Stolperstein

Sie liegen in über 300 deutschen Städten, und es werden immer mehr. Die Stolpersteine erinnern mitten im Alltag an die Namen derer, die vom NS-Regime getötet wurden. Ein Dokumentarfilm zeigt den Künstler hinter diesem Projekt und verfolgt die Dynamik der Gedenkkultur „von unten“.

Stolperstein

Fast jeder hat sie schon einmal gesehen, ist auf dem Gehweg stehen geblieben, um sie zu lesen, ist auf sie getreten oder achtsam über sie hinweg geschritten. In mittlerweile allen deutschen Großstädten außer München lebt man mit ihnen – vielleicht liegen sie sogar vor der eigenen Haustür. Die Stolpersteine sind kleine, messingbeschlagene Quader, die direkt ins Pflaster eingelassen werden. Die eingravierten Informationen sind spärlich und reichen doch aus für ein Innehalten, mitten auf dem Bürgersteig: „Hier wohnte ...“ Auf das Geburtsjahr folgt das der Deportation und das der Ermordung, zuletzt der Todesort – häufig ein KZ.

Stolperstein

Während das Berliner „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ nach jahrelanger und nicht immer würdevoller Debatte um Sinn und Gestalt, Kosten und zu berücksichtigende Opfergruppen schließlich zu einem staatlich repräsentativen Gedenkort geworden ist, den man aufsuchen kann oder auch nicht, begegnen einem die persönlichen Erinnerungssteine auf den täglichen Wegen. Sie gelten allen Opfern – ob sie nun aufgrund ihrer jüdischen Herkunft getötet wurden oder wegen ihrer politischen Haltung, ob sie Sinti, Roma, Bibelforscher oder Homosexuelle waren. Die Steine taugen schlecht als zentrale Anlaufstelle für Touristenbusse. Sie sind so schlicht wie konkret, und jeder kann sie verlegen lassen.

„Man muss die Namen wieder zurückbringen, denn im KZ waren’s Nummern.“ Gunter Demnigs Ausgangsidee ist einfach. Seit 2000 verlegt der Künstler die von ihm in Handarbeit gefertigten Stolpersteine. Mit seinem Lieferwagen reist Demnig quer durch die Republik, bricht das Pflaster auf und betoniert die glänzenden Namensquader ein. Seine Auftraggeber sind Angehörige der Ermordeten, Bekannte oder neue Hausbewohner – alle, die 95 Euro spenden, um einen Mini-Gedenkort für jene zu schaffen, die nicht einmal Gräber erhalten haben. Mit den Jahren wuchs das Projekt zum größten dezentralen Denkmal Europas – rund 13.000 Steine in Deutschland, Österreich, inzwischen auch in Ungarn und den Niederlanden sind es bereits. Anfragen aus Italien, der Ukraine oder Tschechien liegen vor. Seit 2002 begleitet Uta Franke den Künstler und seine Arbeit. Ihr ist es zu verdanken, dass Demnig seine eigene Initiative noch nicht über den Kopf gewachsen ist.

Stolperstein

Frankes Tochter Dörte hatte sich 2006 in dem sehenswerten Dokumentarfilm Jeder schweigt von etwas anderem mit der schmerzhaften DDR-Vergangenheit auseinandergesetzt, die auch die eigene ist. Stolperstein zeigt, wie präsent die viel weiter zurückliegenden Verletzungen und Verheerungen durch den Nationalsozialismus heute noch sind. Die kleinen Gedenksteine machen etwas greifbar und sichtbar, was häufig beschwiegen wurde. In Hamburg ziehen zwei Frauen von Stein zu Stein, um sie zu polieren. Sie verrichten diese sehr bodenständige Ehrerweisung an die Toten auch wegen und anstelle ihrer Eltern: der Vater einer der beiden war bei der Waffen-SS. Gesprochen wurde in der Familie darüber nie. Gunter Demnig hat die gleiche Erfahrung gemacht. Er fand Fotos, die seinen Vater als Mitglied der Legion Condor in Spanien zeigen. Moralisch überlegen fühlt sich die porträtierte Kindergeneration in diesem Film jedoch nicht. Sie alle begreifen die Stolpersteine als Möglichkeit zur Trauer und Anstoß zum Nachdenken, nicht als Anklage.

Dörte Franke begleitet den Künstler bei seinem Handwerk: Er verlegt die ersten Steine in Hitlers Geburtsstadt Braunau, in der brandenburgischen Provinz, auf der Hamburger Reeperbahn vor einem Pornokino. Vor einem ehemaligen jüdischen Waisenhaus wird eine ganze Palette von Steinen in den Boden eingelassen. Während die Namen verlesen werden, laufen im Hintergrund Kinder durchs Bild. Die aufmerksame, ruhige Kameraführung (Börres Weiffenbach) trägt viel dazu bei, dass Stolperstein auch filmisch sehenswert ist.

Stolperstein

Was viele Städte und Bürger als Chance zur Erinnerung verstehen, wird von anderen abgelehnt. So kämpft der Engländer Peter Jordan seit Jahren darum, an seine Eltern erinnern zu dürfen. Doch hartnäckig verweigert München die Genehmigung zur Verlegung von Stolpersteinen. Vorgeschobene Begründung: Angst vor rechtsradikalen Angriffen. Kommentar Gunter Demnig: „Wenn Glatzen mit Springerstiefeln darauf rumtrampeln, werden die Steine nur blanker.“

Die Gegenwart der Vergangenheit als Gemeinschaftsprojekt – statt schwerfälliger und staatstragender NS-„Bewältigung“ sind die Stolpersteine Zeichen einer von Tausenden unterstützten Bewahrung der Erinnerung. Das macht Mut. Und dieser Film zeigt ohne große Geste und dadurch eindringlich, wie eine einfache Idee Menschen berühren kann und nach und nach unser Stadtbild verändert.

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