Still Alice

Ein paar Unschärfen machen noch keinen Film: Richard Glatzers und Wash Westmorelands ereignisreiches Drama weiß nichts mit sich anzufangen.

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Es wird unglaublich viel herumgesessen in dem Alzheimer-Drama Still Alice. In Lokalen, in Wohnräumen, in Behandlungszimmern. Man könnte sagen, es ist wortwörtlich ein gesetzter Film, der Statik zum Stilmittel erhebt und Ruhe zur vermeintlich treibenden Kraft. Einmal – in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit – kann die Hauptfigur Alice (Julianne Moore) die Toilette nicht finden. Es ist ein Moment, in dem Hysterie auszubrechen droht, der durch plötzlichen Handkameraeinsatz fast hyperdynamisch wirkt und ungewöhnlich schroff. Die Regisseure Richard Glatzer und Wash Westmoreland sind eigentlich fixiert auf ihre Charaktere, Still Alice möchte aus nächster Nähe und bedächtig vom Verfallsprozess seiner Protagonistin erzählen. Auf einen Schlag fehlen der eloquenten Linguistikprofessorin Alice Howland während eines Vortrags die richtigen Worte. Ein kleiner Witz soll es rausreißen, der übertüncht aber die Tatsache nicht, dass gerade – es ist ironischerweise der Begriff „wordstock“, der nicht über die Lippen rutschen will – etwas Ungewöhnliches in der so erprobten Sprecherin vonstattengegangen ist.

Verdammt sei der Weg des geringsten Widerstands

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Natürlich ist dies erst der Anfang, und man kann wahrlich nicht behaupten, Glatzer und Westmoreland hätten nichts zu erzählen. In der stets voranpreschenden Ereignishaftigkeit des Films, in der vor allem Julianne Moore eine enorme Palette der Gefühlsregungen durchzuexerzieren vermag, ist es umso verwunderlicher, wie gemächlich dennoch alles seinen Lauf nimmt. Rührseligkeiten werden für Still Alice dabei nur vereinzelt zum letzten Refugium, in das der Film sich verkriecht. Da ist etwa eine fast peinlich emotionale Szene, in der Alice eine bewegende Rede vor einer Alzheimer-Gesellschaft hält  – es wird, nebenbei erwähnt, auch wahnsinnig viel geredet in diesem Film –, die gekonnt nach allen Regeln der Genrekunst Tränenseligkeit hervorzurufen versteht. Von derlei Momenten hätte man sich sogar ein paar mehr gewünscht, denn der Film ist viel zu sehr damit beschäftigt, nicht zu einfach gestrickt zu wirken. Von angenehmen Abkürzungen halten Glatzer und Westmoreland nichts. Die ersten Gedächtnisverluste ereignen sich, es folgen ein Arztbesuch, eine Szene zu Hause, dann ein weiterer Arztbesuch und schließlich noch einer zwischen zwei Geständnissen im Kreis der Liebsten. Es gibt zwar einige Ellipsen im Film, wie Sprünge in der Erzählzeit, doch keine dramaturgischen. Man begrüßt irgendwann gar die ein oder andere Sentimentalitätsfalle, jedoch nicht weil die Phasen der Erkrankung so penibel abgearbeitet werden, sondern weil dem sturen Fokus auf die Hauptfigur, ihren schrittweisen Zerfall und die Befindlichkeiten der Familie mehr und mehr die spannende Beobachtung abgeht.

Dickköpfige Konventionalität

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Nicht dass es keine bemerkenswerten Momente in der Narration gäbe, etwa die Art und Weise, wie Alice ihre sämtlichen technischen Geräte als Konservierungsmaschinen der Erinnerung nutzt. Mehr als entschleunigtes, geradliniges Erzählkino erwartet man von Still Alice ja auch nicht, doch ist das Schematische des Films auf fast schon erschreckende Weise störrisch. Vereinzelte plumpe ästhetische Spielereien und Symbolismen wirken da wie kleine Ausbrüche von Wagemut, die aber so schnell verpuffen, dass sie keine nachhaltigen Spuren hinterlassen. Das gespaltene Ich im zerbrochenen Spiegel bedarf wohl keinerlei Erläuterung, und bei einem von Alice’ ersten Aussetzern verschwimmt für kurze Momente die Umgebung. Doch das ist auch schon alles an stilistischem Schneid, der stets schnell ein Ende findet. Es ist, als wollten sich Glatzer und Westmoreland dafür sogleich selbst auf die Finger hauen. Wenn persönliche Erinnerung als körniger Super8-Film-im-Film in Erscheinung tritt, dann hat Still Alice das Maximum an formaler Experimentierfreude erreicht.

Ein Bild in tausend Spielarten

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Still Alice erinnert an einen anderen Film mit Julianne Moore aus der jüngeren Vergangenheit. In dem motivisch überladenen, aber doch recht faden Drama Das Glück der großen Dinge (What Maisie Knew, 2012) kämpft diese um das Sorgerecht für ihre Tochter, von deren Standpunkt aus der Film erzählt wird. Anders als dort werden einem als Zuschauer in Still Alice nicht aus einer etwas entfernten Außenperspektive die Geschehnisse herangetragen, sondern man ist zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort in die überdeutlich artikulierte Pein der Betroffenen involviert. „I hate this is happening to me! I wish I had cancer, I wouldn’t be so ashamed.“ Mag der Gang der Dinge dann auch schließlich keinen Zweifel über den Ausgang der Ereignisse lassen, so ist es wenigstens schön zu sehen, wie Glatzer und Westmoreland gerade nicht auf ein abschließendes Bild des Unvermeidbaren hinarbeiten. Erzählerisch ist in Still Alice immer der Weg das Ziel, dieser ist jedoch so eben und schnurgerade, wie er nur sein kann. Das ist weniger als inszenatorische Konsistenz denn als Belanglosigkeit zu sehen. Zugespitzt könnte man gar formulieren, Still Alice gibt nur eine Handvoll unterschiedlicher Zustände und Sachverhalte wieder, die er visuell dürftig umordnet und minimalvariiert, was sich aber nicht zum künstlerischen Prinzip erheben lässt. Die ständige Repetition des Immergleichen beherrscht den Film bis zur letzten Szene: Alice und Tochter Lydia (Kristen Stewart) in Nahaufnahme, sitzend auf der Couch. Das ist leider alles, was Still Alice je vollzieht: Er sitzt seine Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes aus, anstatt sie anzupacken.

Trailer zu „Still Alice“


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