Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Leben und Tod in allen nur denkbaren Grautönen: Uberto Pasolinis lakonische Tragikomödie überzeugt vor allem dann, wenn sie nichts erzählt.

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Wie im Supermarkt liegen sie aufgereiht da, die dunklen Plastikbehälter in den Regalen des Krematoriums. Einer nach dem anderen, nach Verfallsdatum sortiert. Ja, der Tod ist ein Geschäft in der Durchstrukturiertheit zivilisierter Kulturen, und so wundert es nicht, dass man auch hier auf Rentabilität achtet. John Mays (Eddie Marsan) Stelle in der Stadtverwaltung muss wegrationalisiert werden, wie ihm sein Chef zusammen mit der dümmlich dreingrinsenden Sekretärin eröffnet, nachdem wir zu Beginn von Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit (Still Life) diesen gleichermaßen tristen wie spannenden Beruf etwas näher kennenlernen durften: Johns Aufgabe ist es, denjenigen die letzte Ehre zu erweisen, denen nichts und niemand geblieben ist. An den Begräbnissen nimmt nur er teil. Verbissen kämpft er bei seinem letzten Auftrag nun darum, die Familienmitglieder und ehemaligen Freunde des Verstorbenen aufzusuchen und zur Teilnahme an der Bestattung zu bewegen.

Ein Leben für die Toten

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In den Gefilden des überdrehten, als very british gelabelten schwarzhumorigen Klamauks, den man etwa aus Sterben für Anfänger (2007) kennt, bewegt sich Pasolinis Film zu keiner Zeit. Der Regisseur zeigt sich als Freund des Lakonischen und geht mit angenehmer Gemächlichkeit ans Werk. Dennoch bekommen wir innerhalb weniger Szenen einen prägnanten Überblick über John Mays Gang des Lebens. Erst sind es ein paar Beerdigungen im flüssigen Zusammenschnitt, denen wir beiwohnen, und obwohl sie variieren, laufen sie doch nach dem gleichen Schema ab. Ein paar schöne Worte, die passende Musik für den Verstorbenen, ein wenig Weihrauch wird geschwenkt. Für John der gewöhnliche Lauf der Dinge.

Fremde Persönlichkeiten ersetzen hier voll und ganz seine eigene. Nicht nur weil John zu Hause Fotos seiner Auftragspersonen in einem Album aufbewahrt, sondern vor allem, weil es zu seiner Arbeit gehört, unbekannte Leben zu durchforsten. Akribisch durchkämmt er die Wohnungen der Verstorbenen, sucht nach Bildern, Andenken und Anhaltspunkten, um ihnen trotz leergefegter Kirchenbänke ein würdiges Begräbnis zu ermöglichen. Einen anderen Sinn gibt es in Johns Leben nicht. Leer und karg sind die Arbeits- und Wohnumgebung von Mr. May: verlassene Gotteshäuser, sterile Kacheln und Fliesen im Krematorium, charakterlos das Büro und das Apartment mit dem akkurat gedeckten Tisch und den immer gleichen Hemden im Schrank. Überall dominieren kaltes Weiß und bleiches Grau, es ist, als habe die Mise en Scène die Leichenblässe der Verstorbenen angenommen.

Unbedingtes Einlösen der Feel-Good-Prämisse

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Dabei reißt die Kamera nicht einmal aus ihrer beharrlichen Statik aus, genauso wenig wie John auch nur ansatzweiße von seinem schwarz-grau-weißen Erscheinungsbild abweicht. Dadurch fällt nur umso stärker auf, wie außerordentlich karikaturhaft die Figur gezeichnet wird. Natürlich beruht der Reiz des Films in diesem überzeichnet Verschrobenen und Verdrucksten des Protagonisten, der eine einschneidende Wandlung durchlebt, doch dabei verlässt sich Pasolini zunehmend auf formelhaftes Erzählen. Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit kann manches Mal einfach nicht verbergen, dass er dem Publikum unbedingt gefallen möchte. Je weiter John seine Nachforschungen anstellt, je mehr Leuten er begegnet, je intensiver er sich in den Fall hineinsteigert, desto weniger gewährt Pasolini denn auch der schönen Blässe seiner Bilder den Vorrang. Stattdessen begibt er sich auf die Flucht ins  Tröstliche des wohlwollend-klassischen Erzählens, biedert sich, so schön die Geschichte auch dahinfließen mag, dem Pathos an.

