Story of My Death

Dracula verschlingt Casanova: Albert Serra dreht eine schillernd-diffuse Meditation auf den Umbruch der Epochen.

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Giacomo Casanova (Vicenc Altaio) ist mittlerweile ein alter Mann; er blickt in einen Spiegel, tupft sich den Puder zurecht, fährt mit den Fingern durch sein Gesicht, lässt sie über die Zähne gleiten, als erinnerte ihn dies an seine einstige virile Jugend, oder besser: als könne er sie dadurch neu erfahren. Dabei lacht er das Lachen eines Wahnsinnigen, ausdruckslos und monoton. Vielleicht ist es auch nur ein affektiertes Lachen, Aufrisscode seiner vergangenen Libertinage. Vor dem Spiegel steht eine marmorne Büste, einer von vielen exklusiven Einrichtungsgegenständen der wohl orgiastischsten Figur des 18. Jahrhunderts. In Wahrheit aber blickt dieser steinerne Kopf zurück, ausdruckslos, fahl, ja, morbid. Der Tod – so der nüchterne Rationalismus Casanovas – ist ein atomares Phänomen, er verspricht keine Erkenntnis und erst recht keine moralische Erfahrung, er ist reiner chemischer Zersetzungsprozess, ein leibliches und damit endgültiges Sterben ohne die Idee einer anschließenden, erst recht keiner christlich codierten Ewigkeit. Dies ist die Prämisse, die Casanova vor seine Memoiren setzt, eine, die eben nicht das Leben, sondern den Tod ins Zentrum stellt; der Blick auf das Leben vom Tod aus gesehen, oder auch: vom Marmor aus gesehen. Im Stein kommen die Atome zur Ruhe, eine unbelebte, formbare Materie und gerade deshalb eine schöne.

Ein Lexikon der gegorenen Milch

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Albert Serra, der bereits in seinem Debüt Honor de cavalleria (2006) den Don Quijote von Cervantes denkbar idiosynkratisch verwertet hat, verzerrt auch hier – und das auf wundervolle, bizarre Art und Weise – die Logik, die Aussageweisen, die inneren Zusammenhänge, das Bedeutsame und Bedeutende der doch häufig als so unantastbar geglaubten Weltliteratur. Casanovas Lebenswerk, die „Geschichte meines Lebens“, hat er schlichtweg umperspektiviert. Es ist nun, so auch der Titel des Films, die „Geschichte meines Todes“, und genau diese Geschichte schreibt der Film auf höchst expressive und denkbar eigensinnige Art und Weise. Bereits die erste Szene – und beinahe das gesamte erste Drittel von Història de la meva mort – zeigt die Figuren, wie sie essen und trinken und, klar, jenes dekadente Schlemmertum, jene enthemmten Fressorgien eines ausschweifenden Rokoko repräsentieren. Vor allem aber sind die Ausschweifungen hörbar, im Kauen, Schmatzen und Schlucken; und diese Hörbilder verraten nichts über eine Kultur der Kulturlosigkeit, sondern sind reine Körperbilder, die folgerichtig nicht nur die ungenierte Aufnahme, sondern auch das schmerzhafte Ausscheiden der Nahrung anzeigen: Casanova wird zurückgeworfen auf die bloße organische Masse, die einzige Funktion der Lebendigkeit; eine Masse, die angesichts der qualvollen Verstopfung bereits im Sterben begriffen ist. Er wolle ein Lexikon des Käses schreiben, so kündet es Casanova an, es gehe dabei nicht um die Qualität, auch nicht um die Sorten, es gehe allein um die Namen. Tatsächlich wäre es ein Lexikon der gegorenen Milch.

Organische Endlichkeit, dämonische Ewigkeit

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Zusammen mit seinem treuherzigen Diener begibt sich Casanova auf eine Reise in die Karpaten, es ist eine Reise in die Dunkelheit, es ist im wahrsten Sinne eine Reise aus den hellen Räumen der Aufklärung in die Opazität einer schwarzen, düsteren Romantik. Story of My Death kennzeichnet diese Reise tatsächlich als ein neues Kapitel, als ein Umschlagen der einen Welt in eine andere; die Systematik der geordneten Innenräume verliert sich in der Schemenhaftigkeit und Vagheit der nächtlichen Außenräume, über die am Ende kein Geringerer verfügt als Dracula. Die fraglos absurde Konfrontation dieser beiden Herren der Weltliteratur signifiziert aber nicht nur den Transfer einer intelligiblen, rationalistischen Welt in eine verklärte, romantische. Sie verkörpert ihn als die Kollision einer organischen Endlichkeit mit einer dämonischen Ewigkeit. Wo das Blut für den einen nur eine naturgemäße Substanz ist, ist es für den anderen ein Aphrodisiakum. Dracula (Eliseu Huertas) ist die inkarnierte Ablöse Casanovas, und das nicht zuletzt unter den Vorzeichen der Erotik. In einer der sensationellsten Szenen schläft Casanova mit einem teilnahmslosen jungen Mädchen. Sein wahnsinniges Gelächter und seine mechanischen Stöße verzerren den Beischlaf zu einer unsäglichen Groteske, bis er mit dem Kopf schlagartig, schockartig, eine Fensterscheibe einrammt und den Geschlechtsakt jäh beendet: Im Schattenreich Draculas ist Casanova unumstößlich enterotisiert.

Verrätselte Bilder, verschluckte Leiber

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Seine reduktionistische Poetik, die Langatmigkeit und Statik seiner Einstellungen, die minimalistischen Dialoge – eher ein Schlagabtausch phrasenhafter, eigensinniger Monologe – machen  Story of My Death zu einer exzessiv versunkenen, meditativen Filmerfahrung. Je mehr Serra im Verlauf des Films den Bildern das Licht entzieht, desto verrätselter, verunklärter, mystifizierter werden sie. Ein narratives Kontinuum wird stetig abgebremst, ständig unterbrochen durch beinahe unbewegte Licht- und Schattensituationen. Zuweilen erinnern diese Einstellungen an die „schwarzen Gemälde“ Francisco Goyas, in denen die Figuren und Gestalten immer schon von der Schwärze des Hintergrunds verschluckt werden, in denen nur noch einzelne Gliedmaßen hinaus in eine Lichtregion ragen und  nur noch andeuten lassen, was im Unsichtbaren vor sich geht: Eine Schönheit des Horrors ist im Begriff, einen Horror der Schönheit, einen wahnsinnig gewordenen, sich selbst im Spiegel noch verfehlenden, greisen Casanova abzulösen.

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