Stratos

Der Trott des Untergangs: Yannis Economides zermürbt seine Zuschauer.

μαλάκας: So schreibt das griechische Alphabet jenes Wort, das alle Gespräche in Stratos rhythmisiert. Mit seinen drei Silben auf „a“ hat es schon so etwas wie eine innere Metrik: Malákas. Dank dieses kleinen verbalen Taktells klingen die Monologe der Gangster, Betrüger, Verlierer und Huren wie Mantras der Wut. Die Online-Ausgabe von Pons bietet derweil folgende Übersetzungsvorschläge an: Arschloch, Wichser, Vollidiot, Schwachkopf. Malákas.

Melodramatischer Verbrecherslang

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Mit dem dreisilbigen Versfuß als Mittelpunkt kreisen die Gespräche in Yannis Ecominides’ desperatem Thriller unablässig um sich selbst, durchpflügen oft minutenlang ein einzelnes emotionales Register. Der Gangstersprech gleicht hier weder den gern aufs Wesentliche reduzierten Wortkargheiten der französischen Krimis, noch dem popkulturell wildernden Gequatsche eines Tarantino. Am ehesten noch mag man an die Joe-Pesci-Figuren der Scorsese-Epen denken – GoodFellas (1990), Casino (1995) – mit ihren oft ungehindert gegen die Gesprächspartner anbrandenden Tiraden. Der Sprachduktus in Stratos ist primär ein melodramatischer, erst sekundär einer, der Informationen vermittelt. Es geht um Gefühlsexpressivität eher als um pragmatische Lenkung.  Der Sprecher kommuniziert mit Verzögerungen und heimlich zwischen die Kraftausdrücke geschobenen Geständnissen, der Zuhörer vernimmt mit alertem Pokerface.

Und das ultimative Gesicht des schweigenden Gegenübers inmitten all dieser malàkas-Hagelstürme trägt Stratos (Vangelis Mourikis). Es wurde gegerbt von jenen zwischenmenschlichen Unwettern, die versinkende Existenzen um sich herum entfachen. Wer hat schon einmal so tief hängende, so volle Tränensäcke gesehen? Als Auftragsmörder im krisenzerrissenen Griechenland ist Stratos oft letzter Zeuge des letzten Akts im Drama der Schuldner. Nur einmal – doch da sind sein Stoizismus und seine Ein-Kugel-ein-Toter-Regel schon ins Wanken gekommen – fragt er eines seiner Opfer, warum man ihn tot sehen wolle. Die Antwort passt zu dieser bescheuerten Frage: „Warum? Weil ich Geld unterschlagen habe, warum sonst? Malákas.”

Ein Genre für die Krise

In Stratos wird die Wirtschaftskrise explizit zwar nur ganz am Rande angesprochen, aber sie ist dennoch in jedem Moment spürbar. Sie ist hier keine Nachricht mehr, sondern bereits Atmosphäre geworden, hat ihren eigenen, permanent aggressiven, aufgekratzten Habitus geprägt, ist diffundiert in die Gesichter und, immer wieder, in die Worte. Allein, dass Stratos als Alibi-Existenz nächtens in einer Backfabrik malocht, gibt etwas direktere Einblicke in die soziale und wirtschaftliche Situation des Landes. Da wird eine Immigrantin vom Vorabeiter mit überzogener Brutalität hinausgeworfen, und kaum ist sie verschwunden, kehrt der Wüterich zurück und brüllt die vornehmlich afrikanische Belegschaft zusammen, dass sie wieder an die Arbeit sollen. Malákas!

Ein bisschen wird man bei den entfärbten winterlichen Ansichten des Films an Andrew Dominiks Killing Them Softly (2012) erinnert, und wie dieser verwendet Stratos als Ausgangspunkt und Orientierungsschablone das Thriller-Genre, um eher atmosphärische denn faktische Indizien über eine verarmende Gesellschaft zu sammeln. Es sind die Flächen zwischen den (selbstverständlich immer nur annäherungsweise bestimmbaren) generischen Plotverstrebungen, auf die es ankommt, die Figuren, Landschaften, Gebäude, Graffitis, die leeren Straßen.

Downward Spiral

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Stratos arbeitet nicht nur auf verbaler Ebene mit betonten Wiederholungsanordnungen. Die Schauplätze, die Probleme, die Morde werden in ihrer monotonen Abfolge zu den Mahlsteinen, deren unerbittliches Drehen bald alle Hoffnungen zerreiben wird. Stratos lebt spartanisch und sammelt alles Geld, um zusammen mit Kollegen seinen ehemaligen Boss aus dem Gefängnis zu befreien. Doch um ihn her wollen sie alle Abkürzungen zum Reichtum nehmen, da werden Betrüger um ihren Anteil betrogen, will der Bruder seine Schwester lieber auf den Strich als in die Fabrik schicken, weil das mehr einbringt. Und weil es da keine „Nigger“ gibt.

Wenn sich all das eher niederschmetternd und ziemlich qualvoll liest, dann hat man einen recht guten Eindruck des Films gewonnen. Subtilität ist Stratos’ Sache nicht. Dieser Film will zermürben, auch nerven, vor allem mit exzessiven Wiederholungen, mit Verbalterror und Überlänge. Er zielt auf Ernüchterung, nicht Erkenntnis. Das kann man gut in der zweiten Hälfte spüren, wenn immer mehr Unterhaltungen aus großer Ferne, durch Scheiben und Gitter, gedreht werden, wenn man keine Worte mehr hört, weil man ja jede Variation auf das eine Thema Geld schon kennt. Doch auch diese kalte Gewissheit, nicht mehr überrascht werden zu können, wird schließlich zerstört. Da muss Stratos lernen, dass seine Gesichtszüge noch immer nicht zum perfekten Relief der um sich greifenden Trostlosigkeit geronnen sind. Es geht noch schlimmer. Und wir Zuschauer bemerken, dass die Kreisbewegungen des Filmes insgesamt eine Spirale nach unten vollziehen. Malákas.

Trailer zu „Stratos“


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