Stonewall – Kritik

Für sein persönliches Projekt über den Stonewall-Aufstand wurde Krawall-Auteur Roland Emmerich mit reichlich ungerechter Kritik überhäuft. Der Versuch, ihn zu verteidigen, fällt nicht immer leicht.

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Schon lange hatte Roland Emmerich ein Projekt geplant, in dem es um die Stonewall-Unruhen aus dem Jahr 1969 gehen sollte. Der Widerstand einiger Schwuler, Lesben und Transsexueller gegen Polizeiwillkür gilt heute als Geburtsstunde aller LGBT-Pride-Bewegungen. Doch bevor Stonewall überhaupt jemandem gezeigt wurde, hagelte es schon vernichtende Urteile. Wem die Tatsache nicht genügte, dass hier ein Blockbuster-Regisseur vom Aufstand unterdrückter Minderheiten erzählt, der gab dem Projekt nach der Veröffentlichung des Trailers den Todesstoß: Whitewashing, Heteronormativität, ja schlichtweg Geschichtsfälschung waren die am häufigsten genannten Vorwürfe, hinter denen nicht nur eine gute Portion Selbstgerechtigkeit und Lust an der Empörung standen, sondern mitunter auch seltsame Forderungen. Der Einwand einiger Aktivistinnen, dass es zu wenige Filmrollen für Schauspieler gebe, deren gefühltes Geschlecht nicht mit ihrem biologischen übereinstimmt, war zwar durchaus berechtigt. Doch spätestens als kritisiert wurde, dass transsexuelle Figuren auch von transsexuellen Darstellern besetzt werden müssten, verhedderte man sich in einer Argumentation, nach der in Zukunft auch schwule Schauspieler keine heterosexuellen Figuren mehr spielen dürften. Das Unfairste an der sehr emotional geführten Debatte über Stonewall war aber, dass sich der berechtigte Zorn über den Umgang der Filmindustrie mit Minderheiten mit einem Mal an einem einzigen Regisseur entlud.

Vollkommene Assimilierung

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Es besteht kein Zweifel daran, dass Emmerich in seinem nach Anonymus (2011) schon zweiten kleineren und persönlicheren Film recht unbekümmert mit den Fakten umgeht. (Wobei sogar der Trailer schon „Inspired by true events“ verrät.) Doch wenn Geschichtsschreibung stattgefundene Ereignisse zwangsläufig zu einer Narration konstruiert, ist ein Film darüber mindestens eine weitere Verdichtung und Überhöhung. Es gab schon unzählige Regisseure – unter ihnen etwa John Ford, Steven Spielberg oder Todd Haynes –, die mit der Realität zugunsten von künstlerischen Entscheidungen gebrochen haben. Emmerich macht im Grunde nichts anderes: Fakten (zum Beispiel die Auftritte von Marsha P. Johnson und Stormé DeLarverie oder die originalgetreue Rekonstruktion des Stonewall Inns) reichert er mit Erfundenem an und schafft daraus eine emotional aufgeladene Selbstermächtigungsgeschichte, die vor allem auf ihren Protagonisten zugeschnitten ist.

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Es handelt sich dabei um den jungen Danny (Jeremy Irvine), der nach seinem unfreiwilligen Coming-out von der Provinz in ein ziemlich abgefucktes Pappkulissen-New-York kommt und sich dort mit einer Gruppe von Strichern rund um Raul/Ramona (Jonny Beauchamp) anfreundet, die es mit traditionellen Geschlechterrollen nicht so genau nimmt. Was bei dieser Konstellation herauskommt, ist eine klassische Heldenerzählung, die mit weniger Feingefühl und Geschmack als Gus Van Sants Milk (2008) etwas Ähnliches versucht: Emmerich möchte, dass die Geschichte von Stonewall, die eben auch seine ist, von möglichst vielen Menschen gesehen wird. Schon früher bewies der Stuttgarter, dass er sich gut assimilieren kann. In den USA drehte er Filme, die nicht nur von einer kindlichen Begeisterung für Katastrophen geprägt waren, sondern auch immer wieder traditionelle amerikanische Werte feierten. Dass er nun einen Schwulen zur Hauptfigur macht, der scheinbar nur dafür da ist, damit sich das heterosexuelle Publikum nicht ekelt, schlägt in dieselbe Kerbe. Danny ist der kleinste gemeinsame Nenner: Er ist gutaussehend, straight acting, bodenständig und eher a- als homosexuell. Seine verdreckte weiße Unterhose, die Emmerich immer wieder zeigt, ist denn auch das einzige Schmutzige an ihm.

