Still Life

Jia Zhang Ke erzählt in seinem neuen, mit dem Goldenen Löwen von Venedig prämierten Film zwei Geschichten einer Suche. Dafür begibt er sich in das Gebiet des Drei-Schluchten-Damms in der südchinesischen Provinz Szechuan.

Still Life

Seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde im Bereich der drei Schluchten Qutang, Wuxia und Xiling ein Staudamm geplant, der die Bevölkerung vor Überschwemmungen des Yangtse schützen sollte. In Betrieb genommen wurde der Damm schließlich erst im Mai 2006 und war bei der Bevölkerung durchaus umstritten, weil durch die Anhebung der aufgestauten Fluten mehrere Dörfer und Siedlungen sowie zahlreiche architektonische Sehenswürdigkeiten unter Wasser gesetzt wurden. So verschwand etwa der gesamte Altstadtkern von Fengjie in den Fluten. Als Vorbereitung für eine weitere Anhebung des Wasserspiegels werden die Bewohner in dessen Folge aus den äußeren Gebieten Fengjies in neue Unterkünfte umgesiedelt, und Abrissfirmen machen mit der Hilfe zahlreicher Billigarbeiter die alten Häuser dem Erdboden gleich.

Der chinesische Regisseur Jia Zhang Ke nimmt dieses gegenwärtige, apokalyptisch anmutende Szenario als Schauplatz seines neuen Films Still Life. Obwohl Fengjie in mehrfacher Hinsicht das Versagen der chinesischen Regierung deutlich macht, weil Kulturschätze und ganze Städte unter der Wasseroberfläche verschwinden, ist Jia Zhang Ke überraschenderweise mit seinem Film an der einheimischen Zensur vorbeigekommen, die seinen Kollegen Lou Ye (Summer Palace, 2006) ein Jahr zuvor noch mit einem mehrjährigen Berufsverbot belegt hatte. Still Life benutzt Fengjie und die dortige Situation zwar als Ausgangspunkt und dokumentarische Kulisse, im Mittelpunkt des Films stehen aber zwei fiktive, lose miteinander verbundene Geschichten, die mit dem Untergang Fengjies scheinbar wenig zu tun haben. Nach Jahren der Abwesenheit kehrt der Bergarbeiter Han Sangming (San-ming Han) zurück nach Fengjie, um seine Frau zu suchen, die er seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Nach dem Besuch bei Ämtern und Verwandten fängt er vorübergehend an, für eine Abrissfirma zu arbeiten. Gleichzeitig folgt ein zweiter Handlungsstrang einer jungen Frau (Tao Zhao), die versucht, ihren Mann zu finden, von dem sie schon einige Jahre getrennt lebt.

Still Life

Die beiden Geschichten laufen parallel, ohne sich zu berühren. Vielmehr bilden sie zwei Variationen desselben Themas, die nach einem gemeinsamen Anfang unterschiedlich weitergeführt und zu Ende gebracht werden. Mit seinen wortkargen, immer wieder ausdruckslos ins Leere blickenden Figuren und dem Motiv einer scheinbar hoffnungslosen Suche wirkt es zunächst, als würde sich Still Life mit seiner Sprachlosigkeit und Tristesse sämtlicher Stereotypen des zeitgenössischen chinesischen Autorenfilms bedienen. Bei näherem Hinsehen ist der Film jedoch weitaus mehr als eine pessimistische Bestandsaufnahme der Lage des Landes: Er vollzieht seine Beobachtungen des gegenwärtigen Chinas mit einer poetischen Qualität, die schon in der Eingangssequenz deutlich wird.

Jia Zhang Ke eröffnet Still Life mit einer langsamen Kamerafahrt entlang einer Bootsanlegestelle, kurz vor der Ankunft seines Protagonisten. Mit sphärischer Synthesizermusik und vorbeiziehenden Tableaux Vivants von Karten spielenden Arbeitern und wartenden Menschen etabliert der Film seinen Schauplatz als einen unwirklichen Ort. Diese besondere Atmosphäre, die den gesamten Film über spürbar bleibt, ist vor allem den Bildern des Kameramanns Yu Lik Wai zu verdanken, der zum festen Stab von Jia Zhang Kes Produktionen und auch als Regisseur bemerkenswerter, aber hierzulande kaum beachteter Filme (Love will tear us apart, Tin seung yan gaan, 1999) in Erscheinung getreten ist. Fengjie wird von ihm als ein mystischer, von Ruinen überzogener Ort inmitten einer nebeligen Berglandschaft dargestellt, indem das Hämmern der Arbeiter gegen die brüchigen Baufundamente wie ein hypnotisches Mantra erklingt.

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 Fengjie wird jedoch nicht nur als ein Gebiet des Untergangs inmitten eines Landes, das einerseits einen Ruf als aufstrebende Wirtschaftsmacht hat, auf sozialer Ebene aber immer noch weitgehend von Benachteiligung und Korruption geprägt ist, dargestellt. Der Film zeigt auch Hoffnung für seine Figuren, indem er ihnen Freundschaften sowie einige magische Augenblicke gewährt.

Surreale Elemente wie ein Tempel, der plötzlich als Rakete ins All abhebt, und ein Seiltänzer, der in Schwindel erregender Höhe über die Ruinen der Stadt balanciert, entpuppen sich als Visionen der Protagonisten, denen Jia Zhang Ke in dieser untergehenden Welt noch Zukunftsperspektiven zugesteht.

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