Wara no tate – Die Gejagten

Vergeudete Energie.

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Den Namen Takashi Miike verbindet man hierzulande vor allem mit Perversionen und Gewaltexzessen. Das Klischee der durchgeknallten, von Sex und Gewalt besessenen Japaner, das im Westen so beliebt ist, haben Filme wie Audition (Ôdishon, 1999) und Ichi the Killer (Koroshiya 1, 2001) teilweise bestätigt und konnten vielleicht gerade deshalb so große Erfolge feiern. Dabei hat Miike, der in etwas mehr als zwanzig Jahren schon über neunzig Filme gedreht hat, immer wieder neue Genres durchprobiert und sich manchmal sogar auf familienfreundlichem Terrain bewegt. Seit einigen Jahren lässt sich ohnehin eine Entwicklung bei seinen Regiearbeiten beobachten, die zunehmend weg von den dreckigen B-Movies der Vergangenheit geht.

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Mittlerweile ist Miike im Mainstream angekommen. Gerade das Grenzüberschreitende und Ausschweifende, das seine früheren Filme ausgezeichnet hat, ist einer konventionelleren Art der Inszenierung gewichen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass Miike an Profil verloren hätte. Man muss nur genauer hinsehen, um das Widerständige zu erkennen, das uns der Regisseur wie in einem Trojanischen Pferd unterjubelt. Der auf dem Roman das Manga-Zeichners Kazuhiro Kiuchi basierende Wara no tate - die Gejagten (Wara no tate) ist dafür ein gutes Beispiel: ein starker, wenn auch etwas glatter Thriller fürs große Publikum, der von seiner handwerklichen Fertigkeit ebenso lebt wie von seinem absurden Szenario.

Der unscheinbare junge Mann mit dem Namen Kunihide Kiyomaru (Tatsuya Fujiwara) ist gefasst. Seine Verbrechen könnten grausamer kaum sein: Mehrere Mädchen hat er ermordet und sich sexuell an ihnen vergangen. Der wohlhabende Großvater eines der Opfer will daraufhin Gerechtigkeit walten lassen. Auf die Justiz vertraut er nicht, auf die Macht des Geldes dafür umso mehr. Im Internet bietet er dem eine Milliarde Yen, der Kunihide ermordet und sich anschließend der Polizei stellt. Die Jagd ist eröffnet, das Chaos bricht aus.

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Miike erzählt die Handlung aus der Perspektive zweier Polizisten, die für den Transport des Mörders in ein anderes Gefängnis verantwortlich sind. Kein leichtes Unterfangen, wenn plötzlich jeder von der Krankenschwester bis zum Gesetzeshüter ein potenzieller Attentäter ist. Daraus entwickelt sich eine für den Film sehr effektive, paranoide Grundstimmung. Immer wieder müssen neue Wege gefunden werden, den Mörder unentdeckt zu transportieren: mal mit einer gigantischen Polizeikolonne, mal in einem Zugabteil oder per Anhalter. Doch kaum glaubt man sich in Sicherheit, wird im Internet auch schon wieder der aktuelle Standpunkt durchgegeben. Zunächst sind es nur Angriffe von außen, die abgewehrt werden müssen, später dann auch welche in den eigenen Reihen. Wara no tate setzt zwar mitunter auf spektakuläre Action, konzentriert sich aber vor allem auf die angespannte Dynamik innerhalb der Zwangsgemeinschaft und folgt dabei einer Dramaturgie, die sich deutlich von der Handlungsökonomie amerikanischer Großproduktionen abgrenzt.

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Mit seinem Protagonisten greift der Film ein klassisches Motiv des japanischen Kinos auf, das sich in zahlreichen Samurai- und Yakuza-Filmen findet: den Konflikt zwischen giri und ninjo, zwischen Pflicht und Gefühl. Protagonist Kazuki (Takao Osawa) ist ein traumatisierter Held, der es mit der Gesetzestreue erschreckend ernst nimmt. Wo jedoch andere Filme, die sich dieses Konflikts annehmen, davon leben, dass dem Gefühl nachgegeben und damit die Pflicht vernachlässigt wird, überzeichnet Miike das Pflichtbewusstsein seiner Hauptfigur bis zur Karikatur. Um einen Serienmörder zu beschützen – noch dazu einen, der sich ideal als Projektionsfläche für den Hass des Publikums eignet –, müssen Kazuki und seine Kollegen zahlreiche Menschen töten. Das anarchische Potenzial des Films besteht darin, trotz seines moralisch ehrenhaften Helden keine Werbung für Loyalität zu machen, sondern sie zu parodieren.

Besonders in einer Szene spitzt Miike das Paradoxe der Mission auf verstörende Weise zu, als ein Mann droht, ein Kind zu töten, wenn ihm nicht sofort der Gesuchte ausgehändigt wird. Damit stellt Wara no tate das Grundprinzip des Polizeifilms auf den Kopf. Normalerweise geht es den Einsatzkräften darum, im Namen des Gesetzes Verbrecher zu jagen. Hier muss jedoch ein Mörder vor Durchschnittsbürgern beschützt werden, die durch ökonomische Zwänge selbst zu Mördern werden. Noch unsinniger wirkt das Blutvergießen schließlich dadurch, dass Kunihide ohnehin die Todesstrafe erwartet.

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Man kann Miike bei einigen seiner Filme sicher vorwerfen, er zelebriere Gewalt als reinen Schauwert. Allerdings sollte auch erwähnt werden, dass sie dabei selten Mittel zum Zweck ist, sondern meist eine leere Geste bleibt. Wara no tate hält sich zwar mit expliziten Gewaltdarstellungen ungewohnt zurück, bleibt dieser Ideologie aber trotzdem treu: Zwei Stunden lässt uns Miike dabei zusehen, wie seine Figuren aus Geldgier oder übertriebener Gesetzestreue Energie vergeuden.

Trailer zu „Wara no tate – Die Gejagten“


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