Stray Dogs

Tsai Ming-Liang schaut Tränen beim Trocknen zu.

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Es gibt verschiedene Arten, vor der Realität zu flüchten und die Sorgen des Alltags zu vergessen. Mit Rauschmitteln etwa, den Fantasiewelten des Kinos oder aber auch einem Bild, in dem man sich endlos verlieren kann. Wie im neuen Film des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang, in dem ein Wandgemälde, das eine magische Wirkung auf seine Betrachter ausübt, eine zentrale Rolle spielt. Bewegungslos und völlig in sich versunken bleiben sie vor der schwarzweißen Berglandschaft stehen, geben sich der Sehnsucht nach einer besseren Zeit hin und lassen den Kummer, der ihr Leben bestimmt, hinter sich.

Zu behaupten, Stray Dogs (Jiayou) folge einer Geschichte, wäre zu viel gesagt. Noch reduzierter als in vielen seiner früheren, auch schon sehr minimalistischen Filme operiert Tsai frei mit Figuren und Motiven, ohne daraus je eine klare Erzählung zu bilden. Die rudimentäre Handlung dreht sich um einen Mann und seine beiden Kinder, die ein Vagabundendasein in einem menschenfeindlichen Taipeh fristen. Während das Familienoberhaupt tagsüber Geld als menschliches Werbeschild verdient, stauben die Kinder Gratisproben im Supermarkt ab. Nachts teilen sie sich mit streunenden Hunden eine Häuserruine, in der sich auch das geheimnisvolle Bild befindet.

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Tsai ordnet seinen Film um menschliche Grundbedürfnisse an: Arbeiten, Essen, Ausscheiden, Schlafen. Wie stark sich der Schwerpunkt des klassischen Erzählkinos verlagert, wird schnell klar: Es sind die scheinbar unwichtigen Details des Alltags wie Urinieren, Essen oder das Entkleiden am Ende eines beschwerlichen Arbeitstages, denen sich der Film mit obsessiver Genauigkeit widmet. Die Hierarchie, nach der manche Tätigkeiten bedeutender sein sollen als andere, bricht Tsai einfach auf und lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf den Körper seiner Hauptfigur. Auch diesmal steht wieder die Figur Hsiao-Kang im Mittelpunkt, die in Anlehnung an François Truffauts Alter Ego Antoine Doinel in Tsais Filmen immer wieder der Gleiche und doch jedes Mal ein Anderer ist.

Lee Kang-sheng verkörpert ihn als einen wortkargen, von harter Arbeit gezeichneten Mann, dessen Überlebensstrategie sein Pragmatismus ist. Wie er unter sichtbarer körperlicher Anstrengung ein Werbeschild für neu gebaute Luxus-Apartments gegen die unerbittliche Naturgewalt eines Sturms verteidigt und seinen ganzen Schmerz in die Rezitation eines alten chinesischen Gedichts mit patriotischem Inhalt packt, zählt zu den stärksten Momenten des Films. Obwohl Lee in seinen Rollen bemerkenswert introvertiert ist, gibt es immer wieder jene Momente, in denen die unterdrückten Emotionen seiner Figuren aus ihm herausbrechen. Nachdem Hsiao-Kangs Kinder eine Frau aus Weißkohl gebastelt haben, legt er ein furioses Solo hin. Erst versucht er die Puppe unter einem Kissen zu erdrücken, dann verspeist er sie unter Tränen und Schreien.

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Stray Dogs nimmt ein stets ambivalentes Verhältnis zur Wirklichkeit ein. Einerseits zeigt der Film sehr realistisch den Alltag von Menschen, die unter prekären Bedingungen leben müssen, andererseits nimmt er diesen Realismus, hebt ihn auf eine surreale Ebene oder verliert sich gänzlich in der Abstraktion. Vom Wunsch, alles verstehen zu wollen, sollte man sich hier als Zuschauer verabschieden. So bleibt auch ein Rätsel, wer eigentlich die drei Frauen sind, die im Film auftauchen und als mögliche Mutter, Geliebte oder Leidensgenossin fungieren. Korrespondieren sie nur miteinander, oder sind sie gar verschiedene Versionen derselben Person? Stray Dogs hinterlässt mehrere Lücken, die entweder durch die Imagination des Zuschauers geschlossen werden oder eben Lücken bleiben müssen. In Tsais Filmen entfaltet sich eine Welt voller spröder Poesie. Gewissheit sollte man aber woanders suchen.

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Das bestimmende gestalterische Element in der Inszenierung von Stray Dogs ist die lange, statische Einstellung. Tsai hat dieses Stilmittel perfektioniert, vereint darin Narration und lyrische Kraft. Die provokative Dauer ist jedoch die größte Besonderheit. Die Einstellungen werden nicht so lange gehalten, bis alle Informationen im Bild erfasst wurden, sondern noch lange darüber hinaus. Scheinbar banalen Vorgängen widmet sich der Film in epischer Breite. Und gerade wenn man glaubt, ein Bild könnte schon lange nichts Neues mehr erzählen, wird man doch von einem kleinen Ereignis überrascht. Einer kaum merklichen Bewegung. Einem vorbeirasenden Zug im Hintergrund, der einen Lichtstreif bildet. So wie Tsais Figuren in das Wandgemälde vertieft sind, sollen wir in den Bildern von Stray Dogs versinken. Zeit ist im Kino ein Luxus, den sich der Regisseur gerne gönnt. Er zeigt nicht nur in aller Ausführlichkeit, wie die Augen seiner innerlich zerrissenen Figuren wässrig werden, sich eine Träne bildet und anschließend die Wange herunterläuft. Er hält die Einstellung auch so lange, bis sie wieder getrocknet ist.

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