Strajk - Die Heldin von Danzig
Männer machen Geschichte – Frauen manchmal auch: Volker Schlöndorff erzählt von der Gründung der Solidarnosc mit Katharina Thalbach als streitbarer Kranführerin. Strajk ist die epische One-Woman-Show einer vergessenen Heldin der europäischen Historie.

Wer ist Anna Walentynowicz? fragte 2003 Sylke Rene Meyer in ihrem gleichnamigen Dokumentarfilm. Die Autorin und Regisseurin hatte ein Porträt der noch heute in Danzig lebenden Rentnerin gedreht, die damals als Beschäftigte der Lenin-Werft maßgeblich an den polnischen Arbeiterprotesten beteiligt war, die 1980 zur Gründung der Solidarnosc führten, der ersten freien Gewerkschaft des gesamten Ostblocks. Das polnische Vorbild machte auch in anderen Ländern Mut: Nach und nach bröckelte die Autorität der übrigen kommunistischen Regime, 1989 fiel die Berliner Mauer. Während Arbeiterführer Lech Walesa, späterer Staatspräsident Polens und Friedensnobelpreisträger, heute ganz selbstverständlich mit der Solidarnosc-Bewegung in Verbindung gebracht wird, geriet Walentynowicz schnell in Vergessenheit. Sie war diejenige, die nie Kompromisse einging, die sich mit den neuen Rädelsführern sofort wieder überwarf, die weiter kritisierte und unbequem blieb. „Du bist eine Träumerin, ich mache Politik“, sagt Walesas filmisches alter ego in Strajk zu ihr.
Dass diese unnachgiebige Träumerin eine ideale Filmheldin abgeben könnte, erkannte auch Volker Schlöndorff, dem der Stoff, inzwischen zum Spielfilmdrehbuch umgearbeitet, angetragen wurde. Während der für seine geschichtlichen Themen bekannte Regisseur es als gutes Omen ansah, 25 Jahre nach seinem größten Erfolg Die Blechtrommel wieder in Danzig und wieder mit Katharina Thalbach zu drehen, fiel die Finanzierung der im Nachbarland spielenden Erzählung zunächst schwer (siehe Interview mit Volker Schlöndorff). Dabei ist der originale Drehort der Danziger Werft neben der Einbindung echter Arbeiter als Komparsen und der dynamischen Musik Jean Michel Jarres einer der Glücksfälle des Films. Die authentische Kulisse bietet beeindruckend diesige, kühle Panoramen. Die Kamera (Andreas Höfer) schwelgt dabei nicht im morbiden Charme des Verfalls, sondern findet Bilder, die schon beim Anschauen ein Gefühl von Schmutz und Erschöpfung erzeugen: Es stieben die Funken beim Schweißen, es spritzen die Wassertropfen unter den Eisenhammerschlägen, dazu sieht man in die rußgeschwärzten Gesichter der Arbeiter und versteht sofort, warum sie Wodka als wärmende Medizin benötigen. Die buntesten Szenen des Films spielen ausgerechnet auf einem Friedhof.

Auch Katharina Thalbachs Darstellung der Kranführerin Anna, die im Film Agnieszka heißt, unterläuft jedes eventuell geschichtsträchtige Pathos allein durch ihre Größe und ihren Witz; manchmal schrammt sie dabei haarscharf an der Karikatur vorbei. Sie spielt die Arbeiterin mit dem schmuddeligen Heiligenschein zwischen Ernst, Trauer und Komik – aber immer mit unbändiger Energie. Das Problem der Verfilmung ist jedoch die unzusammenhängende Dramaturgie. Schlöndorff nennt Strajk „eine Ballade nach historischen Ereignissen“, eine epische Erzählung in Strophen. Durch diese Episodenhaftigkeit gelingt es, einen großen Zeitraum zu schildern: von den ersten Arbeiterprotesten, die 1970 noch blutig niedergeschlagen wurden, bis zur erfolgreichen Gründung der Solidarnosc und einem ernüchternden Epilog im neuen Jahrtausend, in dem Agnieszka, alt und allein, auf die Ereignisse in Europa zurückblickt.
