Love Stories - Erste Lieben, zweite Chancen

Unabhängige Abhängigkeiten.

Stuck in Love 16

Ob nun mit der Hilfe von geklonten Urzeitmonstern, außerirdischen Invasoren oder einer Bombe im Bus – das US-amerikanische Mainstreamkino kennt unzählige Arten, um einer seiner absoluten Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen: dem Verkuppeln. Doch so unterschiedlich die Wege zum Liebesglück auch sein mögen, die Paarbildung als ein prägendes Moment des Hollywoodkinos verlangt zum Finale nach Bildern trauter Zweisamkeit oder wahlweise einer ganzen glücklichen Kernfamilie.

Abseits der manchmal überlebensgroßen Fantastereien der Blockbusterfilme und im Indie-Sektor verortet, begreift auch Stuck in Love von Regiedebütant Josh Boone die Scheidung als zu bewältigende Krise, der ein fast schon fatalistischer Drang zur Partnerschaft entgegensteht. Der Film wirft einen Blick auf eine Familie, die im Schatten einer gebrochenen und geschiedenen Ehe lebt: Seit drei Jahren wartet der Schriftsteller William Borgens nun schon mit stoischer Ausdauer vergeblich auf die Rückkehr seiner Exfrau Erica, die ihn und die beiden gemeinsamen Kinder für einen anderen Mann verlassen hat. Während Williams Sohn Rusty sich mit der Situation arrangiert zu haben scheint und mit der Eroberung seiner Highschool-Flamme beschäftigt ist, reagiert die ältere Samantha mit Zynismus auf die Verletzung durch die Mutter und hat Erica ganz aus ihrem Leben verbannt.

Stuck in Love 05

Die Literatur ist die große Leidenschaft der Borgens’ und spielt auch für die Handlung eine zentrale Rolle. Das ganze Haus ist voll von Büchern, und Vater William bezahlt seine Kinder sogar dafür, dass sie Tagebuch führen und so Schreibpraxis erlangen. Mit Erfolg: Samanthas erster Roman wird vom renommierten Scribner-Verlag verlegt, und Rusty gelingt es mit einem Gedicht, seinen Schwarm auf sich aufmerksam zu machen.

Literatur ist in Stuck in Love immer eng an die eigene Biografie gekoppelt und erfüllt ganz konkrete Aufgaben: Neben der Aufarbeitung des eigenen Alltags durch das Schreiben dienen die literarischen Vorlieben der Figuren neben dem Musikgeschmack vor allem als Indikator dafür, wer als Liebespaar geeignet ist. Wenn zwei am Ende von Stephen Kings Es weinen, müssen sie wohl füreinander bestimmt sein, so die Logik des Films. Ein tieferes Interesse für Literatur und Schriftstellerei als ein paar eingestreute Plattitüden und Namedropping vermag der Film allerdings nicht aufzubringen. Entgegen der englischen Redensart „Don’t judge a book by its cover“ begnügen sich die Mitglieder der Borgens-Familie in ihren Dialogen mit dem jeweiligen Love Interest mit oberflächlichen Statements, die selten in mehr als Geschmacksurteilen münden. Der Titel des Lieblingsbuchs allein wird zur Offenbarung, der Konsens zum Fundament für aussichtsreiche Beziehungen.

Stuck in Love 07

Ob sie der Engel aus seinem Gedicht sei, fragt Rustys Angebetete ihn einmal, und dieser beantwortet die Frage mit einem uneingeschränkten Ja. Josh Boones überkonstruiertes Drehbuch kennt nur solche Eindeutigkeiten, die Interpretationen kaum Spielraum lassen, sondern sich auf ein simples Übersetzen von Analogien beschränken. Williams Schreibblockade oder Samanthas anfängliche Promiskuität, das sind Metaphern und Symptome frei von jeder Ambivalenz, die alle Handlungen als Ausdruck einer Sehnsucht nach Partnerschaft deuten und die die Figuren letztlich auf Allgemeinplätze runterpsychologisieren. Der Eindruck des Schematischen wird noch verstärkt durch die zahlreichen stereotypen Nebenfiguren, die als bloßes plot device ohne nennenswerten Mehrwert fungieren: Um die Handlung rund um die in Liebesdingen Steckengebliebenen voranzutreiben, muss auch schon mal eine vom Zentrum der Erzählung isolierte und gütig lächelnde Krebskranke einspringen und dann später im Zuge der Sinnproduktion ihr Leben lassen.

Stuck in Love 15

Der Weg, den der Film einschlägt, um zu seinem vorhersehbaren Finale zu gelangen, ist ein holpriger, voller Löcher in Logik und Charakterentwicklung. Sein eigenes Konstrukt reflektiert Stuck in Love dabei trotzdem manchmal geradezu selbstverliebt, wenn er William etwa einen Satz aus Rustys Tagebuch als perfekten und fesselnden Einstieg für einen Roman loben lässt und ausgerechnet dieser Satz den Film selbst einleitet. Als ironische Geste eines virtuoseren oder wagemutigeren Filmemachers könnte das durchaus funktionieren, bei Boone wirkt es wie ein streberhafter Versuch, die eigene Cleverness zu präsentieren. An Ambitionen mag es ihm nicht mangeln, aber zu einem eigenen filmischen Ausdruck findet Boone nie. Dafür bleibt er zu sehr seinem eigenen Drehbuch verhaftet, ohne es zu schaffen, darin angelegten Aspekten wie der Exzentrik der Borgens’ über den Status einer Behauptung hinaus Gewicht zu verleihen. Die Stilisierung zur normal-verrückten Schriftstellersippe ist zaghaft, und die Skurrilitäten bleiben auf dem Niveau von angebranntem Weihnachtsgebäck und ausgelassenem Tanzen vor der Videospielkonsole.

Stuck in Love 13

Stuck in Love steht für ein zeitgenössisches US-Independentkino, das mit den Konventionen und Klischees der teureren Produktionen nicht bricht, sondern diese vor allem stilistisch variiert. Der Soundtrack ist ein anderer (aber auch nicht so anders, dass man ihn sich nicht bei Grey’s Anatomy  oder in Autowerbungen vorstellen kann), die Gesten sind nicht die ganz großen und die Stars nicht immer „super“. Auf die Freiheiten und Grenzüberschreitungen, die sich etwa Little Miss Sunshine (2006) mit dem ambiguen Striptease einer Grundschülerin leistete, verzichtet Boone, sein Kino bleibt Wohlfühlzone mit sauber abgesteckten Koordinaten.

 

Trailer zu „Love Stories - Erste Lieben, zweite Chancen“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.