Stung

Benni Diez hat eine grundsympathische Splatterkomödie gedreht, die aber in den ihr gegebenen Chancen allzu große Gefahren sieht.

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Bei der Konzeption von Benni Diez’ Fun-Splatter Stung, so darf man annehmen, wenn man sich etwa das Filmplakat einmal ansieht, wurde wohl schon damit kokettiert, ein allzu naheliegendes Wortspiel in der Presse zu provozieren. Ein aufgerissenes Auge, ein Wespenstachel, der ihm gefährlich nahe kommt, mehr muss man dazu nun nicht mehr sagen. Leider tut man sich schwer, dies auch tatsächlich auf den Film anzuwenden, denn weder formal noch inhaltlich gibt es etwas, das im Vergleich zu anderen Genrebeiträgen der letzten Zeit, nun kommt’s, ins Auge sticht. Das heißt aber nicht, dass Stung ein durch und durch schlechter Film geworden ist. Mutierte Killerwespen crashen die Garten-Geburtstagsparty einer noblen Dame. Den beiden Caterern Julia (Jessica Cook) und Paul (Matt O’Leary) gelingt es mit einer Handvoll anderer Gäste, sich im heruntergekommenen Anwesen der Jubilarin zu verschanzen, doch wie erwartet stellt auch der Zufluchtsort kein Hindernis für die aggressiven Insekten dar.

Immer stur den Genre-Pfad entlang

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Mag der Film nun als Hommage durchgehen oder nicht: Mit welch mangelnder Originalität er sich seinen Weg durchs vorhersehbare Geschehen bahnt, ist fast schon dreist. Die erste Begegnung mit den beiden Protagonisten legt nicht zuletzt dank Busengaffer-Situationskomik überdeutlich offen, mit wem man als Zuschauer hier Sympathien teilen und den Wandel vom blödelnden Tunichtgut zum pfiffigen Helden durchleben darf. Stung ist simpel konstruiert, hält sich nicht lange mit Nebensächlichkeiten auf, und sobald das Drehbuch hier das grobe Netz der Figurenbeziehungen gesponnen und souverän das bevorstehende Grauen präpariert hat, schießen auch schon zu Tausenden die tierischen Antagonisten aus ihren Erdlöchern.

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Auffallend ist auch, dass Diez’ Film jedwede dem Subgenre des Tierhorrors fast schon zwangsläufig inhärente Form von Zivilisationskritik – Nature strikes back aufgrund von aggressivem Kunstdünger – vollkommen abhandenkommt. Überhaupt wohnt ihm gar kein zusätzlicher Impetus inne, an dem man sich irgendwie aufhängen könnte, aus dem man irgendetwas herausziehen könnte, um den Film einer weiterführenden Betrachtung zu unterziehen. Dementsprechend gibt es nichts zu nörgeln – auch clever. Und so erwarten einen in Stung weder Überraschungen noch Konnotationen noch so etwas wie Irritationspotenzial. Dem Spaß tut dies in einigen Momenten des Films jedoch keinen Abbruch. Mit viel technischem Geschick platzen überdimensionierte Monstren aus menschlichen Körpern, um alsbald im Dämmerlicht der Villa temporeiche Jagden auf ihre Opfer zu machen. Ein Feingefühl für die Funktionsweisen des Genres vermisst man hier wahrlich nicht.

Amerikanisches Genrekino aus Deutschland

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Das dem Film zugrundeliegende Skript von Adam Aresty entspringt einem Schreibwettbewerb, den die Produktionsfirma Rat Pack 2011 in Kooperation mit dem Fantasy Filmfest lancierte. Gut realisierbare Stoffe sollten abgeliefert werden, und letztlich war es Stung, der als Gewinner die Umsetzung für die große Leinwand erfahren durfte. Unnötig zu erwähnen, dass dabei latent die Klage laut wird, der Filmproduktion hierzulande fehle es an Mut zum und Gespür für den Horror. Der hat es in Deutschland schwer, gar keine Frage. Till Kleinerts tollkühner Film Der Samurai (2014) etwa ist ein herausragendes Beispiel aus der jüngsten Zeit, wie sich aufregendes Genrekino mit ordentlich Mühe und ohne Förderung durch Fernsehanstalten den Weg zur immerhin kleinen Kinoauswertung erkämpfen kann. Erfolg war ihm nicht vergönnt.

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Wie also sollte ein gut funktionierender deutscher Horrorfilm denn nun aussehen? Stung bietet da einen berechnenden und wenig beherzten Lösungsansatz: die vollständige Überführung sämtlicher möglicher Amerikanismen. Würde nicht für einen kurzen Moment ein deutschsprachiger Schlager, der eigens für den Film geschrieben wurde, von einer Schallplatte ertönen, es gäbe keinen Anhaltspunkt dafür, dass Stung hierzulande entstanden ist. Obwohl in Brandenburg gedreht, wird der Handlungsort kurzerhand in die USA verlegt, und außer einiger Statisten tummelten sich ausschließlich amerikanische Schauspieler am Set.

Vor Möglichkeiten ängstlich den Kopf einziehen

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Damit macht Stung eigentlich nichts falsch. Oder aber gerade deswegen einen großen Fehler. Weil er Genremechanismen nicht einmal zu transponieren wagt, sondern strikt vor jeglichem Versuch einer De-Amerikanisierung des Genres zurückschreckt, verbaut er jegliche Perspektive auf ein eigenständiges deutsches Horrorkino. Diez’ Splatterkomödie scheut sich vor dem noch so flüchtigen Kontakt mit einer hiesigen Filmkultur, versucht auch nur den kleinsten Bezug zu ihr tunlichst unkenntlich zu machen. Könnte denn der leicht verschrobene, schlagfertige Bürgermeister, der im Angesicht der Bedrohung ungehemmt zur Weinflasche greift, als nicht-amerikanische Variante allzu sehr auf Ablehnung stoßen? Würde man an kuriosen Mensch-Wespen-Mutanten dann weniger Gefallen finden? Chancen sind Gefahren, und so kapituliert Stung, noch bevor er eigentlich ein gewisses inszenatorisches Potenzial, das es durchaus gibt, zeigen kann. Zu gewagt der Versuch, sich einem andersartigen ästhetischen Prinzip anzunähern, zu verlockend die Annehmlichkeiten der altbewährten Codes. „Machst du gerne rum?“, so Pauls Frage an seine Mitstreiterin in einem Moment allerhöchster Gefahr. Wie schön wäre es doch, diese Worte in einem deutschen Horrorfilm von einer nicht-synchronisierten Tonspur zu hören.

Trailer zu „Stung“


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