Still the Water

Für ihren neuesten Film hat Naomi Kawase den Schauplatz gewechselt. Doch der erhabene Ozean bietet wenig Reibungsflächen.

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Und immer wieder Jugendliche auf dem Fahrrad. Gleich dreimal fahren Kaito (Nijiri Murakami) und Kyoko (Jun Yoshinaga) durch die Landschaft von Amami-Oshima, einer subtropischen Insel im Süden Japans. Begleitet werden sie von Yutaka Yamazakis naturverliebter Kamera und Hasikens tragendem Piano-Score. Kaito tritt in die Pedale, Kyoko steht hinten auf dem Fahrrad und stützt sich auf seine Schultern. Beim dritten Mal, es geht bergauf, beklagt sich der Junge, dass ihm das Mädchen zu schwer wird. Kyoko lässt sich vom Rad fallen. Als Kaito besorgt fragt, ob ihr etwas wehtut, sagt sie nur: ihr Herz. Es ist eine rührend naive Szene, eine etwas kitschige, gewiss, aber zumindest geht ihr der spirituelle Überbau ab, der den neuen Film von Naomi Kawase ansonsten so bestimmt. Mit Still the Water ergeht es uns ähnlich wie mit Kyoko in dieser Szene: hübsch, aber viel zu schwer.

Zenploitation mit ein bisschen Sex

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Wie schon der Titel vermuten lässt, spielt das Element Wasser eine nicht ganz nebensächliche Rolle in diesem Film. Gleich zu Beginn ertrinkt ein Mann in den gefährlichen Wellen des Pazifiks. Der zurückhaltende Kaito hat das Unglück beobachtet, aber er möchte nicht darüber sprechen. Der Tote bleibt zunächst ein Mysterium, der Tod an sich ist Mysterium, das sagt uns dieser Film, und das Wasser sein Symbol. Still the Water. Sich in den Wellen verlieren, loslassen – ertrinken. Für die weitaus lebhaftere Kyoko bekommt der Tod bald eine noch viel persönlichere Bedeutung. Ihre Mutter ist todkrank. Damit muss sich das Mädchen im Verlauf des Films arrangieren. Die Mutter ist Schamanin. Das heißt, dass sie so richtig gar nicht sterben kann, weil sie halb Mensch, halb Gott ist. Aber was passiert dann? Kyoko denkt nach und wird grundsätzlich. „Warum leben und sterben die Menschen?“, fragt sie in einer frühen Szene im Gegenlicht. Kaito weiß es nicht. Schnitt aufs Meer.

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Wie diese funktionieren gleich mehrere Szenen in diesem Film. Zenploitation, gewissermaßen. Einmal müssen wir einer Ziege beim Ausbluten zusehen, während ihre Seele dem Körper entweicht. Kawase erweitert die Metaphorik aber noch um Jugend und Sexualität. Denn Kaito ist noch nicht angekommen beim Transzendenten. Aber auch er will nicht loslassen. Oder besser: sich nicht hingeben. Als Kyoko ihm ihre Liebe gesteht, bedankt er sich. Als sie Sex haben will, lehnt er ab. Seine Mutter schreit er an, weil sie nach der Trennung von seinem Vater einen Liebhaber hatte. Alle wollen sie Sex. Ich verstehe die Frauen nicht, beschwert sich Kaito. Aber selbst solche ironischeren Klänge übertönt Still the Water mit dem Rauschen des Lebensflusses. Die Wassersymbolik legt sich über das, was eine schöne Coming-of-Age-Geschichte hätte werden können. Doch Kaito und Kyoko verkörpern nur die zwei Seiten dieser Metapher. Beide müssen aufwachsen, das heißt loslassen. Tod und Sexualität. Zweifel und Schüchternheiten ablegen. Jugendliche Unschuld verlieren.

Ende der Schüchternheit

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Nicht nur Kawases Figuren, auch ihr Kino war mal schüchtern. Doch die leise Poetik ist hier endgültig einer aufdringlichen Bildsprache gewichen. Still the Water ist von Anfang ganz und gar Film, Fiktion, Erzählung. Deshalb wird umso deutlicher, wie sehr Kawases Stärke im Dokumentarischen liegt – und das nicht nur wegen ihrer genuinen Dokumentationen. Auch in einigen ihrer Spielfilme, in ihrem Debüt Suzaku (Moe no suzaku, 1997) etwa, hat die Kamera zunächst nur aufgezeichnet und beobachtet. Erst ganz langsam schlich sich das Begehren in diese Aufzeichnung. Aus dem Dokumentarischen schälte sich allmählich eine Fiktion, aus den Beobachtungen kleine Geschichten. Freilich waren auch diese oft genug symbolisch überdeterminiert, doch wurden sie in Beziehung zum konkreten Raum und seinen Menschen gesetzt, zumeist Kawases Heimatort Nara. Am Rande des unendlichen Ozeans, ganz ohne dokumentarische Grundierung, schlägt das Pendel aber gefährlich aus in Richtung Naturkitsch und Vergänglichkeitspathos. Die filmische Sprache ist nicht mehr motiviert vom Wissen um die potenzielle Kraft, die in einem Bild schlummert, sondern nutzt diese Kraft mitunter recht schamlos aus.

Von schmerzenden Schnitten

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So gehören zu den schönsten Momenten in diesem Film diejenigen, die nun selbst wieder das Dokumentarische in die Fiktion strömen lassen. Wenn Kyoko etwa mit ihren Eltern herumalbert, wenn in den nicht aufzuhaltenden Weg zum Tod ein kleiner Zwischenaufenthalt sich einfügt, der gerade deshalb mal ehrliche Wärme spendet, weil die Aussagen nichts mit dem Film zu tun haben, nichts bedeuten. Wenn die Albernheiten dann doch wieder mit Bedeutung schwanger gehen, dann ist dieser große Moment mal wenigstens aus der Situation entstanden. Zumeist nämlich wird er immer ohne Umwege gesucht. Was Kawase mit ihrer neuartigen Ambition – es heißt, die Regisseurin selbst bezeichne Still the Water als ihr Meisterwerk – verloren hat, ist ihr eigentlich so sicheres Gespür für Dauer. Nicht dass ihre Einstellungen sonst einfach nur länger gewesen wären, aber sie fügten sich stets in eine Erzählung und blieben doch autonom. Jeder Schnitt schmerzte, weil er nicht nur ein Bild, sondern eine Dauer aufgab. In Still the Water schmerzen die Schnitte nicht, weil sie ein Ende markieren, sondern weil sie das Gesehene ständig überhöhen müssen. Schnitt in den Himmel. Schnitt aufs Meer. Das Rauschen der Brandung. Das Zirpen der Zikaden. Auch diese Geräuschkulisse ist keine Dauer, sondern dauert den ganzen Film über, auch sie will uns das Leben als solches nahebringen – weil im Hintergrund nicht das Meer und die Zikaden zu hören sind, sondern Das Meer! und Die Zikaden! Leben und Sterben als pure Affirmation, meta-physisch, ohne einen Körper, auf dem es sich ausbreiten kann.

Trailer zu „Still the Water“


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