Der Charme des Unwichtigen

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Zum Glück lässt er seine Figur manches Mal doch ins Zentrum rücken, was feine Spuren im Gedächtnis des Zuschauers hinterlässt. Von Zeit zu Zeit bricht er kurz seine Erzählung auf, um einfach nur irgendetwas geschehen zu lassen. Wenn John neugierig eine Fleischpastete begutachtet, bevor er vorsichtig hineinbeißt, oder von einer Verkäuferin eine heiße Schokolade aufgeschwatzt bekommt, erlaubt es uns der Film, die Hauptfigur für einen kurzen Moment genau zu beobachten. John sitzt im Zug, blickt zur Seite, nach oben und holt schließlich seine Tasche aus der Ablage über ihm, um sie neben sich auf den Sitz zu stellen. Sie will nicht richtig stehen bleiben, also rüttelt er ein wenig an ihr herum. In derartigen Zwischenstadien des Geschehens entwickelt der Film eine zarte einnehmende Kraft, auf die er an vielen Stellen aber nicht so recht vertrauen mag.

Dabei schafft es Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit erst in diesen Momenten, wirkliches Interesse für die Hauptfigur zu wecken. Es sind die Füllbilder, die erzählerischen Auslassungen, in denen John von der Schablone zur Person wird. Die zunehmend lauten Töne zwischen dem leisen Wispern des Vergänglichen, zwischen den schönen Augenblicken des Unwichtigen dagegen drohen diese bescheidene Stärke des Films immer mehr zu zerstören. Doch sind es, wie auch in der außerfilmischen Welt, die vermeintlichen Nichtigkeiten, die uns wirklich etwas über jemanden verraten. Statt bedeutungsschwanger Geister der Vergangenheit wiederauferstehen zu sehen, hätten wir lieber einfach noch einmal zugeschaut, wie Mr. May in eine Pastete beißt.

Trailer zu „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“


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Kommentare


Martin Zopick

Ein ganz leiser Film voller unspektakulärer Nebensächlichkeiten, aber mit einem omnipräsenten Eddie Marsan in der Titelrolle. Man kennt sein Gesicht aus endlos vielen Filmen, aber hier ist es die Basis: still, freundlich, unattraktiv. Und genau das passt hier auf den Funeral Officer. John May sucht nach Angehörigen von einsam Verstorbenen und wird entlassen. Detektivisch genau und menschlich übermäßig penibel macht er seinen Job. Bei seiner Suche trifft er auf skurrile Typen. Die meisten wollen mit dem/der Verstorbenen nichts zu tun haben. Es gibt ja auch nichts zu erben. John überredet sie trotzdem, zur Beerdigung zu kommen.
Nachdem man John bei seinem Job, der nicht vergnügungssteuerpflichtig ist, respektvoll schätzen gelernt hat, begegnet ihm bei seinem letzten Fall die Tochter (Joanne Froggatt) eines Verstorbenen. Sie ist jung und hübsch, John Mays Gesicht hellt sich merklich auf. Weit entfernt von einer nullachtfünfzehn Lovestory beginnt jetzt die Größe dieses kleinen Films. Zunächst kriegt der Zuschauer einen unerwarteten Schocker verpasst. Und dann sprechen nur noch Bilder. Jeder kann sich selbst die Bedeutung des Finales ausmalen und vom Sehen zum Fühlen gelangen. Und das sind Emotionen pur mit Musik von Rachel Portman unterlegt.
Nur so viel sei verraten: es geht um Einsamkeit, sichtbares Gedenken und Ehrerbietung, Letztlich menschliche Größe, die John May (Frühlingsname) offenbar hatte. Da gefällt mir der deutsche Untertitel, denn die letzten Bilder kann nur die ‘Ewigkeit flüstern‘. Klar, dass der Film auf diversen Festivals Preise abgeräumt hat. Ich würde ihm auch einen verleihen – einen kleinen ganz leisen.






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