Bemitleidenswerte Lustgreise

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Im Hinblick auf das R-Rating (unter 17-Jährige dürfen den Film nur in erwachsener Begleitung sehen) ist es schon auffällig, wie hier vermieden wird, schwulen Sex zu zeigen, der auch Spaß macht. Wenn Danny mit seinem Kurzzeit-Lover Trevor (Jonathan Rhys Meyers) ins Bett geht, sehen wir nur scheues Gestreichel. Wenn er sich dagegen von einem Freier einen blasen lässt, muss der Arme gleich zweimal in Tränen ausbrechen. Es ist eine große Herausforderung, mit der sich Emmerich konfrontiert sieht: Einerseits hat er ein Faible für hemdsärmelige, sympathische Saubermänner, die bei ihm eher aus Zufall die Welt oder zumindest Amerika retten dürfen, zum anderen muss ein solcher Kerl nun ein abweichendes Sexualverhalten haben. Im Grunde genommen erzählt Stonewall zwei Emanzipationsgeschichten; eine vom Aufbegehren einer Minderheit und eine, in der sich Danny innerhalb dieser Minderheit von etablierten Stereotypen distanziert. Das ist irgendwie verständlich, weil das Bild von Schwulen immer noch sehr einseitig von einem effeminierten Klischee bestimmt ist, bekommt aber einen unangenehmen Beigeschmack, weil sich Emmerich mit allem nicht Mehrheitsfähigen offensichtlich schwertut. Alte Schwule sind bei ihm etwa fast durchweg bemitleidenswerte Lustgreise.

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In der Holzschnittartigkeit des Films schlummert aber auch eine gewisse Ambivalenz. Wenn es um die Familie geht, die heilige Kuh in Emmerichs Kino, schlägt Stonewall fast schon progressive Töne an. Bereits in White House Down (2013) zeichnete sich ab, dass es ein Glück jenseits des Vater-Mutter-Kind-Schemas geben kann. Diesmal haben wir auf der einen Seite eine loyale symbolische Familie, die mit der Hauptfigur durch dick und dünn geht, und auf der anderen die leibliche, in der sich nur Mutter und Schwester, nicht aber der unverbesserliche Vater, dazu entschließen können, Danny den Rücken zu stärken. Der Schritt in die gesellschaftliche Moderne ist dem Film letztlich wichtiger als die Unantastbarkeit der ansonsten so frenetisch gefeierten Kernfamilie.

It takes balls to wear a dress

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Selbst wenn man Stonewall nicht mag, muss man ihm zugestehen, dass es ein Film voller Widersprüche ist. Das betrifft auch den häufig gehörten Vorwurf, dass es hier doch wieder nur ein All American Boy ist, der die sozial Stigmatisierten rettet. Denn auch wenn Danny den ersten Stein bei den Krawallen wirft, wird er mitnichten zum Erlöser stilisiert. Besonders in der ersten Hälfte des Films ist er vor allem unbeholfen und frappierend passiv. Von seinen weniger kerligen Freunden muss er sich erst mal zeigen lassen, wie man richtig kämpft. Wenn er einmal sagt: „It takes balls to wear a dress“, nimmt man ihm das aber trotzdem nicht so ganz ab. Das steht exemplarisch dafür, wie Emmerich mit seinen Außenseitern umgeht. Es ist wie ein geheimer Pakt: Er kann nicht allzu viel anfangen mit all den Drag Queens, Transsexuellen, Strichern und Junkies, aber er gesteht ihnen zumindest zu, dass dieser Kampf ohne sie nicht möglich gewesen wäre. Da wirkt es fast schon wie ein reumütiges Selbsteingeständnis, wenn der angepasste und risikoarme Mittelschichts-Schwule Trevor die Krawalle nur von seinem Schlafzimmer aus beobachtet.

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Kommentare


bent

Hmm. Mag stimmen, dass sich nun einiges an der Person Emmerich und seinem Film entlädt und dass das unfair ist. Vielleicht ist der Frust aber auch verständlich, wenn man bedenkt, wie viel Aufmerksamkeit Emmerich nun bekommt und wie die Trans-Community zum wiederholten Male in den Hintergund gerückt wird. Ich denke zwar auch nicht, dass Trans-Rollen unbedingt mit Trans-Schauspielern besetzt werden sollten, aber hier wäre es eine gute Chance gewesen (meinetwegen auch ein Trans-Mensch in einer Cis-Rolle). Nun spielt, soweit ich weiß, allerdings kein einziger Trans-Schauspieler mit, was schon peinlich (und für viele anscheinend auch schmerzhaft) ist, wo der Film doch vom Ursprung des LGBT(!)-Prides erzählen will. Dass solche Casting-Forderungen gleich bedeuten müssen, dass Schwule keine heterosexuellen Figuren mehr spielen dürften, finde ich allerdings an den Haaren herbeigezogen und verdeckt doch bloß den eigentliche Missstand.

(Und wann im Film hatte denn eigentlich Stormé DeLArverie einen Auftritt?)


Michael

Ich bin mir gar nicht sicher, ob Emmerich wirklich so viel Aufmerksamkeit für den Film bekommt, geschweige denn positive. "Stonewall" ist in den USA stark gefloppt und der Film hat bei Imdb gerade mal 3 Sterne (was dort normalerweise nicht mal der übelste Trash bekommt). Ich denke, dass die negative Presse über den Film schon etwas ausgerichtet hat. Und das finde ich, im Hinblick darauf, dass der Film so schlecht nicht ist, schon etwas unangemessen. Vor allem, weil die Rolle der Transsexuellen nicht so heruntergespielt wird, wie das in vielen Artikeln zu lesen ist. Der Held ist zwar weiß und heterolike, die anderen, mit denen er in der ersten Reihe kämpft, sind das aber nicht.

