Struggle

Der Debütfilm der österreichischen Regisseurin Ruth Mader schildert die politisch-wirtschaftliche und die zwischenmenschliche Ausbeutung. Sie erzählt in schneidend kalten Bildern ein komplexes Drama menschlicher Existenz und entlässt den Zuschauer mit dem Paradox einer pessimistischen Hoffnung. Dem auf wichtigen Festivals ausgezeichnetem Film sind viele Zuschauer zu wünschen.

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Was man von diesem Film lange in Erinnerung behalten wird, sind mindestens zwei Bilder: Das eine ist die Schlusseinstellung des Films. Sie zeigt die junge, schöne Polin Ewa (Aleksandra Justa), die uns mit einem zaghaften Lächeln anblickt, in dem sich nicht nur alles vorher Geschehene, sondern zugleich eine Hoffnung nach verbessernder Veränderung spiegelt, obwohl sie zugleich weiß: Es wird immer so bleiben. Die andere Einstellung zeigt Ewa, wie sie völlig entkräftet auf einer Wiese zusammenbricht und nicht einmal mehr weinen kann. Der Regisseurin ist damit ein Bild gelungen, wie wir es seit einiger Zeit im Kino nicht mehr gesehen haben – dem hilflos in sein Dasein geworfenen Menschen versagen alle Kräfte, Ewa hat ihren „Struggle for Life“ verloren.

Ruth Maders Debüt verbindet in nur 74 Filmminuten auf sehr hohem Niveau die zwei großen Formen der Ausbeutung: die der ärmeren Staaten durch die wohlhabenden Industrienationen, sinnfällig an Polen und Österreich gezeigt, und die der Frau durch den Mann, versinnbildlicht an der Beziehung Ewas zu dem österreichischen Immobilienmakler Marold (Gottfried Breitfuß), die den letzten Teil des Filmes ausfüllt. Gezeigt wird dies in bewegungslosen, photographischen Einstellungen, mit ausdrucksstarken Schauspielern und sehr sparsamen Dialogen. Dabei zeichnet das Drehbuch vor allem aus, dass es die Geschichte zugleich kunstvoll und realistisch erzählt.

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Kein Österreicher (oder Deutscher) will Erdbeeren pflücken, in Fleischfabriken Truthähnen die Hälse abschneiden oder Swimmingpools reinigen. Es soll nur alles billig sein. Ewa ist eine der polnischen Hilfsarbeiterinnen, die für 25 Cent je gepflücktem Kilo Erdbeeren in einer österreichischen Grenzregion arbeitet. Dabei geht ein Österreicher, einem Aufseher gleich, noch durch die Reihen und kontrolliert die Pflückmenge. Wenn die Arbeiterinnen am Morgen aus einem LKW ausgeladen werden wie Vieh, hat man als Zuschauer nur die grausamsten Assoziationen. Es gibt auch keinen Schnitt, der uns mit einem anderen Bild ablenken würde: Vom Öffnen der Ladeluke über das Aussteigen der Frauen bis zum Schließen des leeren Wagens bleibt diese Einstellung immer gleich.

Es gibt in Struggle nur zwei Kamerafahrten, die beide zugleich Fluchtbewegungen symbolisieren: Einmal rennt Ewa, ihre vielleicht achtjährige Tochter hinter sich herziehend, von der Gruppe der Erdbeerpflücker weg, die zurück nach Polen fahren. Sie bleibt in Österreich und stellt sich zu einigen Anderen, die am Straßenrand auf anfahrende Autos warten, in der Hoffnung, irgendeine Arbeit zu bekommen. Das andere Mal flüchtet Ewa tatsächlich, als die Polizei die „illegalen“ Arbeiter über eine Wiese jagt. Mit dieser oben beschriebenen Einstellung endet vorläufig die Geschichte Ewas und wir lernen Marold kennen.

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Der geschiedene Immobilienmakler lebt allein. Er holt nur ab und an seine etwa zehnjährige Tochter bei seiner Ex-Frau ab und fährt mit ihr durch die Stadt. Im Auto werden die ersten längeren Dialoge des Films geführt und damit blendet die Erzählung von der Beschreibung der wirtschaftlichen Unterdrückung und Schilderung der Arbeitswelt über in die Herrschafts- und Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau. Dabei stehen hier zunächst Vater und Tochter im Mittelpunkt, aber der Vater definiert seine Tochter nur über einen (männlichen) Freund – seine erste Frage lautet: „Hast’ schon einen Freund?“ Als seine Tochter dies verneint, zeigt er nur auf die Straße: „Schau, da sind die Huren. Die verkaufen ihren Körper. Da endest du auch, wenn du nichts lernst.“ Was kann er mit dieser Drohung anderes meinen, als dass sie zu lernen habe, sich und ihren Körper freiwillig einem Mann zu unterwerfen, da sie sich sonst nur an alle Männer verkaufen müsse?

Für Marold ist dies der Lauf der Welt. Eine Beziehung geschweige denn Liebes-Beziehung, zu einer Frau hatte er schon lange nicht mehr, wenn er überhaupt jemals eine hatte. Irgendwie hat er Ewa kennen gelernt. Aber sein Interesse gilt nicht ihrer Person, sondern so ausschließlich nur ihrem Körper, dass er sich gar nicht auf sie einlässt. Die „Beziehung“ ist für ihn ein rein sexuelles „Spiel“, das er inszeniert. Während Ewa einer anderen Frau einen Kunstpenis einführt, kontrolliert er dies nicht nur, sondern dirigiert Ewa, indem er ihre Hüften umfasst. Er benutzt Ewas Körper, wie dieser zuvor in der Arbeitswelt ausgenutzt wurde.

Es wäre vielleicht zu banal gewesen, Ewas Geschichte von der Aushilfsarbeit in die Prostitution zu führen. Von den größeren Machtstrukturen der kapitalistischen Wirtschaft ausgehend zeigt Ruth Mader mit ihrem Film aber viel mehr. Sie lässt diese Verhältnisse sich in der Beziehung zwischen Mann und Frau wiederholen und führt damit nicht zuletzt das wichtige und jetzt auch mit dem Nobelpreis anerkannte Werk einer anderen Österreicherin fort: das der Elfriede Jelinek.

 

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