Stiefbrüder

Dada in Hollywood: Stiefbrüder ist ein neues Glanzstück der derzeit erfolgreichsten Komödienschmiede Amerikas.

Stiefbrüder

Brennan Huff (Will Ferrell) ist 39 Jahre alt und lebt bei seiner geschiedenen Mutter. Dale Doback (John C. Reilly) ist 40 und lebt bei seinem ebenfalls geschiedenen Vater. Dales Vater lernt Brennans Mutter kennen und lieben. Auf die Heirat folgt der Einzug ins gemeinsame Haus. Brennan und Dale werden über Nacht zu Stiefbrüdern.

Zwei in der Pubertät stecken gebliebene Männer, die sich ein Kinderzimmer teilen müssen: Um eine solche Prämisse herum einen ganzen Spielfilm zu basteln, traut sich nicht jeder. Und Erfolg damit haben können wohl nur Regisseur Adam McKay, Produzent Judd Apatow und ihre beiden Hauptdarsteller. Dieses Team war 2006 verantwortlich für die wahnwitzige Sportfilmparodie Ricky Bobby – König der Rennfahrer (Talladega Nights: The Ballad of Ricky Bobby). Zwei Jahre davor verwirklichten Apatow, MaKay und Ferrell (ohne Reilly) die noch wahnwitzigere Mediensatire Der Anchorman (Anchorman: The Legend of Ron Burgundy). Stiefbrüder (Step Brothers) fügt sich glänzend ein in diese beeindruckende Filmografie.

Stiefbrüder

Stiefbrüder kommt schnell zur Sache. Bereits das erste gemeinsame Abendessen verwandelt sich Dank der ganz grundlegenden sozialen Inkompetenz der Brüder (noch) wider Willen in eine Katastrophe. Neben diesem eingefahrensten aller Familienfilmklischees, der gemeinsamen Mahlzeit, arbeitet sich Stiefbrüder im Folgenden durch jede Menge andere wohlbekannte Bilder und Motive, durch Beziehungskrisen und Versöhnungen, durch Geschwisterstreit und Familienfeiern.

Eine Handlung im engeren Sinne wird aus alledem nicht. Der Film folgt eher einem Nummernprinzip als dass er sich kausallogischen Regeln unterwerfen würde. Vor allem jedoch herrscht in Stiefbrüder der reine, kreative Irrsinn. Alle Beteiligten haben ihren Spaß, keine Idee ist so abseitig, als dass sie keine Verwendung finden könnte. So erklärt das Drehbuch beispielsweise nicht einen, sondern gleich beide Stiefbrüder zu Schlafwandlern, und als solche verwüsten Dale und Brennan mehrmals die gesamte Wohnungseinrichtung. Später werden sie unter anderem einen absurden Hiphop-Videoclip drehen, ihr Stockbett zum Einsturz bringen, SS-Uniformen beziehungsweise Ku-Klux-Klan-Kostüme überstreifen und sich gegenseitig lebendig begraben, weil der eine seinen Hodensack auf dem Schlagzeugset des anderen platziert.

Stiefbrüder

Und das ist noch lang nicht alles: Hervorzuheben ist aus dem hervorragenden Ensemble-Cast (inklusive zahlreicher Cameoauftritte) insbesondere noch Adam Scott als Derek, Brennans jüngerer Bruder. Der ist pathologisch ehrgeizig und übt mit seiner Familie während Autofahrten komplexe klassische Kanonarrangements ein. Seine frustrierte Ehefrau interessiert sich aber weitaus mehr für Dale und beginnt mit ihm eine wilde Affäre, deren konkreter Vollzug klassische Geschlechterrollen ins Wanken bringt.

Stiefbrüder nimmt durchgehend – manchmal auch explizit – Partei für gelebte Infantilität, bedingungslose Anarchie und kreativen Hedonismus sowie gegen gesellschaftliche Ordnungsprinzipien, geradlinige Lebensläufe und Kontrollwahn. Das beste Argument für eine solche Haltung ist der Film selbst. Solange man mit einem 98 Minuten langen kreativen Amoklauf, der konsequent alle Regeln des vermeintlich guten Geschmacks wie des klassischen Erzählkinos verletzt und selbst naheliegende Vergleichsobjekte wie die Monty-Pyton-Filme im Vergleich behäbig aussehen lässt, Erfolg haben kann – der Streifen spielte allein in den USA an die 100 Millionen Dollar ein –, besteht Hoffnung für alle Brennans und Dales dieser Welt. Und die Dereks dieser Welt bekommen eine Faust auf die Nase, wenn sie es wagen, das adrett eingerichtete Baumhaus zu betreten.

Stiefbrüder

Schließlich organisieren Brennan und Dale – inzwischen längst nicht mehr Brüder wider Willen, sondern Wahlverwandte aus eigenem Antrieb und mit Haut und Haaren –  gemeinsam den „Annual Catalina Wine Mixer“. Das ist ein dezidiert südkalifornisches High-Society-Irgendwas mit vielen reichen Menschen, teuren Kleidern und schlechter Musik – zumindest, bis die erste Band vertrieben wird und für die Stiefbrüder die ganz große Stunde schlägt. Was es mit diesem „Wine Mixer“ genauer auf sich hat, scheint keiner zu wissen. Aber er ist eine gute Gelegenheit, Helikopter zu verkaufen.

Trailer zu „Stiefbrüder“


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