Street Kings

Dollarscheinbündel hinter Villenwänden, alkoholisierte Polizisten auf Menschenjagd, Psychosen, Korruption und Brutalität wohin man blickt: James Ellroys Los Angeles hat sich kaum verändert seit den Achtziger Jahren.

Street Kings

Damals machte der Kriminalschriftsteller zuerst mit der Lloyd Hopkins-Trilogie (1984 – 1985) und anschließend mit dem sogenannten L.A. Quartett (1987 – 1992) auf sich aufmerksam. Schritt für Schritt entstand eine Art fantasmatisches Parallel-Los-Angeles, ein literarischer Fiebertraum, in dem abstruse Verschwörungstheorien und reale soziale Auseinandersetzung fließend ineinander übergingen. Und spätestens seit Curtis Hansons immens erfolgreicher Adaption von L.A. Confidential aus dem Jahr 1997 prägt dieses ellroysche alternativ-L.A. auch den Blick auf die Stadt selbst.

Als Co-Autor des Copthrillers Street Kings wendet sich Ellroy ein weiteres Mal der Stadt zu, deren Bild in der populären Imagination er mehr als jeder andere zeitgenössische Autor oder Filmemacher prägte. Regie führt David Ayer, seinerseits Drehbuchautor von Training Day (2001), eines weiteren bösartigen Polizeifilms aus den Straßen L.A.s.

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Die Richtung ist von Anfang an klar: In der wuchtigen Eingangssequenz wird – zunächst völlig dialogfrei – Detective Tom Ludlow (Keanu Reeves) eingeführt. Nach dem Aufwachen geht der erste Blick zur Waffe, der zweite zum Alkohol. Der leicht verwahrloste Polizist bringt sich mit einigen Flachmännern in Schwung, besteigt seinen Wagen und beginnt damit, die Straßen der südkalifornischen Metropole heimzusuchen.

Tom Ludlow wird keinen Schlaf mehr finden in Street Kings. Er ist von der ersten bis zur letzten Minute auf einem Trip und gönnt sich keinen Augenblick der Entspannung oder gar der Reflexion. Doch darin ist er nicht allein. Ellroy/Ayers L.A. ist vierundzwanzig Stunden am Tag auf Droge und wer auch nur einen Moment nicht aufpasst, wird von zwei gigantischen Maschinenpistolen durchsiebt.

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Genau dies passiert Ludlows Kollege Terence Washington (Terry Crews). Und da Ludlow nicht nur nicht ganz zufällig zur Tatzeit vor Ort war, sondern auch kurz zuvor seinem ehemaligen Partner fast an die Gurgel gegangen wäre, gerät der ob seiner Charles-Bronson-Attitüde – erst schießen, dann fragen – ohnehin umstrittene Polizist immer stärker unter Druck. Doch noch scheint er die Rückendeckung seines Vorgesetzten Jack Wander (Forest Whitaker) zu besitzen.

Als im Körper des verstorbenen Washington nicht wie erwartet zwei, sondern drei unterschiedliche Projektilsorten gefunden werden, steht Ludlow vor dem Abgrund. Dabei ist es in der Welt von Street Kings keine Seltenheit, dass Polizisten durch Polizistenhände sterben. In der Tat verlaufen die Fronten im Film nicht zwischen Gesetz und Verbrechen, sondern innerhalb des Reviers selbst. Zwar verursacht die blutige Auseinandersetzung zwischen Wanders Truppe auf der einen und Internal Affairs, der innerpolizeilichen Kontrollinstitution, auf der anderen Seite durchaus Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung, doch die große Mehrheit der Opfer – und Täter – in Street Kings definiert sich über a badge and a gun.

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Wie in dem L.A. Quartett, so ist auch in Street Kings die Polizei mehr als nur eine Institution neben anderen. Das LAPD durchdringt die gesamte Stadt und verwandelt sich in eine in aller Öffentlichkeit agierende Geheimgesellschaft, die letzten Endes kein Außen mehr kennt und die Probleme, die sie eigentlich bekämpfen müsste, internalisiert. Diese Konzeption war schon immer problematisch. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, doch Ellroy verwechselt Ambivalenz nur allzu oft mit einem Zynismus, der in Abwesenheit einer moralischen Instanz dem Recht des Stärkeren das Wort redet. Im L.A. Quartett, das sich mit der Vergangenheit der Stadt beschäftigte, fiel diese reaktionäre Schlagseite weniger ins Gewicht, ging es doch um eine Reimagination, die stets eine offensichtliche Distanz zur Realgeschichte L.A.s beibehielt. In die Gegenwart verlegt erstarrt Ellroys Vision jedoch in ihren eigenen Klischees. Dass Korruption und Polizeigewalt im realen Los Angeles ganz reale Opfer fordern, gerät vollständig aus dem Blick.

Das Drehbuch beruht einzig auf der Annahme, dass Polizisten korrupt sind und besteht aus einer Aneinanderreihung von Belegen dieser These. Dies führt dazu, dass Street Kings selbst für genreunkundige Zuschauer fast schon grotesk vorhersehbar ist: Dem Bösewicht aller Bösewichter kann man seine Bosheit beim ersten Auftreten an der Nasenspitze ablesen.

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Auch in anderen technischen Kategorien enttäuscht der Film. David Ayer ist im Gegensatz zu Training Day-Regisseur Antoine Fuqua kein Stilist. Die Wucht des gelungenen Intros versucht Street Kings immer wieder mit noch mehr Wucht zu reproduzieren, was in den Actionsequenzen teilweise funktioniert, dazwischen aber für zahlreiche Durchhänger sorgt. Auch Keanu Reeves macht seine Sache nur solange gut, wie er sich aufs Saufen, Fluchen und Prügeln beschränken darf. Sobald das Drehbuch ihm Selbstzweifel andrehen will, passt er sich dessen Unbeholfenheit an. Da die Nebenrollen teilweise extrem fehlbesetzt sind, bleibt Forest Whitaker der einzige Lichtblick des Casts. Doch um zu sehen, was Whitaker wirklich kann, greife man lieber zur fünften Staffel der ebenfalls in Los Angeles situierten Polizeiserie The Shield (seit 2002). Und wie gut der amerikanische Polizeifilm auch in diesem Jahrzehnt noch aussieht, wenn er in die richtigen Hände gerät, sieht man in James Grays sträflich unterschätztem Helden der Nacht (We Own the Night, 2007). Der spielt allerdings in New York.

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