Dazwischen allerdings erlebt die Hauptfigur eine Reihe dramatischer Wendepunkte, die durch das dichte Erzähltempo als bizarre Häufung von Schicksalsmomenten erscheinen: Liebe, Krankheit, Heirat, Tod, plötzliche Heilung, Verlust des Sohnes, Rückkehr des Sohnes. Die Chronologie der Zeitgeschichte wird immer wieder in das ganz persönliche Leben miteingebunden: durch Bilder aus Agnieszkas Fernseher, dokumentarisches Originalmaterial und zeitgenössische Fotos. So entsteht keine packende Figurendramaturgie, aber ein dennoch interessanter erzählerischer Bogen, der mit dem Aufstieg Walesas zur populären Figur und dem Verschwinden Agnieszkas/Annas im Schatten der Geschichte endet. Die folgende schwere Zeit, die Verhängung des Kriegsrechtes 1981 mit dem Verbot der Solidarnosc, die Internierung der echten Anna Walentynowicz als Streikführerin, der Verlust der einstigen Ideale und das politische Ringen der nächsten Jahre werden nicht mehr behandelt.

Filme über die polnischen Arbeiterkämpfe sind bis heute rar. Das bekannteste Beispiel ist Andrzej Wajdas Der Mann aus Eisen (Czlowiek z zelaza, 1981), der unmittelbar und mit dokumentarischem Gestus auf die stürmische Zeit reagierte, in Cannes die Goldene Palme gewann und in Polen kurz nach Fertigstellung verboten wurde. Während Wajda ein politisch engagiertes Plädoyer für die Freiheit schuf, das naturgemäß von seiner Unmittelbarkeit lebte, wagt Schlöndorff den ambitionierten Rückblick und die weite Perspektive. Doch die mitreißendsten Momente hat Strajk immer dann, wenn sich der Focus verengt, wenn die Handkamera nah an den Figuren bleibt oder sich auf den Ruf „Los! Zum Bezirkskomitee!“ mit der Menge der Arbeiter gemeinsam in Bewegung setzt. In diesen kurzen Szenen scheint tatsächlich alles zu passen: Katharina Thalbach, die neben Andrzej Chyra als Lech Walesa im feinen Schaumflockenschnee ein Stück polnischer Geschichte abschreitet – an dem Ort, an dem sie tatsächlich stattgefunden hat.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 06.03.2007
Kommentare zu Strajk - Die Heldin von Danzig
Anna 09.04.2008 20:55
Anna Walentynowicz wie jeder Mensch hat am eigenen Leib die Erniedrigung, den Schmerz und die Angst erfahren, aber sonst kennt sie die Freude, die Hoffnung und sie Zufriedenheit. Ihres Gerechtigkeitssinn ist eine positive Eigenschaft, die verursachte, dass sie den Mut fassen konnte. Sie konnte auch nicht verlernen, um für die Gerechtigkeit, Meinungsfreiheit oder die bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Man musste damals die Proritäten setzen- für Walentynowicz waren wichtig: die Befriedigung der sozialen Bedrüfnissen.
Wajda ist der Meinung, dass der Film von Volker Schlöndorff gut ist. Er sagte, dass Schlöndorff einen Film für die Welt gemacht hat und findet das fantastisch. Nach seiner Meinung hat der Regisseur die einfache Frau nach dem Vorbild der historischen Anna Walentynowicz zur Heldin des Films gemacht. Die Frauen beginnen in verschiedenen Lebensbereichen eine Rolle zu spielen und das Sagen zu haben- das findet er schön. Die Schauspieler machten einen großen Eindruck auf der polnische Regisseur. Ihm gefällt sehr wie Talbach diese Kranführerin spielt und auch von Chyra ist er tief beeindruckt. Wajda macht darauf Aufmerksam, dass Schlöndorff hat nicht eine polnische Katastrophe dargestellt, sondern einen Sieg. Der deutsche Regisseur hat die bescheidene unpolitische Frau als die Heldin der Arbeit gezeigt.
Der Regisseur erwartete nicht, dass der Film zum Diskussionsgegenstand wird. Doch bevor irgendjemand den Film erblicken konnte, rief er schon zur Aufregung vor. Das wunderte an sich keinen: als die Geschichte Polens, die mit den Augen des Ausländers gesehen wird, wird das kontroverses Thema gesehen. Nach Schlöndorffs Meinung ist Anna Walentynowicz die erträumte Heldin, um der Streik in der Danziger Lenin- Werft zu zeigen. Für den Regisseur waren die menschliche Leidenschaften und ungewöhnlichen Situationen von der Bedeutung, nicht nur politische Daten.
