicksalen der beiden weiblichen Hauptfiguren. Für wie gelungen man diese Verbindung hält, ist vermutlich ausschlaggebend dafür, wie man Sturm bewertet. Als Courtroom-Drama versteht sich der Film dabei selbst nicht, der Fall wird nur in wenigen Momenten vor Gericht verhandelt. Eher schon jongliert Schmid mit den Elementen des politischen Thrillers. Das geht in einigen klischeehaften Momenten so weit, dass die aufgelöste Zeugin fast vor ein fahrendes Auto läuft und in einer martialischen Sequenz schwarze Geländewagen zur Durchsuchung eines Hotels vorfahren.
Dabei beginnt alles ganz anders: Eine Familie an der spanischen Küste, der Vater fühlt sich verfolgt. Des Nachts dann der Zugriff. Goran Duric muss sich wenig später wegen Kriegsverbrechen verantworten. Der Einstieg ist aus zweierlei Gründen so vielversprechend. Zum einen gelingt es hier, Elemente des Thrillers zu etablieren, ohne auf gängige Bildklischees zurückzugreifen. Zum anderen wird der Kriegsverbrecher als sympathischer und liebender Familienvater eingeführt.
Von nun an verteilt Sturm allerdings klare Rollen. Der deutsche Nachwuchsjurist Patrick (Alexander Fehling) nimmt den Part des Idealisten ein, der zunächst den moralischen Zeigefinger mit einem gestelzten Drehbuchgegensatz à la „justice“ und „convenience“ erhebt und als ihm das ganze ethisch zu bunt wird, einfach nicht mehr zum Prozess erscheint.
In 23 (1998), Lichter (2003) und Requiem (2006) scheinen dem Regisseur seine Figuren und deren Milieu besonders bekannt und vertraut. Seine Bilder zeugen von einer solchen Intimität. Das mag an den Stoffen und den Umständen der Produktionen liegen. Die häufig sehr schlichte Inszenierung wirkte gerade in Requiem wie eine bewusste ästhetisch-formale Entscheidung, um den Figuren Raum zu lassen. Zu dem Genre des dramatischen Gerichts-Polit-Thrillers findet Schmid aber keinen visuellen Zugang. In der internationalen Großproduktion Sturm scheint der Bayer seiner Stärken beraubt.
Filmkritik von Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 14.02.2009
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Film-Angaben
Titel: Sturm
Originaltitel: Storm
Deutschland, Dänemark, Niederlande 2009
Laufzeit: 105 Minuten
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid
Produktion: Britta Knöller, Hans-Christian Schmid
Bildgestaltung: Bogumil Godfrejów
Montage: Hansjörg Weissbrich
Darsteller: Kerry Fox, Anamaria Marinca, Rolf Lassgård, Stephen Dillane, Alexander Fehling, Joel Eisenblätter, Drazen Kuhn
Kinostart: 10.09.2009
DVD-Angaben
Titel: Sturm
Vertrieb: Indigo
Bild: Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an., Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an.
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 105 Minuten
Extras: Trailer
Verleih ab: 30.04.2010
Verkauf ab: 30.04.2010
Copyright Sturm
Fotos: © Piffl Medien
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