Und ich möchte auch gar nicht behaupten, dass die Forderung, transsexuelle Figuren müssten von transsexuellen Schauspielern gespielt werden, automatisch heißt, dass das auch bei schwulen Figuren so sein soll. Es ist aber eine logische Konsequenz aus dieser Forderung. Der Idealzustand wäre natürlich, auch das zu spielen, was man nicht ist; das ist ja eigentlich auch der Witz an der Schauspielerei.

Stormé DeLarverie (ich glaube zumindest, dass sie es sein soll) ist zweimal kurz zu sehen. Sie wird am Schluss von den Polizisten verhaftet und schreit die anderen an, warum sie nichts tun.


Frédéric

Ich finde übrigens die Vokabeln "straight acting" (immerhin kursiv) und heterolike eher unglücklich, Man versteht zwar, was gemeint ist, aber verstärkt das nicht noch die Stereotype?


Michael

Kursiv ist das eigentlich nur, weil es Englisch ist. Ich verstehe schon, dass man mit solchen Formulierungen Probleme haben kann, weil sie davon ausgehen, dass ein bestimmtes, nicht mit schwulen Stereotypen zu vereinendes Bild, eine Imitation von Heterosexualität ist. Es sind aber auch beides weit verbreitete Begriffe, die nicht von außen, sondern von der schwulen Community selbst kommen. Für mich beschreiben sie ganz gut, dass man sich als Minderheit zwangsläufig zur Mehrheit positionieren muss. Wenn man historisch zurückblickt, trifft man vor allem auf zwei Lager von schwulen Männern: Die einen, die derart aus dem Raster gefallen sind, dass sie zu einem Leben am Rand der Gesellschaft verdammt waren, und die anderen, die einfach nur ein bisschen „spielen“ mussten, um ihr Doppelleben aufrechterhalten zu können. Um sich davon zu überzeugen, dass Letzteres auch heute noch weit verbreitet ist, muss man sich nur mal die Selbstinszenierungen auf Dating-Apps ansehen.


bent

Vielleicht stehe ich gerade auf dem Schlauch, aber ich verstehe immer noch nicht, warum eine logische Konsequenz der Forderung nach Trans-Schauspielern in Trans-Rollen sein müsste, dass Schwule keine Heterosexuellen spielen dürften. Denn mal ganz abgesehen davon, dass das eine doch eine Frage der Geschlechtsidentität und das andere eine des sexuellen Begehrens ist, muss man hier doch auch die Machtverhältnisse im Auge behalten, die eben oftmals nur Heterosexuellen den von dir beschrieben Idealzustand ermöglichen, in dem sie tatsächlich spielen können, was sie nicht sind. Es geht hier ja nicht darum, irgendwelche Verbote auszusprechen, sondern um das Ermöglichen des Idealzustands für alle. Und da wären Trans-Schauspieler in Trans-Rollen ja immerhin ein erster Schritt, der paradoxerweise natürlich erst einmal essenzialistisches Rollenverständnis reproduziert.

Ach okay, die meintest du mit DeLarverie. Lässt sich sicher so interpretieren, aber zumindest die Schauspielerin Joanne Vannicola besteht darauf, dass sie nicht DeLarverie spielt.


Michael

Mir ist klar, dass sich Trans- und Homosexualität nicht ohne weiteres miteinander vergleichen lassen. Mir geht es eher um die unbedingte Forderung: Du darfst das nur spielen, wenn es sich auch mit deiner realen Identität deckt. Wobei das ja sowieso schwierig ist, weil zum Beispiel FzM-Transmenschen eigentlich als Frauen zählen und deshalb eigentlich auch Frauen spielen sollten. Aber ja, eine Transrolle ist da wahrscheinlich erstmal realistischer. Mich stört nur, wenn das zu einem Authentizitätszwang wird. Klar können Trans-Rollen von Trans-Darstellern gespielt werden. Ich finde es aber auch legitim, wenn sie von Nicht-Trans-Darstellern gespielt werden.

Der Name der Figur wird im Film, glaube ich, gar nicht genannt und sie hat auch nur eine sehr kleine Rolle und spricht nur einen Satz. Dass sie aber so ungefähr die einzige Frau in dem Film ist und auch diejenige, die von der Polizei abgeführt wird und ihre Freunde zum Widerstand aufruft, (also genau die Rolle einnimt, die Stormé DeLArverie im Stonewall-Mythos zugeschrieben wird) schien für mich ein deutlicher Hinweis dafür zu sein. Wobei angeblich auch umstritten ist, ob Stormé DeLArverie tatsächlich diese Frau ist (also die Anstifterin des Aufstands, nicht die Figur).






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