Stoned

Harte Zeiten für die Rolling Stones. Keith Richards fällt von einer Palme – und nun auch noch dieser Film. Das Biopic Stoned geht einmal mehr der Frage nach: Warum starb Brian Jones?

Stoned

Diese Frisur! Sah der Mann wirklich so schlimm aus? Leo Gregory spielt Brian Jones, Gründungsmitlied und Gitarrist der Rolling Stones, Drogenfreak, Erotomane und Exzentriker mit einem Faible für Rüschenhemden, Pelzbesatz und unvorteilhafte Haarpracht. Aber schließlich befinden wir uns in den Swinging Sixties, und auch die Beatles trugen – allerdings vergleichsweise gemäßigte – Pilzfrisuren. Vermutlich ist der dominante blonde Schopf gar nicht schuld am unangenehmen Eindruck, den diese filmische Darstellung des Rockidols hinterlässt. Die Hauptfigur in Stoned ist einfach kein Sympathieträger, ihr Abstieg von Anfang an vollzogen. Schlechte Voraussetzungen für ein fesselndes Porträt.

1969 war der 27-jährige Brian Jones tot aus seinem Swimmingpool gezogen worden. Offizieller Befund: Ertrinken nach einem Asthmaanfall. Wenige Monate zuvor hatte der genialische Musiker seine Band verlassen müssen. Drogen- und Alkoholmissbrauch, musikalische Unstimmigkeiten und seine chronische Unzuverlässigkeit waren der Grund. Wie bei jedem anständigen Rockstar begannen bald die Mythen um seinen Tod zu ranken. Stephen Woolley, Produzent der Neil Jordan-Filme The Crying Game (1992) und Breakfast on Pluto (2005), nahm sich in seinem Regie-Debüt des letzten Kapitels im Leben des Stones-Gründers an. Dass die Reise auf dem Boden des Pools enden wird, macht die filmische Biographie von Anfang an klar. Zwischendrin wünscht man sich, es möge ein wenig schneller gehen.

Stoned

Seltsamerweise verwendet der Film seine Mordtheorie – der Bauarbeiter war’s – nicht dafür, konsequent Spannung aufzubauen. Stattdessen inszeniert er ein buntes Kaleidoskop aus Rückblenden, wahlweise in Schwarz-Weiß und Farbe, in die Kindheit des Protagonisten, in die Anfangszeit der Rolling Stones, zur gemeinsamen Marokko-Reise und quer durch die Betten mit diversen barbusigen Schönheiten, die kein Mensch auseinanderhalten kann. Eine anfängliche wüste Montage aus Drogentrip-Impressionen, rituellen Tierschlachtungen und Sado-Maso-Spielen in SS-Uniform lässt kurz auf einen avantgardefilmhaften Bildersog des Rock’n’Roll hoffen, doch dann widmet sich Stoned wieder seiner dünn gespielten Geschichte.

Bauunternehmer Frank Thorogood (Paddy Considine) wird vom Tourmanager der Rolling Stones, Tom Keylock (David Morrisey), verpflichtet, Umbauarbeiten an Brians Landhaus in East Sussex vorzunehmen und gleichzeitig auf den aus dem Ruder laufenden Star aufzupassen. Dabei gerät der solide Frank immer mehr unter den Einfluß des sex- und drogensüchtigen Nervenbündels Brian Jones. Der stämmige Arbeiter lässt sich erniedrigen, vernachlässigt seine blässliche Ehefrau, greift schließlich selbst zu Hasch und Pillen. Am Ende entladen sich Franks angestaute Gefühle von Hass und Faszination in der zentralen, plötzlich stark homosexuell aufgeladenen Szene im Pool.

Stoned

Franks Wut ist gut nachvollziehbar, verleiht Leo Gregory seinem neurotischen Rockstar doch eine schwer erträgliche Mischung aus Lethargie und gelangweiltem Sadismus. Die geniale und vitale Seite des begnadeten Musikers und Frauenschwarms Brian Jones wird leider nicht erfahrbar. Die vielen nackten Frauen in seinem Bett müssen wohl hauptsächlich aus Gründen der Dekoration dort liegen, was sonst könnte sie auf die Laken dieses blutleeren Kindmannes getrieben haben? Das wirklich Abgründige seines Charakters wird in kurzen Sex- und Gewaltflashbacks höchstens gestreift. Anstrengend ist auch die Tonspur – ständig reden sich die Figuren mit Vornamen an, vermutlich, um nicht verwechselt zu werden –, jeder zweite Satz scheint mit einem langgezogenen „Breiäään“ zu beginnen.

Und musikalisch? Dem Filmemacher wurden sämtliche Rechte an Rolling-Stones-Titeln verwehrt, ein wirklich passender und mitreißender Soundtrack, wie ihn zuletzt die Johnny Cash-Biographie Walk the Line (2005) aufweisen konnte, fehlt. Die 60er-Jahre-Musik stammt dafür von den Kinks, Jefferson Airplane oder Robert Johnson – ein vollwertiger Ersatz ist das nicht. Wehmütig mag man sich an andere „Toter-Rockstar-Produktionen“ erinnern, allen voran Oliver Stones Klassiker The Doors (1991), in dem Originalmusik, alte Konzertaufnahmen und Spielszenen flüssig ineinander glitten.

Stoned fehlt der Rock’n’Roll, fehlt die Legende. Und der Exzess der 60er Jahre zwischen Orgie und Musikleidenschaft wird zur müden Rückblende und stilistischen Spielerei. Dass da mehr gewesen sein muss, zeigt jeder Blick auf die ledrigen, zerfurchten Körper der noch lebenden Stones.

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