Stereo

Von der Isolation des Individuums: Bereits 1969 tastet sich Cronenberg an die Themen und Motive seiner späteren Spielfilme heran.

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Stereo, David Cronenbergs erster, gut einstündiger Langfilm, beginnt mit langen Einstellungen von schematisch konstruierten Gebäuden, die in eine karge, unscheinbare Landschaft gesetzt wurden: Quaderförmige Plattenbauten bilden nicht nur einen künstlichen Kontrast zur Umgebung, sie dominieren das gesamte Bild. Das Universitätsgelände, das Cronenberg für diesen Film und auch den unmittelbar folgenden Crimes of the Future (1970) als Drehort gewählt hatte, wirkt wie die letzte Bastion des modernen Menschen. Als Sammelkomplex einer Gruppe von Versuchspatienten, denen das Sprachzentrum im Gehirn entfernt wurde, symbolisiert es gewissermaßen ein architektonisches Geschwulst, zu dem alle umliegenden Wege wie um sich greifende Tentakel gehören.

Was in Videodrome (1983) schon morphologische Züge annehmen und in eXistenZ (1999) zur desaströsen Vollendung geführt werden wird, wirkt in diesem frühen, noch ganz in Schwarzweiß gehaltenen Kurzfilm bereits erstaunlich durchkomponiert: Die hyperrealistisch-sterile Umgebung hält das Organische gefangen. In Stereo gibt es keinen einzigen bewussten Blick in die freie äußere Welt, der aseptische Mikrokosmos ist die letzte gültige Einheit. In ihm steuert das manipulierte Lebewesen hilflos umher. Es ist durchaus bezeichnend, dass Cronenberg, der die meisten Szenen selbst gedreht hat, die Struktur des aus Metall und Stein bestehenden Gebäudes kontinuierlich mit der Kamera abtastet: Vertikale Deckenbalken reihen sich zu einer endlos scheinenden Bahn aus immer gleichen navigatorischen Punkten. Weite Ansichten von Eingangshallen und Lesesälen bestimmen den menschlichen Körper als versprengtes Überbleibsel innerhalb eines ausweglosen Labyrinths. Die Orientierungslosigkeit und Bedrängnis löste auch bei seinen populärsten Figuren unkontrollierbare Effekte aus – in Videodrome fusioniert der Körper von Max Renn (James Woods) mit seinen imaginären Abbildern, auch die Scanners (1981) können mit ihren Gedanken physisch töten; der Wissenschaftler Brundle (Jeff Goldblum) verwandelt sich schließlich in sein monströses Gegenbild (Die Fliege, The Fly, 1986).

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Dazwischen gibt es immer wieder Einblendungen von miteinander kommunizierenden Menschen – nur mit Hilfe von Gesten, Blicken und Gegenständen erfahrbar, denn der natürliche Umgebungston ist in Stereo vollständig ausgeblendet. Cronenberg setzt die Manipulation des menschlichen Sprachzentrums formal wie inhaltlich gleich. Einzig eine bisweilen melancholisch, bisweilen bedrohlich-nüchterne Stimme aus dem Off bietet dem Zuschauer einen auditiven Anhaltspunkt, doch wird dadurch nur noch mehr überlastende, da technisch-detaillierte Information preisgegeben. Verstörung und Orientierungslosigkeit in Perfektion. Stereo setzt dabei immer auf seine bezeichnende Dualität: das kontrastierende Schwarzweiß, die strikte Trennung von Bild und Ton sowie die repetitiv erzählte Geschichte.

Nach über 40 Jahren ist Cronenberg mit Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method, 2011) nun beim edel ausgestatteten Psychoanalyse-Biopic angelangt. Heruntergebrochen auf ihre thematische Essenz, sind sich beide Werke überraschend ähnlich: Die Unfähigkeit zuzuhören und zu verstehen stellt das zugrunde liegende Motiv dar. Dazwischen hat Cronenberg beständig expliziten Body-Horror im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit zelebriert, womit er gegenwärtig immer noch am häufigsten assoziiert wird. In seinem jüngsten Film erscheint der Stoff in ungewohnter Retro-Manier, ist aber genau wie in Stereo auf das Elementare reduziert. Es zählt nun seit jeher die Erkenntnis, auf das Wesentliche zu achten.

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