Student

Verbrechen und Strafe in Almaty. Ein namenloser Student wird vom Kapitalismus zum Mörder gemacht.

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Die Menschlichkeit, so legt uns der neue Film von Darezhan Omirbayev nahe, bleibt im wirtschaftlich aufsteigenden Kasachstan der Gegenwart auf der Strecke. Manche werden richtig reich, die anderen müssen sich mit ihrer Armut abfinden. In einer komisch überspitzten Szene gibt eine Professorin ihre Vorstellung der idealen Gesellschaftsform, eines kapitalistischen Darwinismus, zum Besten. Demnach sei der Mensch kein Herdentier wie in der sozialistischen Vergangenheit, sondern ein rücksichtsloser Einzelkämpfer. Dass die Schwachen bei diesem Konzept auf der Strecke blieben, müsse als Naturgesetz in Kauf genommen werden.

In Student begeht der namenlose Titelheld, der im Keller einer älteren Dame wohnt und kaum genug Geld zum Leben hat, aus dieser Ideologie heraus einen Mord. Jedes Mal, wenn er ein Stück Brot in einem kleinen Lebensmittelladen kauft, schielt er auf die Geldscheine in der Kasse. Nachdem er später an eine Waffe kommt, raubt er nach mehrmaligen Anläufen den Laden aus und erschießt den Besitzer und eine Kundin. Danach nagt das schlechte Gewissen an ihm.

Student 2

Seit 30 Jahren dreht Omirbayev in seiner Heimat Filme, die sich am ehesten als stark stilisierter Neorealismus bezeichnen lassen, mit vielen statischen Einstellungen und akkuraten Kameraschwenks. Die Menschen sprechen hier kaum, blicken ausdruckslos drein und bewegen sich schwerfällig. Was in den meisten Filmen Schlüsselszenen oder Höhepunkte wären, findet hier Off-Screen statt. Es ist nicht nur die Großaufnahme eines gequälten Esels, die dabei an Robert Bresson denken lässt.

Wie schon Shuga (2007), der letzte Film des Regisseurs, basiert Student auf einem Klassiker der russischen Literatur. In Verbrechen und Strafe erzählt Dostojewski die Geschichte eines jungen Mannes, der sich aus intellektueller Überlegenheit einen Mord zugesteht. Diese Handlung skelettiert Omirbayev auf ein Minimum, siedelt sie im Amaty der Gegenwart an und begründet die Tat der Hauptfigur vor allem mit einer zunehmend auseinanderklaffenden Gesellschaft. Als der Protagonist etwa auf dem Weg in seine ärmliche Wohnung ist, zeigt Omirbayev eine Kamerafahrt – entlang an glänzenden Hochhausfassaden, die gerade erst errichtet wurden. Die Neureichen werden dabei als Personifizierung des wirtschaftlichen Aufschwungs nicht gerade schmeichelhaft porträtiert. Der Film zeigt sie als gewalttätige Idioten, die lieber Russisch als Kasachisch sprechen und sich wie unreife Gangsterbosse aufführen.

Student 3

Den Wandel seines Protagonisten markiert der Film dann an einer weiteren Vorlesung, diesmal wird allerdings genau das Gegenteil von inhumanem Kapitalismus gelehrt. Hier, aber auch durch die Bekanntschaft mit der stummen Tochter eines arbeitslosen Poeten, beginnt für den Studenten der Prozess der Reue. Obwohl Omirbayev dabei stets nah an der Handlung des Romans bleibt, wäre es ebenso falsch, Student als werktreue Literaturadaption zu bezeichnen, wie ihn auf seinen politischen Gehalt zu reduzieren. Dafür gibt es einfach zu viele absurde oder rätselhafte Momente, die sich dieser Lesart widersetzen. Beispielsweise ein Prolog, in dem der Student als Kameraassistent für einen Regisseur arbeitet, der einen oberflächlichen Film über Jugendliche und ihr sorgloses Leben dreht. Ironischerweise wird diese Rolle von jemandem verkörpert, der das genaue Gegenteil macht: von Omirbayev selbst.

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