Stoker

Neues Zeichensystem, neue Regeln. In Park Chan-wooks erster Hollywood-Produktion kämpft eine junge Frau mit etwas Fremdem. Der Regisseur auch.

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Es sind ganz kurze Momente des Erinnerns: Einmal sehen wir India Stoker (Mia Wasikowska) frontal, in der Eleganz der Zeitlupe hebt sie das Gewehr an ihre Brust und zielt. Ein anderes Mal dürfen wir ihr Gesicht im Close-up betrachten, die eine Hälfte verschwindet etwas in der Kadrierung, während sie den Kopf neigt und einige Strähnen ihres Haars vom Wind angehoben werden. Immer wieder schimmert in Stoker, der ersten Produktion Park Chan-wooks außerhalb Südkoreas, etwas von der Handschrift des Regisseurs hervor. Es ist, als hätten wir India schon einmal gesehen, in einem anderen Zusammenhang, mit anderen Gesichtszügen. Wenn sie so mit einer spürbaren Kälte versehen auf der Leinwand erscheint, dann könnte sie eine etwas zu kindlich geratene Lady Vengeance (2005) sein. Doch das ist sie nicht. Sie gehört zu einem völlig anderen Zeichenuniversum.

Bei seinem Hollywood-Ausflug bedient sich Park erstmals eines nicht eigens verfassten Drehbuchs. India muss an ihrem 18. Geburtstag vom Unfalltod des geliebten Vaters erfahren. Als zu dessen Beerdigung plötzlich der ihr unbekannte und geheimnisvolle Onkel Charlie (Matthew Goode) erscheint und sich im Haus der Stokers niederlässt, beginnt für India eine aufwühlende Suche nach Leichen im Keller der Familie.

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Keine Lady Vengeance. Und auch sonst keine Figur, die man je mit einem Film von Park Chan-wook in Verbindung bringen würde. Seine früheren Protagonisten waren einem kaputten Sozialsystem ausgesetzt, zur Selbstjustiz gezwungene Grenzgänger, und die Filme bewahrten sich trotz aller Überstilisierung eine schmutzige Radikalität. Diese ganz eigene Ästhetik des Hässlichen setzt sich selbst in seiner quietschbunten Robogirl-Fantasie I’m a Cyborg, But That´s OK (2006) fort, die freilich viel Nonsens, aber auch viel Irritationspotenzial aufwies.

India ist eine klassische Außenseiterin und, wie sich im Laufe des Thrillerdramas herausstellt, von fragwürdiger geistiger Verfasstheit. Das wäre nicht ungewöhnlich für einen Park-Film, zumal am Schluss ein Rachemotiv zutage tritt. Der erzählerische Vorbau, den das Drehbuch vorgibt, könnte dagegen geglätteter und untypischer nicht sein. Auf irgendwelche überraschenden Momente wartet man vergebens, stattdessen widmet sich das Skript einer einfallslosen Psychologisierung der Protagonisten, der Erweckung der weiblichen Sexualität inklusive. Diese unmotivierten Entscheidungen werden mit ein wenig Referenzialität auf amerikanische Film- und britische Literaturgeschichte übertüncht.

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Die Grundkonstellation ist der von Hitchcocks Im Schatten des Zweifels (Shadow of a Doubt, 1943) nicht unähnlich, und die Wahl des Familiennamens samt Einbettung ins viktorianische Setting huldigt dem Begründer aller Blutsauger Bram Stoker. Die Darsteller wurden dabei anscheinend nach entsprechender Tauglichkeit gecastet, und so fungieren letztlich auch diese als standardisierte Zeichen. Nicole Kidman erinnert äußerlich mit ihrer Erscheinung im strengen Grau-in-Grau stark an ihre Rolle der Grace Stewart in Alejandro Amenábars The Others (2001), und Mia Wasikowska wird nach Alice im Wunderland (2010) und Jane Eyre (2011) erneut ins ausgefallene Kostümchen gezwängt.

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Park kann nichts anderes machen, als formal ein wenig mit diesen Versatzstücken der abendländischen Erzählkultur zu jonglieren. Als Film im Werk des Regisseurs funktioniert Stoker deshalb nicht. Trotzdem leistet er hier eindrucksvolle Arbeit, in Sachen Bildgestaltung und Stilisierung ist Park einfach viel zu geübt, als dass man das unbekümmert an sich vorbeiziehen lassen könnte. Begabung beschränkt sich nun mal nicht auf einzelne Kulturräume. Und so ist Stoker an und für sich ein reizvoller Film geworden. Parks Bilder fordern uns ständig dazu auf, sie genau zu erforschen, und seinen von jeglicher Zeitlichkeit losgelösten, eigenständigen Mikrokosmos zu inspizieren. Anachronismen wie Kleidung, Einrichtungsgegenstände und gar Eiscremeverpackungen lassen zeitgenössische Erscheinungen wie Bars und Schulhöfe seltsam entrückt erscheinen. Durch diese Welt gleiten wir sachte mit der Kamera, die sich um die Personen dreht, Räume durchquert und Gänge entlangfährt. Wenn India mit ihrem Onkel in einer Plansequenz versucht, den Sheriff abzuwimmeln, während das Bild unentwegt in Bewegung ist, wird der Zuschauer nicht einfach nur Zeuge eines Komplotts, sondern visuell regelrecht in der Anordnung verstrickt .

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Stoker ist Augenschmaus-Kino, aber die Schwere der starren Hollywood-Codes überlagert die Eigenart des Autors. Man muss erst die Amerikanismen übersetzen, und das dauert ein wenig. Keine Lady Vengeance also. Doch es wabert sanft die Eigenwilligkeit eines großartigen Regisseurs durch die Bilder, wenn sie voll Entschlossenheit die Waffe ausrichtet.

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