Die einfache Frau, die Waise, die Autodidaktin kämpfende für die Gerechtigkeit der Danziger Leninwerft, wollte nicht absichtlich die Welt ändern, hat doch die Lawine der Ereignisse in Bewegung gesetzt, die zur Entstehung der mächtigen Arbeitbewegung führten. Das war für ihn faszieniert. Schlöndorff hörte von der Frau das erste Mal auf vier Jahre vor dem Anfang der Arbeit über den Film. Regisseur suchte nach den Informationen über Anna Walentynowicz und fand nur ihres Fioto mit dem Sprachohr inder Wochenschrift "Spiegel". In der Filmgesellschaft alle wußten, dass Schlöndorff sich für Polen interessiert, daher war es augenscheinlich, dass das Drehbuch früher oder später wird in seine Hände geraten. Fuhr er mit dem Drehbuchautorin hin, die Walentynowicz schon früher kannte und verbrachte sie mit ihr viel Zeit in ihrer Küche. Anna Walentynowicz machte sich mit dem Drehbuch ertraut und meldete danach die Reihe der Vorwürfe. Sie war empört, dass sie im Film Wodka (Schnäpse) zur Suppe zugießt (schüttelt). Auf der Werft wurde nicht getrunken. Sie sei auch keine halbe Analphabetin und so um keine weitere rechtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen, Katharina Talbach stellte nicht Anna Walentynowicz, sondern Agnieszka Walczak dar.
"Ich scheute, dass der Film auf der Glaubwürdigkeit verlieren kann, wenn sein Heldin ihn öffentlich in Frage stellt. erwiesen die Änderungen der Namen. Frau Anna in meinem Film erkennt sich nicht und ich kann nicht dazu tun. Die Gestalt Agnieszka's ist ein positiver Held."
Jendroszczyk achtete aud die militarische Uniform, worin tritt der Sohn Agnieszka's auf. hier dem Regisseur geht es um Vorstellung des Dilemmas der Jugendlichen. Er war bewußt, dass die Tätigkeiten seiner Mutter verursachen können, dass er nicht studieren kann und das Eintreten zum Heer ihm dabei helfen kann.
Schlöndorff wußte, das die Annasgeschichte ist so interessant und bildhaft, dass ihrer Aussprache so stark ist, um ein schönes Film zu schaffen.
Der Film machtet auf mich einen großen Eindruck.
Martin Zopick 27.09.2008 12:42
Es ist nicht nur ein sehr guter Film, den Volker Schlöndorff hier abgeliefert hat, sondern auch ein ganz wichtiger. Mit feinem Gespür für echte menschliche Tragik erteilt er uns außerdem noch eine Lektion in Sachen Zeitgeschichte.
Die alleinerziehende Agnieszka, eindrucksvoll dargestellt von Katharina Thalbach, arbeitet sich, obwohl Analphabetin, von einer Hilfsarbeiterin zur Kranführerin empor und prangert mutig die Missstände auf der Werft gegenüber Partei und Betriebsleitung an.
Als 1980 die Arbeiter der Danziger Werft streikten und kurz danach die Solidarnosc die politische Landschaft in Polen total in Richtung Demokratisierung umkrempelte, wusste jeder im Westen, dass der Held der Gewerkschaft Lech Walesa war, der dann ja auch später mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Doch jetzt dokumentiert dieser Film, dass Anna Walentynowicz (hier die Agnieszka) die eigentliche Vorkämpferin war. Sie hatte die weitsichtigeren Perspektiven und den großen Rückhalt bei den Arbeitskollegen, während Walesa nicht über den Tellerrand der Verbesserung der Arbeitsbedingungen hinaus denken konnte. Die Walentynowicz blieb aber im Hintergrund, weil sei der Meinung war, dass an die Spitze ein Mann gehöre. Nach damaligem Verständnis hätte er mehr Aussicht auf Erfolg.
Schlöndorff setzt Anna Walentynowicz ein Denkmal, ohne Lech Walesa zu demontieren.
Jil La Monaca 05.10.2008 22:10
Wo finde ich Anna Walentynowicz ???
wo wohnt Sie ???
jak moge ta kobiete znalesc ????
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Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Strajk - Die Heldin von Danzig
Deutschland, Polen 2006
Laufzeit: 104 Minuten
Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Andreas Pflüger, Sylke Rene Meyer
Produktion: Jürgen Haase
Bildgestaltung: Andreas Höfer
Darsteller: Katharina Thalbach, Andrzej Chyra, Dominique Horwitz, Andrzej Grabowski, Dariusz Kowalski, Ewa Telega
Kinostart: 08.03.2007
DVD-Angaben
Titel: Strajk – Die Heldin von Danzig
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo), Polnisch (DD 2.0/DS)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 104 Minuten
Extras: Making Of; Fotogalerie; Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 20.03.2008
Copyright Strajk - Die Heldin von Danzig
Fotos: © Progress Film-Verleih
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
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